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Wie von unserem Müll zwei Milliarden Menschen satt werden könnten

Etwa ein Drittel aller Lebensmittel landet im Müll. Zwei Milliarden Menschen könnten davon satt werden.

Dieser Müllberg in Beirut sorgte zuletzt für Aufregung - darunter sind auch tausende Tonne Lebensmittel,

Dieser Müllberg in Beirut sorgte zuletzt für Aufregung - darunter sind auch tausende Tonne Lebensmittel, weil die Feldfrüchte kleine Fehler haben oder einfach, weil zu viel erzeugt wurde.

Essen wegzuwerfen gilt in allen Kulturen als unethisch, schließlich leiden weltweit fast 800 Millionen Menschen an Hunger. Gleichzeitig werden nach Angaben der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen genießbare Lebensmittel – etwa ein Drittel der Weltproduktion – entweder gar nicht erst geerntet oder später in den Müll geworfen. Mehr als genug, um jeden Hungernden zweimal satt zu bekommen. Was läuft da schief?

In den Entwicklungsländern geht ein großer Teil der Feldfrüchte schon nach der Ernte verloren: weil es keine geeigneten Lager gibt, keine guten Straßen, die einen schnellen Transport ermöglichen, keine Kühlung. Die Industrieländer verschwenden am anderen Ende der Lieferkette: weil der Einzelhandel zu viel bestellt hat, die Portionen im Restaurant zu groß sind und die Verbraucher die Reste hinten im Kühlschrank vergessen oder Waren vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums wegwerfen.

Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, dann wäre es der drittgrößte Produzent von Treibhausgasen

Die Vernichtung von Lebensmitteln belastet auch die Umwelt unnötig. Zur Erzeugung von Nahrungsmitteln, die keiner isst, werden Wasser, Dünger, Pestizide, Samen, Diesel und Ackerflächen vergeudet. Die Jahresproduktion von unverzehrten Lebensmitteln verbraucht so viel Wasser, wie in einem Jahr die Wolga hinabfließt, Europas wasserreichsten Fluss. Bei der Aufzucht der 60 Milliarden Kilo Nahrungsmittel, die Einzelhändler und Verbraucher in den USA jedes Jahr wegwerfen, wird etwa 70 mal so viel Erdöl verbrannt wie im Jahr 2010 bei der Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko ausströmte. Jeder Deutsche wirft im Durchschnitt pro Jahr 82 Kilo genießbarer Lebensmittel in den Müll, alle Deutschen zusammen mehr als 6,5 Milliarden Kilo. In diesen Zahlen sind die Lebensmittel, die schon vorher, auf Bauernhöfen, auf Fangschiffen oder in Schlachthäusern "entsorgt" werden, noch gar nicht enthalten. Wäre die Lebensmittelverschwendung ein Land, dann wäre es nach China und den USA der drittgrößte Produzent von Treibhausgasen weltweit.


Um dagegen anzukämpfen, rast der Koch Tristram Stuart um die Welt. In Huaral, einem Bauerndorf 80 Kilometer nördlich der peruanischen Hauptstadt befragt er einen Mann namens Luis Garibaldi, den größten Mandarinenproduzenten des Landes. Siebzig Prozent, sagt Garibaldi, exportiere er in die Europäische Union und nach Nordamerika. Die restlichen 30 Prozent der Früchte haben nicht die richtige Größe, Farbe oder Süße, oder sie haben Schönheitsfehler, Kratzer, Sonnenschäden, sind von Pilzen oder Spinnen befallen. Diese aussortierte Ware geht zum größten Teil an kleine Märkte in Peru. Am Ende des Interviews steht für Stuart die Erkenntnis: Die Standards der Großhändler für das Aussehen der Früchte sind sehr streng – bis das Angebot sinkt. Dann nehmen die Händler auch die nicht ganz perfekten Exemplare.

In der Region Ica trifft er einen Landwirt, der jährlich Millionen Stangen Spargel auf den Feldern stehen lässt, weil sie für den Export entweder zu dünn oder zu krumm oder ihre Spitzen einen Tick zu weit geöffnet sind. Ein anderer Obstbauer erzählt, dass er jährlich mehr als tausend Tonnen Tangelos, eine Kreuzung aus Grapefruit und Mandarine, und hundert Tonnen Grapefruit in eine Sandgrube kippt – wegen winziger Schönheitsfehler.

  Die äußere Form hat weder auf die Genießbarkeit noch auf den Nährstoffgehalt des Gemüses Einfluss. Warum es also wegwerfen?

Die äußere Form hat weder auf die Genießbarkeit noch auf den Nährstoffgehalt des Gemüses Einfluss. Warum es also wegwerfen?

"Nur wenn das Obst gut aussieht, kaufen die Kunden"

Sicherlich haben Großabnehmer immer schon auf Qualität geachtet, aber seit einigen Jahren sind die Obst- und Gemüseabteilungen vieler Läden zur Bühne für landwirtschaftliche Schönheitswettbewerbe mutiert. Die Händler sagen, sie würden auf die Wünsche der Kunden reagieren. Diese erwarteten eben Ware mit Idealmaßen und gutem Aussehen: glänzende, runde Äpfel, gerade Spargelstangen. "Nur wenn es gut aussieht, kaufen die Kunden", bestätigt Rick Stein, Vizepräsident am Food Marketing Institute.

  Mehr zum Thema finden Sie in der aktuellen National Geographic, Ausgabe März 2016, oder auf www.nationalgeographic.de

Mehr zum Thema finden Sie in der aktuellen National Geographic, Ausgabe März 2016, oder auf www.nationalgeographic.de

Stuart stiefelt durch ein schlammiges Feld in Nordfrankreich. Er greift in einen Erdhaufen und zieht mehrere Kartoffeln heraus, die – weil zu klein – durch die Gabeln der Lesemaschine gefallen sind. Gemeinsam mit Helfern will er für die "Speisung der 5000" am folgenden Sonntag auf dem Platz der Republik in Paris 500 Kilo Kartoffeln sammeln. Am Freitag waschen Stuart und andere Freiwillige die Ausbeute in einem baufälligen, leer stehenden Haus. Am Samstag ist Schnippelzeit. Hunderte von Freiwilligen würfeln binnen vier Stunden etwa 1.800 Kilo Kartoffeln, Auberginen, Möhren und rote Paprika. Alles wird in große blaue Plastiksäcke gefüllt. Sonntag um 5 Uhr früh schüttet Peter O'Grady, der eigentlich eine Armenküche in London leitet, den Inhalt der Säcke in brusthohe Metalltanks, die auf Gasbrennern stehen.

Gegen Mittag wird es voll auf dem Platz der Republik. Menschen in Möhren und Auberginenkostümen marschieren auf und rufen: "Verschwendet kein Gemüse!" 6100 Gäste sind gekommen, die Küchenhelfer ziehen sich Handschuhe und Schürzen an. Um zwölf Uhr erscheint Stuart. Er dankt allen, die mitgeholfen haben, nennt Lebensmittelverschwendung einen Skandal, schlägt schließlich den Bogen von der Landwirtschaft zum Klimawandel und verlässt die Bühne mit einem lauten "Bon appétit".

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe März 2016, www.nationalgeographic.de

Elizabeth Royte
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