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Hier wird nur noch Lebensstil getankt

Die Tankstelle am Hamburger Brandshof wirkt, als habe man dort die Zeit angehalten. Ob Einrichtung, Mode, Musik oder Kuchen - alles sieht aus wie in den 50er-Jahren. Nur Sprit gibt es keinen mehr.

Von Linda Gondorf

  Sabine Jühlen liebt das Café "Erfrischungsraum" der Tankstelle Brandshof in Hamburg. Hier ist alles auf die 50er-Jahre abgestimmt. Auch sie kleidet sich gerne im Rockabilly-Stil.

Sabine Jühlen liebt das Café "Erfrischungsraum" der Tankstelle Brandshof in Hamburg. Hier ist alles auf die 50er-Jahre abgestimmt. Auch sie kleidet sich gerne im Rockabilly-Stil.

Im Café "Erfrischungsraum" riecht es nach frisch aufgesetztem Kaffee und Apfelkuchen mit Rosinen und Zimt. Man sitzt an Resopaltischen, genießt die altbürgerliche Küche oder selbstgebackenen Kuchen und fühlt sich, als wäre man plötzlich in eine andere Zeit gefallen. Die Service-Damen tragen Petticoat-Kleider und Taillen-Jeans, geschwungene Brillen und gepunktete Schleifen im Haar, ihre Lippen sind knallrot geschminkt. Der Blick schweift nach draußen. Dort stehen alte Zapfsäulen und ein paar Oldtimer. Und dann nimmt man auch den anderen Geruch wahr, den von Öl und Teer, was nicht weiter verwundert - schließlich gehört der "Erfrischungsraum" zu der 50er-Jahre Tankstelle Brandshof.

Kaum ein Hamburger kennt diesen fast nostalgischen Ort am Billhorner Röhrendamm Nr. 4, der weit weg von hippen Bezirken wie dem Schanzenviertel zu finden ist. Nahe den Elbbrücken steht die einstige Tankstelle, die heute offiziell keine mehr ist, weil sie kein Benzin verkauft, sondern ein GTÜ-Prüfstelle für Oldtimer ist - mit Café. Aber der Reihe nach.

Ein Café im Kassenraum der einstigen Tankstelle

Es fing damit an, dass die Mechaniker Jann de Boer und Alex Piatscheck 2010 entscheiden, sich mit einer Prüfstelle selbstständig zu machen. Doch sie sollte etwas Besonderes sein. Vor Augen hatten sie von Anfang an eine historische Tankstelle. Das ist so eine Leidenschaft von uns", erzählt de Boer stern Genuss, während er hinterm Grill steht und Original Thüringer Bratwürste brät. Beide sind 50er-Jahre-Fans und leidenschaftliche Oldtimer-Sammler. Als Piatscheck sich zum GTÜ-Prüfer ausbilden ließ - er wollte sich künftig um Oldtimer kümmern - machten sie sich auf die Suche. Sie ließen sich eine Liste aller leerstehenden Tankstellen geben und fuhren alle an - die letzte, die sie aufsuchten, war es dann: die Tankstelle Brandshof, ihr heutiges Baby.

"Der Raum für das Café stand schon in den alten Bauplänen von 1954 drin", sagt der 41-Jährige und wendet das Fleisch. "Der Vorbesitzer hatte sogar schon den Namen gewählt: 'Erfrischungsraum'. Nur kam er nicht mehr dazu, das Café zum Leben zu erwecken." 1984 musste der damalige Ein-Mann Betrieb schließen. Der Grund: Die einstige Durchfahrtsstraße wurde 1962 zur Sackgasse, 1984 kam dann auch noch der Bau der Hochbrücke dazu - damit blieben die Kunden aus.

Vom Vorreiter zum Schlusslicht

Als die Tankstelle 1954 erbaut wurde, war der Standort noch gut gewählt: Wer von Süden über die Elbbrücken nach Hamburg fuhr, kam zwangsläufig an der Tankstelle vorbei. Tatsächlich gehörte der Betrieb damals zu den Vorreitern seiner Zunft: Die Tankstelle war mit sieben hochmodernen Zapfsäulen ausgestattet, das charakteristische Tankwarthaus mit Überdachung hatten Architekten entworfen. Mit der veränderten Straßenführung und der Errichtung des Großmarktes verlor die Tankstelle ihre meisten Kunden, geriet buchstäblich ins Aus ging schnell bankrott.

2011, etwa ein Jahr, nachdem die beiden Mechaniker es gefunden hatten, eröffneten sie ihre Tankstelle mit Café, und heute, drei Jahre später, ist sie gut besucht - trotz ihrer Lage. Dass die Tankstelle heute ein denkmalgeschütztes Gebäude ist, geht auch auf die Kappe der Jungs. Ihre Bemühungen und ihr Konzept scheinen heute aufzugehen: Auf dem Gelände tummeln sich Auto-Liebhaber, vor allem Oldtimer-Fans, aber auch Besucher, die nur etwas essen und das nostalgische Flair des kleinen Cafés genießen wollen.

  Apfelkuchen wie von Oma aus aromatischen Äpfeln, Rosinen und gerösteten Mandelstücken.

Apfelkuchen wie von Oma aus aromatischen Äpfeln, Rosinen und gerösteten Mandelstücken.

Filterkaffee ist der Renner

Die Betreiber haben durchaus einen Blick fürs Detail: die Möbel, die Accessoires - selbst das Geschirr erinnert an Großmutters Zeiten. Auch die Kleidung der Service-Damen Melanie Juhlen und Sabine Finsel wirkt nicht aufgesetzt. "Ich ziehe mich gerne am Wochenende so an", sagt Finsel und holt einen Apfelkuchen aus der Vitrine. Mohnstreusel, Käsekuchen, Guglhupf - alles haben die Frauen selbst gebacken. Auch Mode-Getränke wie Capuccino, Latte Machiatto oder Espresso werden angeboten, kommen aber natürlich aus der Original Faema-Siebträgermaschine. Meistens bestellen die Besucher im "Erfrischungsraum" dann aber doch einen Filterkaffee.

Das Café hat aber mehr zu bieten als Kuchen. Am Wochenende werfen die Betreiber den Grill an und unter der Woche gibt es täglich wechselnde, warme Gerichte, dafür beschäftigen de Boer und Piatscheck eigens einen Koch. "Bei uns gibt es Gerichte wie bei Muttern zu Hause", sagt de Boer. Von Hackbraten über Schnitzel bis Klößen zaubert Koch Frank Hausmannskost auf die Teller und verwöhnt LKW-Fahrer und anliegende Firmen. "Viele Gäste lieben es, hier einfach nur zu sitzen und etwas zu essen", sagt Jühlenl.

  Wie aus einer längst vergangenen Zeit: Die Tankstelle Brandshof mit ihrem "Erfrischungsraum". 1954 gebaut, 1984 geschlossen, 2011 wiedereröffnet.

Wie aus einer längst vergangenen Zeit: Die Tankstelle Brandshof mit ihrem "Erfrischungsraum". 1954 gebaut, 1984 geschlossen, 2011 wiedereröffnet.

Neues Ziel: Wieder Benzin verkaufen

Früher, als noch Benzin verkauft wurde, kamen mehr LKW-Fahrer vorbei. Heute ist es eher ein Treffpunkt für Oldtimer-Freunde aus ganz Deutschland und für Fifties-Fans. Selten verirrt sich mal ein Hamburger hierher. Wer hier ist, will hier sein, und sei es, weil er davon gehört hat und neugierig ist.

Vielleicht würde sich das ändern, wenn die Tankstelle auch wieder Benzin verkaufen würde, aber auch dann müsste man gezielt hierher fahren. Derzeit gibt es das nicht, vielleicht irgendwann. "Im Moment fehlt uns dafür leider das Geld", sagt de Boer. Für neue Tanks müsste der Boden aufgerissen werden, ein kostspieliges Unterfangen. "Wir sind gerade erst richtig mit allem fertig geworden. 2011 haben wir sehr viel investiert. Alle Scheiben und Hunderte Fliesen an der Außenfassade mussten ersetzt werden", ergänzt Piatschek. Der Wunsch nach einer voll funktionsfähigen Tankstelle ist aber nach wie vor da. Man muss ja noch Ziele haben.

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