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Barfuß im Bierkönig: Malle ist nur einmal im Leben

Die spanische Polizei will diesen Sommer am Ballermann hart durchgreifen. Kann man als Deutscher hier jetzt noch Spaß haben? Unser Autor hat nachgesehen. Bei seinem ersten Ballermann-Besuch überhaupt.

Bierkönig

Im Bierkönig ist Grölen noch erlaubt - und auch sonst eigentlich alles

Neben der Frage wer Europameister wird und wer eigentlich neben Boateng wohnt, bewegt die deutsche Volksseele in diesem Sommer vor allem eines: Ist der Ballermann eigentlich noch unser Ballermann? Können wir, schwarz-rot-goldenes Feiervolk, hier hemmungslos den EM-Sommer genießen - oder gibt die mallorquinische Obrigkeit den großen Spielverderber?

Im März hat Palma Teile der Playa zu "Speziellen Eingreifzonen" erklärt, in denen Saufgelage auf offener Straße nicht mehr toleriert werden. 170 Polizisten wurden vom spanischen Festland auf die Insel beordert, um die 136 mallorquinischen Kollegen im Auge des Feiersturms von Mai bis Oktober zu unterstützen. Und dann stellte die Stadt am auch noch (ziemlich deutsche) Verbotsschilder auf, auf denen 3000 Euro Strafe für zu lautes Grölen angedroht werden. "Palma, ein Zusammenleben in Harmonie", steht auf dem Schild.

Ballermann Schild

Verbotsschilder am Ballermann: 3000 Euro Strafe für öffentliches Rumgrölen

Auf zum Ballermann-Realitätscheck

Mit diesem Spruch im Herzen besteige ich zwei Tage nach dem Aufstellen der Warnschilder den Flieger, um nachzusehen, was von der deutschen Ballermannkultur noch übrig ist. Zugegeben: Der Trip stand schon etwas länger fest, da ein befreundeter Junggeselle mit starker Affinität zu Schlager und Sangria in den Hafen der verabschiedet werden soll. Dass ich fachliche Begleitung habe, ist aber auch ganz gut, denn meine Ballermann-Erfahrungen beschränken sich auf den Tom-Gerhardt-Klassiker "Ballermann 6", den ich mir zur Vorbereitung nochmal angesehen habe. Ich selbst war seit dem Mit-den-Eltern-im-Familienclub-Alter nicht mehr auf der Insel.

Ich bin gespannt: Wie weit haben die spanischen Moralpolizisten die betrunkenen Germanen seit Zeiten eingebremst? Werde ich drei Tage später die Insel wieder verlassen dürfen oder in einem mallorquinischen Verlies sitzen, weil ich zu laut am Sangria-Strohhalm geschlürft habe?

Der erste Gang in Palma führt in den Supermarkt. Hier ist alles unverdächtig, keine Alkoholwächter hinter der Kasse, die die Herausgabe der Dosenbiere fordern. Zur Vorsicht trinken wir die erste Runde trotzdem auf der Terrasse des angemieteten Apartments. Doch auch später am Strand beschwert sich niemand übers Dosenbier. Und beim Flanieren auf der Promenade trauen wir uns sogar eine Runde Jackie-Cola zu trinken. Weil uns niemand verhaftet, setzen wir unseren Weg Richtung Schinkenstraße fort, lassen den dröhnenden Megapark rechts liegen und reihen uns in die freudig-erregte Menge ein, die Richtung Bierkönig strömt.

Bierkönig

Zu später Stunde verschwimmen im Bierkönig Wahrnehmung und Fotos gleichermaßen

Im Bierkönig ist die Parallelwelt noch in Ordnung

Der Bierkönig, so weiß ich jetzt, ist die wichtigste deutsche Institution im Ausland überhaupt. Weil es hier Shirts mit Bierkönig-Logo zum Getränk dazu gibt, die natürlich sofort übergezogen werden, ist der gesamte Laden schnell bevölkert von kleinen Bierkönigen und Bierköniginnen. Selbst wer bei Ballermann-Songs nicht besonders textsicher ist, kann schon bald in den allgemeinen Grölgesang einstimmen.

Denn dankenswerterweise sind die meisten Hits nicht überkompliziert und außerdem beginnt die Playlist im Bierkönig gefühlt nach jeder Stunde wieder von vorne. Unter der Decke werben Plakate für die Live-Shows bekannter Szenegrößen, die sich mit Auftritten in Pornofilmchen oder Reality-Shows für eine Karriere am Ballermann empfohlen haben (Lieblings-Slogan: "Bekannt aus Promi-Big-Brother").

Die Stimmung ist ausgelassen, man liegt sich selig schwitzend in den Armen, tanzt auf dem Tisch oder schwenkt sein gerade erworbenes Bierkönig-Shirt schon wieder oberkörperfrei über dem Kopf. Und wo sind eigentlich meine Flip-Flops? Barfuß im Bierkönig. Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr. 

Trotz des unverantwortlich-übermäßigen Konsums alkoholhaltiger Getränke bleibt es überraschend friedlich. Nur einmal wagt ein mutiger Gast einen kleinen Ringkampf mit zwei kräftigen Rausschmeißern, die ihren Auftrag zügig und professionell erledigen. Die 170 Mann von der spanischen Festlandpolizei kommen nicht vorbei. Zu späterer Stunde muss allerdings die Musik in den offenen Bereichen des bierköniglichen Biergartens heruntergedreht werden. Die meisten bekommen das aber schon gar nicht mehr mit und trinken einfach weiter.

Kneipe 47-11

Die Kneipe 47-11 hat Zimmerlautstärke eindeutig überschritten. da rückt die Policia Local an

 Die Polizei kommt doch noch 

Zu einem Zwischenfall mit der kommt es in den drei Tagen nur einmal. In der Kölschkneipe 47-11, für malle-begeisterte Rheinländer ein zwingender Zwischenhalt, stehen gegen Mittag plötzlich zwei Polizeimänner vor der Tür und fordern vom verdutzten Wirt irgendwelche Papiere. Ergebnis: Alle Gäste bis auf 20 Leute sollen gehen, aus Lärmschutzgründen. Die 100 Mann im Laden schauen sich ratlos an. Ein bisschen Verbot ist also doch. 

Bei einer anderen Gelegenheit hätten wir einen Polizisten besser gebrauchen können. Am besten einen, der so fix auf den Beinen ist, wie der Taschendieb, der mit dem Handy des Kumpels in der lauen Nacht verschwindet. Ärgerlich, aber muss man wohl unter Förderung des lokalen Kleinunternehmertums verbuchen.

Im Bierkönig kommt man wieder auf fröhlichere Gedanken. Könnte sein, dass dafür auch ein paar Maßkrüge Bacardi-Cola, Wodka-Lemon und ein Fünf-Liter-Eimer Sangria nötig sind. Zum Schutz der Reputation aller Beteiligten endet die Erzählung hier. Festzuhalten bleibt: War schon ziemlich lustig. Aber wenn das der feierberuhigte Ballermann war, bin ich froh, dass ich den anderen nie kennengelernt habe.

Kollegah 15:19

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