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Die Stille zwischen den Jahren

Wenn die Welt zur Ruhe kommt, zwischen Weihnachten und Silvester, begibt sich die Gascogne ans Brennen: Guter Armagnac ist die Passion aller Südwestfranzosen, was sie bei ausgiebigem Schmausen beweisen

Von Peter Pursche

Jahre wieder, zwischen Weihnachten und Neujahr, koppelt die Scheune von Monsieur Jean Ladevèze aus dem Dorf Montréal-du-Gers ab von dieser Welt, so, wie sich ein Waggon von einem fahrenden Zug löst, ausrollt und stehen bleibt. Für einige kalte Dezembernächte fällt das mächtige, schon etwas windschiefe Gebäude aus der Zeit. Aber nicht aus dem Leben, im Gegenteil - drinnen tragen die Frauen ihren besten Schmuck über dicken Pullovern, und die Männer glühen vor Glück. Der Standort des Waggons liegt in Südwestfrankreich im Departement Gers, dieEinheimischen bevorzugen aber den historischen Namen der Gegend: Gascogne. An klaren Tagen sieht man die Pyrenäen wie eine Wand am Südhorizont; nach Toulouse im Osten und nach Bordeaux im Norden sind es jeweils etwa 150 Kilometer, aber in diesen Sternennächten ist der Rest der Welt um Welten entfernt.

Immer zwischen den Jahren kreist in diesem Landstrich fast alles um einen physikalischen Prozess: die Wandlung von Wein in Armagnac auf dem Wege der Destillation. In toute la Gascogne geschieht das bei zugleich größtmöglich leiblichem Genuss, aber vielleicht nirgends geschieht das so herzlich wie bei Jean Ladevèze. Wer draußen vorm hohen Scheunentor steht, wird hineingezogen von beseeltem Geplapper, von rätselhaften Geräuschen und köstlichen Gerüchen. Und wer erst drinnen auf knorrigen Bänken sitzt, mit Holzfässern voller Spinnweben im Rücken und aufgekratzten Nachbarn neben sich, der geht nur noch zum Pinkeln vor die Tür. Wie stets in dieser Zeit war Jean Ladevèze auch vor wenigen Tagen wieder der Gastgeber von knapp zwei Dutzend Besuchern. Es waren die Ortshonoratioren, die mit frisch frisierten Gattinnen und weiterem Anhang in die Scheune kommen.

Das Paradies auf Papiertischdecken

Da war der Bürgermeister, der Arzt, der Besitzer des örtlichen Schlosses, dazu kamen die Freunde, die Nachbarn, Kollegen und Landarbeiter. Und immer ist es gleich: Auf der Tafel serviert Jeans Frau Marize, was das Land hergibt: Foie Gras (Stopfleber), Rillette (Schmalzfleisch), Confit (Eingekochtes) und Tatar (Verhackertes) von Gänsen und Enten, dazu Schweinernes, Lachs, Austern, eingelegte und gefüllte Gemüse - das Paradies packt sie auf Papiertischdecken. Für die heikle Kunst der Destillation hat Jean wie jedes Jahr Patrick Michalouski engagiert. Er ist einer der letzten ambulanten Schnapsbrenner in der Gascogne. Wie eine Hebamme, die zur Hausgeburt anreist, ist er von Oktober bis Ende Januar mit seinen straßengängigen "Alambics" unterwegs, über vier Meter hohen, kupfernen Destilliergeräten, die er vom Vater geerbt hat, und mit denen er dem Armagnac auf die Welt hilft. Schon vor drei Tagen hat er zwei solcher Getüme mit einem Traktor in Jeans Scheune bugsiert, seitdem lodert in den Brennkammern Tag und Nacht ein gleichmäßiges Holzfeuer; zwei Metallschornsteine führen die Abgase durchs Dach nach draußen.

Mit ihren polierten Kesseln, Leitungen und Kühlspiralen, die durch Ventile und Druckmesser reguliert und in Schach gehalten werden, wirken die Brenngeräte wie Maschinen aus einem sehr alten Zukunftsroman von Jules Verne. Tausend Liter Wein laufen pro Stunde in jeden der beiden "Alambics", es ist eine saure Plörre, zum Trinken kaum geeignet: nur 8,5 Prozent Alkohol, viel Säure und Geschmacksstoffe, kaum Zucker -aber der beste Ausgangsstoff für einen guten Armagnac. Denn nur aus minderen, dünnen Weinen lässt sich großer Branntwein brennen. Umgekehrt gilt: Guter Wein macht schlechten Brandy. Die Hitze im Destillationsprozesses komprimiert das Gesöff zu 150 Liter klarem Brand mit 52 bis 63 Prozent Alkohol. Der gute Tropfen verschwindet dann für mindestens zwölf Monate in jungfräulichen 400-Liter-Eichenfässern. Manchmal nickt der Brenner Patrick für ein paar Sekunden ein, richtigen Schlaf kann er sich nicht leisten: Das Feuerloch fordert Holz, und für den einzigen Brenngang, in dem ein Armagnac entsteht, bedarf es des richtigen Drucks und der korrekten Temperatur.

Eleganz gegen Charakter, Klasse gegen Knorrigkeit, Logo gegen Ego

Um zu erklären, was Armagnac ist, wird gern der Vergleich zum Bruder Cognac herangezogen. Auch Cognac wird aus Wein gebrannt, aber nicht einmal, nein zweimal hintereinander, was ihn fein und sanft machen soll. Bei diesem Gedanken stellen sich dem überzeugten Armagnacer die Haare auf: Ein zweiter Brand, mon dieu, "der treibt dem Eau de Vie doch die schönsten Aromen aus". In der Scheune eines Armagnac-Produzenten sollte man sowieso nicht blasphemisch werden und zu viel vom großen Bruder reden. "Kein Cognac der Welt", beendet Jean Ladevèze mit fast mitleidiger Miene den Exkurs, "kann so wunderbar nach Veilchen, Kakao oder Backpflaumen schmecken!" Und im Übrigen: Was ist das ewig gleiche Produkt einer von Shareholder-Value gesteuerten Weltmarke wie Rémy Martin, Martell oder Courvoisier gegen seinen individuellen Scheunenbrand - findet jedenfalls Monsieuer Ladevèze. Cognac gegen Armagnac - das ist wie Eleganz gegen Charakter, Klasse gegen Knorrigkeit, Logo gegen Ego. Es ist wie Rom im Vergleich zu Griechenland. Rom ist vergangen.

Ladevèze greift in einen Holzschrank, der mit staubigen Flaschen, Medaillen und Diplomen von Landwirtschaftsausstellungen bestückt ist, und schenkt einen 1986er "Ténarèze de Ladevèze" ein. "Ténarèze de Ladevèze" - wer hat davon schon mal gehört? Ein sensationeller Schluck! Danach muss man seinen Geschmacksapparat erst mal sortieren: Veilchen, ja, Kakao und Backpflaume auch, Vanille ... Nüsse, und ... ja, vielleicht noch einen Schluck ...? Und dann muss man Jean Ladevèze anschauen: Ja, dieser Armagnac hat ein Gesicht. Sein Gesicht. Jean sieht wie d’Artagnan aus, der vierte der drei Musketiere: ein gezwirbelter Bart, nackenlanges Haar, aufrechte Haltung, ein altersloser, optimistischer Blick, dazu ein weiter Mantel und Stulpenstiefel. Was Wunder, der echte d’Artagnan wurde nur 40 Kilometer südlich in dem Kaff Lupiac geboren. Die Musketiere und der gute König Henri IV., der jedem Untertan sonntags ein Huhn in den Topf versprach und der in Frankreich mit dem Edikt von Nantes vorübergehenden Religionsfrieden stiftete - viel mehr Großes hat die Historie in dieser Gegend nicht hinterlassen.

"Ssette armanjacke e bong"

Es ist eine geruhsame Hügellandschaft mit sanft dahinrollenden Weinbergen, sumpfigen Wiesen und ursprünglichen Wäldern. Ab und zu ein verschlafenes Dorf, ein Schloss, ein verfallener Turm - und an jeder Ecke Gelegenheit, köstlich zu essen und zu trinken. Es ist ein Landstrich im Ruhestand. Weil hier keine große Geschichte passiert - nicht, dass die jemand vermisste -, werden die wenigen guten, kleinen Geschichten durch häufiges Erzählen und Wiederholen am Leben gehalten. Nirgends ist dafür besser Platz als in einer Scheune, in der zwei Alambics zwischen zwei Jahren leise vor sich hin singen, zischen und schnaufen und die Raumluft schwängern: "Wisst ihr noch", fragt der junge Winzer Dominique Andiran in die Runde, "als wir eine Woche lang gezwungen waren, das beste Fleisch der Welt zu essen?" Er spricht den harten Dialekt der Gegend am härtesten. Die vornehme nasale Finesse des Hochfranzösischen wird von ihm so rustikal ignoriert, dass es an Verachtung grenzt: Er sagt "weng blang" für Weißwein, und dass ein Armagnac gut ist, hört sich so an: "Ssette armanjacke e bong." Nun also die Schweinegeschichte: Die Rasse der "Porc Noir de Bigorre" lebt ganzjährig draußen, die Tiere fressen Haselnüsse, Kastanien und Eicheln und legen sich bei Kälte zu einer Pyramide zusammen, einem wärmenden Sauhaufen. Weil sie "das beste Fleisch der Welt" bieten, genießen sie bei Gourmets eine ans Religiöse grenzende Verehrung.

Vor ein paar Jahren hatte eine rauschige Sau ihren Zaun durchbrochen, sich einem wilden Eber hingegeben und ein Dutzend Frischlinge geboren, die lustig quiekten, aber dem Reinheitsgebot nicht entsprachen. Als die Lebensmittelaufsichtsbehörde den Frevel entdeckte und Liquidierung der Bastarde verfügte, fingen Freiwillige die zwölf Ferkel ein und opferten sich für das große Ganze. Wie im Delirium futterten sie tagelang das beste Fleisch. Jeder Gast in der Scheune betet die Geschichte rückwärts und vorwärts her, aber jeder lauscht ihr gern und immer wieder bis zum leckeren Ende. Dominique Andiran ist ein junger Biowinzer, der den naturbelassenen Anbau für so selbstverständlich hält, dass er ihn gar nicht erst auf den Etiketten vermerkt. Sein Laden und Weinkeller liegen direkt am Marktplatz von Montréal-du-Gers; die 1200-Seelen-Gemeinde steht auf der Liste der schönsten Dörfer Frankreichs. Unter den mittelalterlichen Kreuzgewölben ist einer der besten Plätze weit und breit, um Stunden über Weine zu palavern, am besten natürlich über die von Dominiques "Domaine Haut-Campagnau", und natürlich geschieht dies nie besser als zur fünften Jahreszeit, wenn auf den Weinbergen und in den Kellern die Arbeit ruht.

"Da wusste ich, dass es mir auf der Erde gefallen würde"

Gern erzählt wird in berauschten Runden die Geschichte von König Henri IV., der von seiner Geburtsstadt Pau aus die Region durchritt und auch in der Gegend von Montréal-du-Gers abends bei wechselnden Töchtern des Landes unter die Felldecke schlüpfte. So unermüdlich befruchtete der König die Furchen dieses glücklichen Landstrichs, dass sich bis heute jeder gern mit der Vermutung beschäftigt, blaues Blut in den Adern zu haben. Als der Abend sich in die letzte Kurve legt, muss Jean noch einmal die Story seiner Geburt in einem bitteren Winter vor mehr als 50 Jahren zum Besten geben. Mutter Ladevèze lag in den Wehen, mühsam hatte sich der Dorfarzt zum Gehöft gekämpft. Kaum war der Knabe auf der Welt, da stellte man fest, dass alles Wasser auf dem Hof gefroren war. Kurzentschlossen ließ der Arzt zwei Eimer Armagnac aus den Fässern von Ladevèze senior bringen, womit das Baby dann gründlich abgerieben wurde. "Da wusste ich, dass es mir auf der Erde gefallen würde", sagt Jean. Und hebt noch einmal das Glas.

Mitarbeit: Rolf Breest

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