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Gemeinsam Hungern per Whatsapp

Pro Ana-Seiten verbreiten sich seit Jahren im Netz: In Blogs und Foren hungern Magersüchtige gemeinsam. Nun wird die Krankheit auch auf Whatsapp verharmlost. Für Psychologen ein gefährlicher Trend.

Von Britta Bauchmüller

  Tägliches Kalorienzählen ist bei den Pro-Ana-Gruppen Pflicht

Tägliches Kalorienzählen ist bei den Pro-Ana-Gruppen Pflicht

Ende März postet Nora auf ihrem Blog: "Ich suche eine Pro Ana-Gruppe auf Whatsapp mit aktiven Mitgliedern, die jederzeit erreichbar sind." "Pro Ana" ist eine niedliche und extrem verharmlosende Abkürzung für eine schlimme Krankheit: die Anorexie, Magersucht. Unbehandelt wird sie chronisch und kann im schlimmsten Fall sogar zum Tode führen. Keine neun Tage später hat Nora eine Gruppe gegründet und bereits Aufnahme-Stopp. Doch noch immer antworten Mädchen. Ende August hat der Eintrag 180 Kommentare, einen Monat später sind es schon 260. Und Noras Blog ist nur einer von vielen, den die Mädchen als Kontaktbörse nutzen.

Pro Ana-Seiten verharmlosen Magersucht als einen erstrebenswerten Lifestyle. Die Anhängerinnen selbst sehen das anders: Für einen Großteil von ihnen ist Pro Ana eine Art Selbsthilfegruppe - die allerdings nicht das Ziel verfolgt, die Krankheit zu bekämpfen. Die Nutzerinnen wissen oft, dass sie krank sind, doch sie wollen die Essstörung zumindest vorübergehend nicht behandeln lassen. Sie suchen in erster Linie den Austausch mit anderen Betroffenen.

Zuerst hatte sich Pro Ana im Netz ausgebreitet, etwa seit 2001 auch auf deutschen Blogs und Foren. Gewichtstagebücher und Kalorientabellen erinnern an Weight Watchers. Aber abstruse Diät- und Trainingspläne, eiserne Regeln und Gebote entblößen, dass hier eine Krankheit dahinter steckt. Ebenso Lücken zwischen den Oberschenkeln, herausstehende Rippen und Schlüsselbeine – Bilder, die zum Hungern motivieren sollen. Seit 2004 wird das Thema in den Medien diskutiert, 2006 prüfte das von den Ländern finanzierte jugendschutz.net erstmals Pro-Ana-Seiten. Während es Angebote sperren ließ, tauchten an anderer Stelle neue auf.

Szene verlagert sich

Noch weniger kontrollieren lässt sich der neue Lebensraum der Szene. Mit dem Smartphone bekam sie neue Möglichkeiten zu kommunizieren. Laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest nutzen aktuell bereits 70 Prozent aller Zwölf- bis 19-Jährigen den Instant-Messenger Whatsapp, fast doppelt so viele wie noch vor einem Jahr, dazu kommen andere Messenger, etwa von Kik oder Facebook. Hier können die Mädchen Pro Ana-Gruppen gründen – eine Art Chatroom fürs Smartphone – und andere über deren Handynummern hinzufügen. Ein Raum, auf den Jugendschützer oder Therapeuten keinen Einfluss nehmen können. Ein Weg, jederzeit und unterwegs mit den anderen zu schreiben.

Ein Großteil der Mädchen, die auf Noras Eintrag antworten, sind zwischen 14 und 18 Jahren alt, die jüngsten erst zwölf. Die wichtigsten Eckdaten neben Alter und Größe: Wunsch- und Höchst-, niedrigstes und aktuelles Gewicht. Wer in eine Gruppe eintreten möchte, muss sich einordnen: "Ana", "Mia" oder "Atte"? Übersetzt: "magersüchtig", "bulimiekrank" oder "Ana till the end, Magersüchtig bis in den Tod"? Zudem geben die Mädchen ihre Mailadressen, viele ihre Handynummern und ihren Wohnort und teils die Klarnamen preis. Öffentlich und für jeden sichtbar, der sich auf Noras Blog umschaut, gemeinsam mit dem Eindruck, verletzlich und leicht beeinflussbar zu sein.

Täglich die Kalorienzahl des Essens mitteilen

Bereits die Gesuche lassen erahnen, was in den Gruppen vor sich geht. "Jeden Morgen musst du ein Bild von deinen Füßen auf der Waage schicken und jeden Sonntag ein Bild von dir in Unterwäsche", heißt es in einer Gruppe. Wer zu selten online ist, zu wenig schreibt, zu viel isst oder zunimmt, wird schnell aus der Gruppe entfernt. In noch strengeren Gruppen gibt es "Challenges", etwa gemeinsames Fasten oder ein hartes Sportprogramm.

Typische Regeln sind, dass die Mitglieder täglich berichten, was genau und wie viele Kalorien sie gegessen haben. 30 Gramm Nudeln und ein Ei, das sind etwa 150 Kalorien. Dazu natürlich, wie viel Sport sie gemacht haben. Zwei Stunden joggen, jetzt noch eine Stunde Bauch, Beine, Po. Gewogen wird sich täglich, die Mädchen wissen schnell, welche wie groß und wie schwer ist und wie erfolgreich sie abnimmt. Regelmäßig erstellen sie Ranglisten, meist nach dem BMI (Body-Mass-Index), sodass jede Teilnehmerin sehen kann, wo die andere steht.

Als höchst gefährlich betrachtet Psychologe Andreas Schnebel solche Gruppen. Schnebel behandelt Betroffene, leitet den Verein ANAD für Essgestörte und ist Vorstandsmitglied des Bundesfachverbands Essstörungen. "Da geht es generell sehr verengt ums Essen und Abnehmen", sagt er." Pro Ana" ist für ihn ein sektenartiges Gebilde. Die Stimmung heize sich schnell auf: Jede will die andere noch übertrumpfen, noch weniger essen, noch mehr Sport machen. "In dem Alter sind die Mädchen leicht beeinflussbar", sagt Schnebel. Bei einem Großteil seiner Patientinnen, die mit Pro Ana in Berührung gekommen sind, habe sich die Krankheit dadurch verschlimmert.

Trotzdem verteidigen die Nutzerinnen ihre Szene. "Ich bin einmal in eine Klinik, was kam von außen? 'Klapsentante' und 'Psycho', das hat mich nur schwächer gemacht", schreibt ein Mädchen in einem Forum. Bei Pro Ana finde sie Halt. "Ich kann den anderen meine Gefühle mitteilen und sie verstehen mich. Wir unterstützen diejenigen von uns, die sich dazu entscheiden, in Therapie zu gehen."

Psychologin rät von Verboten ab

Psychologin Christiane Eichenberg kann der Bewegung daher als eine der wenigen auch positive Aspekte abgewinnen. Sie hat 2010 eine Umfrage unter Pro-Ana-Nutzerinnen veröffentlicht. Fast alle fühlten sich durch Pro Ana weniger einsam. Zwar hat etwa jede zweite Nutzerin angegeben, weniger zu essen und mehr Sport zu treiben. Doch die Einstellung zur Therapie habe sich bei einem Großteil nicht geändert, knapp die Hälfte gab an, ihr Selbstwertgefühl sei gestiegen. Ob Pro Ana gefährlich für die Betroffenen ist, könne man nicht verallgemeinernd sagen, da sie keine homogene Gruppe bilden, ist Eichenberg überzeugt. Etwa 40 Prozent würden Pro Ana als Selbsthilfegruppe zur Überwindung der Krankheit ansehen. Doch eine ebenso große Gruppe, meist jüngere Mädchen, wolle die Krankheit aufrechterhalten. Für sie ist Pro Ana am gefährlichsten.

Auch die enge Verbundenheit kann gefährlich werden. Als sich ein Mädchen aus einer Whatsapp-Gruppe dazu entschließt auszutreten, wünschen ihr die anderen zwar alles Gute und keine macht ihr Druck zu bleiben. Nach ein paar Wochen ist sie aber wieder dabei, sie hat die Gruppe vermisst.

Was also tun, wenn die magersüchtige Tochter sich in solchen Gruppen austauscht? Psychologe Schnebel würde denjenigen, die in Therapie gehen, meist empfehlen, den Kontakt abzubrechen. Eichenberg rät dagegen Eltern, Jugendschützern und Therapeuten von Verboten ab. "Es bringt nichts, Internetseiten sperren zu lassen oder das Handy wegzunehmen." Stattdessen sollten sie mit den Jugendlichen in Kontakt bleiben und darüber sprechen, was sie in Gruppen und Foren tun, ihnen Einrichtungen empfehlen und über die Krankheit aufklären." Denn Magersucht ist zwar gefährlich, aber auch gut behandelbar.

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