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WTF? Was für ein Wein!

Innovation is calling: Der Winzer Daniel Aßmuth stellt mit seinem Mut viele deutsche Weine in den Schatten. Deutscher Wein kann nämlich auch anders sein - außergewöhnlich, komplex und modern. WTF?

Von Denise Wachter

Ein Mann, eine Mission: eigene Weine, eigener Charakter

Ein Mann, eine Mission: eigene Weine, eigener Charakter

Für einen Maler ist es die größte Ehre, wenn sein Gemälde im Museum erkannt wird. Für den Musiker, wenn sein Lied im Radio gespielt wird, und jeder weiß, wer da gerade singt. Für einen Schriftsteller, wenn beim Lesen der ersten Seite klar ist, wer das Buch geschrieben hat. Aber wie ist das bei einem Winzer? Kann man wirklich schmecken, von welchem Weingut ein Wein ist?

Daniel Aßmuth ist 32 Jahre alt und macht seit 2010 seinen eigenen Wein - in Bad Dürkheim mitten in der Pfalz. Er ist ein ruhiger, nachdenklicher Typ, immer lässig und leger gekleidet. Aßmuth hat sich dem Wein verschrieben - und das mit Leib und Seele. Weinmachen ist kein Nine-to-five-Job, sondern eine Lebensaufgabe - wenn man dabei bleibt. Sein Handwerk lernte Aßmuth im Weingut Wegener, danach arbeitete er drei Jahre im Weingut Markus Schneider, der König des Mainstream-Weins.

Aßmuths Weine sind aber keineswegs Mainstream. Sie sind komplex, verspielt und ein wenig kindlich - wie ein Kaleidoskop. "Das ist zwar ein Kinderspielzeug, aber mit Substanz", sagt er selbst über seine Weine. Genauso nennt der Winzer aber auch seine Wein-Basislinie. "Kaleidoskop" gibt es in Weiß, Rot und Rosé. Der Name steht auch für die Farbreflexe, die den Boden charakterisieren: ein sandsteinverwitterter Boden, der sehr mineralreich ist.

Von Null auf 15.000

Sein Weingut stampfte er aus dem Nichts und seine ersten Trauben reiften auf einer lächerlich kleinen Fläche von nur 2200 Quadratmeter; ein Fußballfeld ist doppelt so groß. 500 Flaschen Riesling waren der Beginn - auch der einer neuen Winzergeneration. Von Anfang an wirtschaftete Aßmuth biologisch. Heute sind seine Reben Bioland zertifiziert. Seine ersten Tropfen waren in kürzester Zeit vergriffen, so dass Aßmuth es unbedingt wissen wollte. Könnte er wirklich seinen eigenen Wein machen und davon leben? Er ging zur Bank und bat um Geld; die Presse und Blogger unterstützen sein Vorhaben. Heute wachsen seine Reben auf zwei Hektar, im Jahr füllt er bis zu 15.000 Flaschen ab. Leben kann er davon noch nicht.

80 Prozent Riesling baut Aßmuth hauptsächlich an, aber auch spannende Rotweine, die man so aus Deutschland nicht kennt - sie haben Volumen und Kraft. Normalerweise sind Dornfelder kraftlos, Portugieser können gut sein, aber auch sie sind meist leicht. Aßmuths Dornfelder und Portugieser macht so schnell keiner nach. Für seine Basislinie hat er neue Stöcke etabliert, aber einen Großteil machen uralte, tiefwurzelnde Reben aus. Sie stammen aus dem Jahr 1930.

Bubble Gum und Gummibärchen

Aßmuths Weine sind nicht nur authentisch, er macht kein Gewese um seine Weine, sondern auch ziemlich mutig. Denn er beweist Innovationsgeist und liebt es zu experimentieren. So kann ein 2013er Portugieser Rosé schon mal nach Gummibärchen und Bubble Gum schmecken. In Winzersprache übersetzt, findet man Aromen von Vanille, Nelken und Banane.

Experimente können zwar auch in die Hose gehen. Aber dass auch zufällig etwas Großartiges herauskommen kann, beweist der Wein WTF (What the fuck?). Denn der ist nicht nur schon fast ausverkauft - und zwar unter der Hand - sondern überzeugt auf ganzer Linie, weil er unglaublich gut schmeckt und eigentlich aus einem Weinfehler heraus entstanden ist. Der Wein sollte ursprünglich nie auf der Preisliste stehen, sondern inoffiziell verkauft werden - er hat es dann doch auf die Liste geschafft.

WTF ist ein eigenes Barrique, so sagt der Winzer, wenn er meint, dass aus einer Linie, etwas anderes geworden ist. Der Wein sollte eigentlich Rosé im Holzfass werden. Es kam aber ganz anders. Als Aßmuth den Wein probierte, war er völlig fassungslos, weil er so schräg schmeckte - deshalb der Name "What the fuck". Darin enthalten ist die Rebsorte Portugieser, der spontan vergoren ist und von einem Hefepilz befallen wurde, dem Brettanomyces. Man sagt auch, der Wein hat Brett. Der Pilz verursacht eine komplexe Note, die von süßlich scharf bis hin zu lederartigen, rauchigen oder pharmazieähnlichen Aromen reichen kann. Das gilt nach deutschen Maßstäben eigentlich als Weinfehler, aber Aßmuth findet, dass genau dieser Fehler den Wein wild und ungeschliffen macht und ihm so seinen eigenen Charakter verleiht.

Schnell noch im Keller ein Foto vom Underground-Wein WTF geschossen. Ein Weinfehler kann auch etwas Außergewöhnliches hervorrufen.

Schnell noch im Keller ein Foto vom Underground-Wein WTF geschossen. Ein Weinfehler kann auch etwas Außergewöhnliches hervorrufen.

Die Ersten, die den WTF probiert haben, waren hin und weg. Deshalb füllte Aßmuth den Wein in Flaschen ab. Noch sind wenige zu ergattern.

Das Faszinierendste an Aßmuths Weinen aber ist, dass jede Flasche seine Handschrift trägt. Für einen Winzer muss dieser Wiedererkennungswert das größte Kompliment sein. Denn man schmeckt, dass der Wein ein Aßmuth ist. Sein Fuchsmantel Riesling ist klar und würzig, mineralisch erdig mit wenig Frucht - genauso wie es der Winzer mag. Auf die Frage, ob er auch eher ein mineralischer und erdiger Typ ist, kann der junge Winzer nur schmunzeln. Was beweist, dass der Charakter des Winzers ganz klar im Wein stecken kann.

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