
Ärzte, Arzthelferinnen und Medizinstudenten protestieren in Mainz gegen die aus ihrer Sicht schlechten Honorare© Torsten Silz/DDP
"Wir haben keinen Ärztemangel, es gibt in erster Linie ein Verteilungsproblem", sagt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums. Während in Brandenburg manche Arztpraxis fehle, gebe es in Teilen Berlins eine Überversorgung. Statt in die strukturschwachen Provinzen im Osten mit einem großen Anteil an alten Menschen und mehr Hartz-IV-Empfängern zieht es auch die Mediziner in die größeren Städte. Oper, Restaurants und Privatschulen locken viele von ihnen. Auch innerhalb einer Stadt zeichnet sich diese Bewegung ab: Wer kann, verlegt seinen Arztsitz lieber in die wohlhabenden Gegenden, denn dort lässt es sich besser leben - und verdienen. Oder gleich ins Ausland.
Für Ludwig Sander käme das nicht infrage. Er will sich nicht beklagen, seine Praxis läuft. Auch mit den vielen alten und chronisch kranken Patienten. "Das sind die Menschen, die die volle Zuwendung und die Zeit des Arztes brauchen", sagt Sander. "Rein rechnerisch verdiene ich allerdings mit zwei jungen Menschen, die einmal im Quartal zu mir kommen, mehr als mit einem älteren Patienten, der zehnmal im Quartal kommt. Hier steht das System Kopf." Die rund drei Prozent Privatpatienten, die den Weg in die Pantelitzer Praxis finden, bringen dem Landarzt im Jahr ungefähr 10.000 Euro ein, sagt er. In Städten wie Hamburg oder München liegt der Anteil der Privatpatienten in vielen Gegenden zehnmal höher. Das zieht.
Gekniffen sind am Ende die Patienten, die in den für Ärzte wenig attraktiven Gegenden wohnen. So kann es passieren, dass es in einem Planungsbezirk genug Ärzte gibt. Allerdings so schlecht verteilt, dass manche Patienten doch viele Kilometer fahren müssen, bis sie eine Praxis erreichen. "Ärzte sind keine Beamten", sagt ein Sprecher der KBV. "Sie können sie nicht mit dem Lasso einfangen und aufs Land ziehen."
Das stimmt zwar, doch eigentlich müssten in diesem Fall gerade die Kassenärztlichen Vereinigungen gegensteuern. Die Aufgabe dieser Körperschaften des öffentlichen Rechts ist es, dafür zu sorgen, dass Haus- und Fachärzte flächendeckend gleichmäßig verteilt sind. Dem von Köhler beklagten Ärztemangel in manchen Gegenden könnte erst einmal einer mutig entgegentreten: Köhler selbst. Doch obwohl die KBV gerne lautstark auf den Medizinermangel hinweist, fällt ihr das rigorose Eingreifen schwer. Zwar zahlen die Kassenarztvereinigungen heute schon Medizinern in unterversorgten Gebieten mehr, doch sind dies bis jetzt eher geringe Beträge. Dass diese Schritte so zaghaft ausfallen, mag auch damit zusammenhängen, dass ein Zuschlag für Ärzte in strukturschwachen Gebieten zugleich einen Abzug für Ärzte in überversorgten Gebieten bedeutet - wovon auch viele Kassenfunktionäre betroffen wären.
Und so bleibt es wohl vorerst dabei, dass im deutschen Gesundheitssystem der Mangel zeitgleich mit dem Überfluss auftritt. "Damit die Versorgung in den strukturschwachen Regionen aufrecht erhalten werden kann, muss die Bedarfsplanung in Zukunft flexibler gestaltet werden", heißt es bei der KBV. Verbünde von Kassen, Ärzten und Ländern sollen sich gemeinsam in Praxen und Kliniken um die Patienten kümmern. Zudem sollen die Planungsbezirke kleiner werden. In Arztstationen sollen Mediziner verschiedener Fachrichtungen an unterschiedlichen Tagen anreisen.
Wichtig ist es allerdings auch, mehr Jungmediziner für die Weiterbildung zum Allgemeinarzt zu gewinnen; denn diese steht nicht hoch im Kurs. Für den Bremer Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke muss die Allgemeinmedizin daher wieder im Ansehen steigen. Förderprogramme sollen Abhilfe schaffen. "Es kann nicht nur die Heldenmedizin geben, wo Herzen transplantiert werden, es geht vor allem um qualifizierte Basisversorgung, alte und chronisch kranke Menschen wollen angemessen versorgt sein", sagt Schmacke.
Der Pantelitzer Allgemeinmediziner Sander ist sich sicher: "Ich würde wieder Allgemeinarzt werden und zwar genau an dieser Stelle." Die andauernde Klage mancher Kollegen um die schlechte finanzielle Situation kann der Hausarzt nur teilweise nachvollziehen: "Ärzte sollten nicht andauernd über das Geld reden, so schlecht, wie es häufig dargestellt wird, ist das Honorar nicht." Mit einem Durchschnittseinkommen von 195.000 Euro im Jahr zählen Ärzte nach einer Untersuchung der Barmer Ersatzkasse immer noch zu den Spitzenverdienern in Deutschland. "Davon gehen allerdings noch die Steuern ab und bei niedergelassenen Ärzten die Kosten für die Praxis und die Mitarbeiter", sagt Sander. Ungefähr 5000 Euro netto im Monat blieben da übrig, die Altersvorsorge nicht mit eingerechnet. Der Allgemeinmediziner ist dennoch guter Dinge, dass es mit dem Nachfolger klappt. Findet sich niemand, würde er erst einmal weiterarbeiten: "Damit die Patienten nicht vor verschlossener Tür stehen." Ein finanzieller Verlust wäre es allerdings auch, denn der Verkauf der Praxis ist fest in die Altervorsorge mit eingeplant. "Dann würde ein Standbein wegbrechen", sagt der 66-Jährige.