Wir schmecken deutsch

25. Oktober 2011, 09:10 Uhr

Prost, Heimat! Studenten der Wein-Uni Geisenheim haben das Beste verkostet, was deutsche Winzergenossenschaften 2010 in Flaschen gefüllt haben. Ergebnis: ein idealer Jahrgang für fröhliche Sommergrüße. Von Cornelius & Fabian Lange

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Rund 200 deutsche Weine Jahrgang 2010 verkostete die stern-Jury©

Hagel und Hitze, Trockenheit und Regen - und das alles natürlich wie immer zum falschen Zeitpunkt: Das Jahr 2010 hat die deutschen Winzer vor schwerste Prüfungen gestellt. Aber wer die Nerven behielt, konnte trotzdem guten, sogar sehr guten Wein nach Hause holen. Wie zum Beispiel die über 200 Winzergenossenschaften, die ein Drittel der deutschen Anbaufläche bewirtschaften. Rund 200 Weine haben sie eingeschickt zum Wettbewerb, den der stern in Kooperation mit dem Deutschen Wein Institut in Mainz organisiert hat.

Die 25-köpfige Jury formten Studierende der Hochschule Geisenheim, einer renommierten Kaderschmiede für Internationale Weinwirtschaft. Ihren Nasen und Gaumen entging keine Macke, kein verkorkstes Aroma und kein Schwefelböckser, egal, ob es sich um Riesling, Weißburgunder, Grauburgunder, Silvaner, Rosé oder Sauvignon Blanc handelte - fast allesamt alte Kameraden in der deutschen Weinszene.

Der Süden - ideal für Sauvignon

Nur der Sauvignon Blanc hat einen Migrationshintergrund. Ihren langen Marsch hat die Traube im Tal der Loire begonnen - zu den exzellenten Käsen aus dieser Region passen die fruchtig-frischen Weine exzellent. Von dort kam die Sorte vor 40 Jahren nach Neuseeland, wo ebenfalls alles knackig und grün ist. Heutzutage wächst der Sauvignon in beinahe allen deutschen Weinregionen.

Bei unserem Wettbewerb hatten die Juroren zu kämpfen. "Die eingereichten Weine decken eine äußerst große Bandbreite ab", sagte der Weinbaustudent Stefan Dissertori, "von sehr, sehr grün bis reif mit Holzeinfluss. Unser Sauvignon-Sieger aus Pfaffenweiler ist schön reif und doch extrem frisch." Er zeigt sehr gut, dass 2010 im Süden der Republik beste Bedingungen für die herzerfrischende Sorte herrschten.

Beim Rosé landeten die Pfaffenweiler Genossen noch einen Sieg - mit einem echten Unikum: kein heller Spätburgunder oder Portugieser wie sonst üblich, sondern ein Trank aus der Rebsorte Merlot. "Die Auswahl war riesig", sagte der Juror Jacob Altmann, "aber der Sieger hat eine überzeugende Frucht, und die basiert eben nicht auf Süße."

Silvaner trotzte Wetterkapriolen am besten

Die Pfalz ist Burgunderland, kein Wunder, dass sich die Niederkirchener Weinmacher die Trophäen beim Weiß- und Grauburgunder geschnappt haben. Woran lag's? Weil sich die Jury auf die Seite der eleganten Weine geschlagen hat, der mit schlankem Körper und ohne aufgesetzten Bonbonduft.

Ehrliche Weine also, geradeaus und ganz modern. Genau wie der Weißburgunder "Charactere". Die Entscheidung der Jury: Frucht oder Fülle, wem soll man den Vorzug geben? Eine Frage, die unsere Fachleute auch in den vergangenen Jahren umtrieb, denn beide Stile sind bei dieser Sorte gerechtfertigt. Das Jurymitglied Thomas Dörr verriet: "Wir haben uns für den Wein entschieden, der den Mittelweg geht."

Den Wetterkapriolen des vorigen Jahres hat der Silvaner wie kein anderer getrotzt. Dieser Wein ist schmelzig und kommt doch mit viel Dynamik am Gaumen an. Silvaner braucht Muschelkalk, und wo die Böden der Weinberge wie in Franken mit Keuper, Mergel oder anderen maritimen Sedimenten gesättigt sind, fühlt sich die Silvanerpflanze besonders wohl. "2010 ist einfach ein ideales Jahr für diese Sorte", befand die Studentin Lia Backendorf.

Frucht, Frucht und nochmals Frucht!

Bleibt noch Deutschlands Superstar, unser Kulturbotschafter. Riesling geht eigentlich immer, sagen die, die sonst nichts anderes trinken. Der König 2010 stammt aus Baden, genauer aus der Ortenau. Die Weinberge in einem Seitental nördlich von Offenburg boten im vergangenen Jahr den perfekten Mittelwert: warm genug, aber nicht zu heiß, weil die Lagen die kühlen Hänge hochklettern.

Der Sieger kommt durchtrainiert daher, streichelt mit reichlich Frucht die Zunge und trifft die Vorliebe der Jury für drahtigelegante Weine. "Der Wein ist komplex, er hat Harmonie und eine klare Sortentypizität und zeigt dabei einen richtig vollen Körper", urteilte der Juror Eckart Waitz begeistert.

Und so ist der 2010er ein idealer Jahrgang für fröhliche Sommergrüße; fette, opulente Weine sucht man diesmal vergebens. Aber Wein ist immer auch Mode: Jetzt hat eben die Sommerkollektion Saison mit knackigluftigen und frischen Weinen, die Genießer im Glas mit nackten Tatsachen betören: Frucht, Frucht und nochmals Frucht! Die Siegerweine sind ein Beweis, dass die Reben in diesem Sommer deutsch sprechen. Wir sollten zuhören, was sie uns zu sagen haben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wen die stern-Jury auf die ersten Plätze trank

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