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Auf dem Weg in eine chronisch kranke Zukunft

Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme und Demenz: Weltweit leiden immer mehr Menschen an chronischen Krankheiten, Tendenz weiter steigend. Für die klammen Gesundheitssysteme ist das Gift. Dabei könnten sich kleine Veränderungen im Verhalten von Einzelnen groß auswirken.

Von Lea Wolz

  Chronische Krankheiten wie Diabetes nehmen nicht nur in Deutschland zu

Chronische Krankheiten wie Diabetes nehmen nicht nur in Deutschland zu

Chronische Erkrankungen nehmen weltweit zu. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge leiden geschätzte 177 Millionen Menschen an Diabetes, zwei Drittel davon leben in Entwicklungsländern. Im Jahr 2030 werden es mehr als doppelt so viele sein, prognostiziert die WHO. Mehr als eine Milliarde Menschen sind übergewichtig. Über zwölf Millionen Menschen sterben jährlich an Herzinfarkten und Gehirnschlägen. Weltweit gehen knapp 60 Prozent aller 57 Millionen Todesfälle pro Jahr auf das Konto von Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, Fettleibigkeit, Krebs und Atemwegserkrankungen.

Dabei sind chronische Krankheiten längst nicht mehr nur in den Industrieländern ein Problem, auch in Schwellenländern wie China oder Indien kommen sie vermehrt vor. "Mit unserem Lebensstil exportieren wir die sogenannten Zivilisationskrankheiten auch in ärmere Länder wie Afrika", sagt der Medizinprofessor Detlev Ganten. "Chronische Krankheiten sind weltweit auf dem Vormarsch. Hier müssen wir schnell reagieren, sonst ist das medizinisch nicht zu verantworten und ökonomisch nicht zu bezahlen."

Als chronisch krank gilt, wer wenigstens ein Jahr lang wegen derselben Krankheit mindestens einmal pro Quartal ärztlich behandelt wird. In Deutschland sind das bereits jetzt zwei von fünf Menschen. "Wenn es so weiter geht wie bisher, wird sich diese Zahl bis zum Jahr 2050 verdoppeln", sagt Ganten. Mit dramatischen Folgen für die Finanzierung des Gesundheitssystems. "Doch das ist vermeidbar."

Wie genau, darüber wollen ab diesem Sonntag Experten aus Wissenschaft, Industrie, Medizin und Politik auf dem zweiten Weltgesundheitsgipfel in Berlin diskutieren. Der Anstieg von chronischen Erkrankungen in allen Regionen der Welt, die dadurch verursachten Kosten und die Möglichkeiten der Prävention sind ein Schwerpunkt auf dem "World Health Summit". Veranstaltet wird der Kongress von der Berliner Charité und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen aus verschiedenen Ländern. Gemeinsam mit Stephen K. Smith vom Imperial College in London steht Ganten dem Kongress als Präsident vor.

Kostentreiber im Gesundheitssystem

Dass es immer mehr chronisch Kranke gibt, liegt zum Teil daran, dass wir länger leben - Alterskrankheiten wie Demenz und Diabetes treten häufiger auf. Zudem zeigt sich ein Dilemma der modernen Medizin. Diese macht enorme Fortschritte, tödliche Krankheiten wie Krebs und HIV können mit Medikamenten immer besser behandelt werden, die Lebenserwartung der Erkrankten steigt. Gleichzeitig belastet der sicher wünschenswerte Erfolg das System, da teure Medikamente über einen immer längeren Zeitraum verordnet werden.

In Deutschland steigen die Arzneimittel-Ausgaben seit Jahren. Mit 32,4 Milliarden Euro lagen sie 2009 knapp fünf Prozent höher als noch ein Jahr zuvor. Unter den 20 Medikamenten, die dem Arzneimittel-Report 2010 der Barmer GEK zufolge ein Fünftel der Arzneimittel-Ausgaben verursachen, finden sich viele, häufig sehr teure Arzneimittel gegen chronische Krankheiten - darunter Cholesterinsenker sowie Medikamente zur Behandlung von Krebs, Asthma, rheumatischer Arthritis und Multipler Sklerose.

Lang andauernde Erkrankungen zählen tatsächlich nicht nur hinsichtlich der Arzneimittel zu den großen Kostentreibern im Gesundheitssystem. Prävention, Behandlung und Rehabilitation allein von Herz-Kreislauf-Leiden schlugen laut Statistischem Bundesamt 2008 mit 37 Milliarden Euro zu Buche - was knapp 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben entspricht. Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen, darunter Demenz und Depression, verursachten Kosten in Höhe von 28,7 Milliarden. Für Patienten mit Muskel-Skelett-Leiden wurden 28,5 Milliarden ausgegeben, für die Behandlung von Krebskranken fielen 18,1 Milliarden Euro an. "70 bis 80 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen entfallen auf chronische Krankheiten", sagt Ganten.

Ungesunder Lebensstil

Dabei verursacht eine relativ kleine Anzahl an Risikofaktoren - darunter Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht, erhöhte Cholesterinwerte und Bluthochdruck - einen Großteil der chronischen Krankheiten. "Um zum Beispiel chronische Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und Übergewicht in den Griff zu bekommen, muss sich in erster Linie bei der Ernährung etwas ändern", sagt Ganten. "Wir essen zu viel und falsch. Und wir bewegen uns zu wenig." Auch bei Diabetes vom Typ 2, dem sogenannten Altersdiabetes, sind fehlende Bewegung, falsche Ernährung und damit zusammenhängend Fettleibigkeit bekannte Risikofaktoren. "Es ist daher wichtig, dass wir schon im Kindergarten gesunde, weniger salz- und zuckerreiche Ernährung vermitteln", sagt Ganten. "Allerdings nicht mit der moralischen Keule, sondern mit einem Verständnis dafür, was unser Körper braucht."

Denn chronische Erkrankungen hängen auch mit einem geringen Bildungsstandard zusammen. Bei sozial schwächeren Menschen kommen sie häufiger vor. "Es wird viel über Kosten gesprochen", sagt Ex-Charité-Chef Ganten. "Ich glaube, dass die eigentliche Herausforderung vielmehr Bildung ist. Diese ist sozusagen die beste Impfung, die Grundvoraussetzung für gesundes Verhalten."

Hoffen lässt in dieser Hinsicht eine kürzlich veröffentlichte telefonische Befragung des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Gesundheit der Deutschen: Verglichen mit der letzten Studie aus dem Jahr 2003 rauchen demnach weniger Männer und Frauen, sie treiben vermehrt Sport und essen zumindest etwas mehr Gemüse und Obst. Allerdings sind immer mehr Menschen in Deutschland fettleibig. Besonders bei den Älteren tritt dem RKI zufolge Diabetes vom Typ 2 häufiger auf.

"Wir werden nie eine Gesellschaft erreichen, die völlig frei von Krankheiten ist. Diese gehören zum Leben dazu", sagt Ganten. "Aber die Fehler, die wir in vielen Bereichen machen, müssen wir vermeiden."

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