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Ein halbes Jahrhundert im Dienste des Bieres

Die Globalisierung steckte in den Kinderschuhen, selbst Bier aus Bayern galt im hohen Norden als Exot. Den Betreibern eines kleinen Getränkemarktes aus Hamburg war das ein Dorn im Auge. Sie machten vor über 40 Jahren zu ihrem Hobby, was heute Trend ist.

Von Roman Kirschbauer

Haus der 131 Biere

Christl Stark, 71, betreibt ihr Geschäft leidenschaftlich

Sie sind wahre Pioniere. Zumindest waren sie es bis vor einigen Jahren. Dann passierte endlich, worauf sie jahrzehntelang hingearbeitet hatten. "Wir haben immer gehofft, dass es irgendwann so weit ist. Dass es über 40 Jahre dauern würde, hätten wir nicht gedacht“, erzählt Christl Stark. Sie und Wolfgang, ihr im letzten Jahr verstorbener Ehemann, eröffneten Anfang der 60er Jahre einen Getränkemarkt in Hamburg. Doch das konventionelle Geschäft reichte den beiden nicht aus. "Mein Mann hatte schon immer ein großes Faible für Bier", sagt die Inhaberin. "Das war für die damalige Zeit ein ungewöhnliches Hobby. Das erste Bier, das wir nach Hamburg importiert haben, kam aus Bayern. Es war Erdinger. Das gab es hier im Norden Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre noch gar nicht zu kaufen."

Das Magazin "Bier"

"Wir wollen die ganze Welt des Bieres erzählen, wie es entsteht, wie und wo man es trinkt, wer es braut. Bier ist für uns eine positive Lebenseinstellung, es sorgt für Gemeinschaft und zaubert Lächeln in Gesichter. Mit unserer Zeitschrift wollen wir alle Biergenießer ansprechen", sagt Redaktionsleiter Michael Pfeiffer über das neue Magazin. "Bier" ist ab sofort am Kiosk erhältlich und kostet 5,90 Euro.

Der kleine Laden in Bramfeld wirkt von außen wie ein stinknormaler Getränkemarkt. Im Erdgeschoss des Massivhauses mit Klinkerfassade prangen unterhalb der Regenrinne Leuchtreklamen von Paulaner, Veltins, Flensburger, Krombacher und Warsteiner. Vor den bodentiefen Fensterscheiben des Verkaufsladens stehen Aktionsangebote. Hier stapeln sich an die 80 Kästen Bier, Brause und Wasser. Aber worauf haben die Starks denn so lange Jahre warten müssen? Auf den Durst ihrer Kunden?

Natürlich nicht. Im "Haus der 131 Biere" gibt es deutlich mehr zu entdecken, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. "Mein Mann interessierte sich sehr für ausländisches ", sagt die 71-Jährige mit zurückhaltender Stimme. Kaum in den Getränke-Shop eingetreten, sieht man das Ergebnis dieses Interesses. Auf der rechten Seite des Marktes befindet sich eine lange Regalreihe, rappelvoll mit internationalen Bierspezialitäten. Am liebsten würde man direkt zum Flaschenöffner greifen und jede einzelne Flasche probieren. Die meisten der Herkunftsländer wird man bis an sein Lebensende nie zu Gesicht bekommen. Es sei denn, man plant gerade einen Spontan-Trip nach Madagaskar. Oder Kolumbien? Oder in die Mongolei?

Über 400 verschiedene Biere

Mit nur 131 Biersorten, die der Name des Getränkeladens verspricht, kommt man schon lange nicht mehr hin. Mittlerweile reihen sich über 400 verschiedene Biere aus insgesamt 72 Ländern in den Regalen über- und nebeneinander. Pünktlich zur Fußball-EM hat man versucht, aus allen teilnehmenden Ländern ein Bier zu besorgen. "Rumänien müsste diese Woche noch reinkommen. Ein Bier aus Wales zu importieren, ist aber schwierig. Wir wollen den Leuten aber gern zu jedem Spiel das passende Bier anbieten", erklärt Christl Stark.

Die ausländischen Etiketten in den Regalen zieren die wildesten Namen: "Monkey Bread Beer" kommt aus Tansania, "Golden Eagle" aus Georgien und das "Polar Pilsener" aus Venezuela. Klar, dass nicht alle der hier vertriebenen Sorten nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut sind. "Aber daran ist noch keiner gestorben“, beschwichtigt Christl, während sie in das Regal greift und ein Bier aus Kenia hervorholt. Auf dem Etikett des "Tusker Lager" ist ein Elefantenkopf abgebildet. "Tusk" heißt übersetzt Elefantenzahn.

Haus der 131 Biere

Das Haus der 131 Biere im Hamburger Stadtteil Bramfeld sieht von außen wie ein gewöhnlicher Getränkemarkt aus.

Im Bier ist der natürlich nicht enthalten. Es heißt so, weil der Mitgründer der Brauerei, George Hurst, 1923 von einem Elefantenbullen angegriffen und getötet wurde. "Das war eines der ersten Biere, die wir aus Afrika importiert haben. Für den Verkauf mussten wir eine Sondergenehmigung einholen. Denn durch die geringe Stammwürze war das Tusker kein Bier im Sinne der deutschen Gesetzgebung. Und die Pfandflaschen-Kennzeichnung fehlte auch. Allein um dieses Bier in Deutschland vertreiben zu dürfen, mussten wir zahlreiche Gespräche mit Behörden führen. Am Ende hat es zwar funktioniert, aber uns wurde deutlich gemacht, dass wir künftig nicht damit rechnen sollten, weiterhin Ausnahmegenehmigungen zu bekommen.“ 

Zu jedem neuen Bier eine Geschichte

Die Starks legten sich trotzdem dafür ins Zeug, ihren Kunden die Vielfalt des Bieres über die deutschen Landesgrenzen hinweg aufzuzeigen. Wolfgang Stark reiste dafür schon in den 70ern jedes Jahr wochenlang durch die Weltgeschichte, fuhr persönlich zu fremden Brauereien, erzählte ihnen von seinem kleinen Geschäft in und suchte nach Wegen, die Biere relativ kostengünstig nach Deutschland zu importieren.

"Mein Mann reiste nach China, Argentinien oder Ecuador. Ich blieb in der Zeit in der Heimat. Einer musste ja im Laden sein. Wenn mein Mann wiederkam, konnte er zu jedem neuen Bier, das er mitbrachte, eine Geschichte erzählen. Wie zu dem Tusker zum Beispiel. Wissen Sie, wir haben das mit den internationalen Bieren nie als Geschäftsmodell gesehen, aber es war schon damals unsere Leidenschaft. Wir haben das neben unserem normalen Getränkehandel betrieben. Die meisten Kunden, die zu uns ins Geschäft kamen, wollten in aller Regel doch nur ihren Kasten Holsten und eine Kiste Mineralwasser kaufen. Die ausländischen Sorten wurde nur selten als Geschenk zu Geburtstagen mitgenommen."

Christl Stark beliefert auch den Großhandel

Heute habe sich das Blatt zwar nicht vollkommen gewendet, erzählt Frau Stark, aber die Kunden, die nach internationalen Bieren Ausschau hielten, seien mehr geworden, die bisherigen Kritiker aufgeschlossener. Das registriere man nicht nur direkt im . Christl Stark beliefert nämlich auch den Großhandel. Hier sei die Nachfrage in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Rewe, Edeka und Karstadt hätten ihr Angebot an ausländischen Bieren und Craft-Bieren entsprechend dem Trend erweitert.

"Es ist schön, dass nach 40 Jahren nun endlich das passiert, worauf wir immer gehofft haben. Ich bin froh, dass das Thema Bier nun in aller Munde ist und die Wertschätzung erfährt, die mein Mann und ich diesem Getränk schon immer entgegengebracht haben. Es gibt doch nichts Schöneres, als abends im Sessel zu sitzen, ein gutes Buch zu lesen und dabei ein besonderes Bier zu trinken." Eine Erkenntnis, die im Zeitalter von Streaming, Social Media und Smartphone vielleicht schon wieder Pioniercharakter hat.

Der Beitrag stammt aus dem neuen Magazin "Bier", das im Verlag Motor-Presse Stuttagart erscheint. Zum Online-Shop 
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