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10. Januar 2010, 16:53 Uhr

Die Angst der Mediziner vor Alten und Kranken

Gesundheitssystem, Ärztemangel, Landärzte, Hausärzte, Hausarzt, Gesundheitsreform

Ärzte, Arzthelferinnen und Medizinstudenten protestieren in Mainz gegen die aus ihrer Sicht schlechten Honorare© Torsten Silz/DDP

Kein Mangel, ein Verteilungsproblem

"Wir haben keinen Ärztemangel, es gibt in erster Linie ein Verteilungsproblem", sagt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums. Während in Brandenburg manche Arztpraxis fehle, gebe es in Teilen Berlins eine Überversorgung. Statt in die strukturschwachen Provinzen im Osten mit einem großen Anteil an alten Menschen und mehr Hartz-IV-Empfängern zieht es auch die Mediziner in die größeren Städte. Oper, Restaurants und Privatschulen locken viele von ihnen. Auch innerhalb einer Stadt zeichnet sich diese Bewegung ab: Wer kann, verlegt seinen Arztsitz lieber in die wohlhabenden Gegenden, denn dort lässt es sich besser leben - und verdienen. Oder gleich ins Ausland.

Für Ludwig Sander käme das nicht infrage. Er will sich nicht beklagen, seine Praxis läuft. Auch mit den vielen alten und chronisch kranken Patienten. "Das sind die Menschen, die die volle Zuwendung und die Zeit des Arztes brauchen", sagt Sander. "Rein rechnerisch verdiene ich allerdings mit zwei jungen Menschen, die einmal im Quartal zu mir kommen, mehr als mit einem älteren Patienten, der zehnmal im Quartal kommt. Hier steht das System Kopf." Die rund drei Prozent Privatpatienten, die den Weg in die Pantelitzer Praxis finden, bringen dem Landarzt im Jahr ungefähr 10.000 Euro ein, sagt er. In Städten wie Hamburg oder München liegt der Anteil der Privatpatienten in vielen Gegenden zehnmal höher. Das zieht.

Patienten haben Pech

Gekniffen sind am Ende die Patienten, die in den für Ärzte wenig attraktiven Gegenden wohnen. So kann es passieren, dass es in einem Planungsbezirk genug Ärzte gibt. Allerdings so schlecht verteilt, dass manche Patienten doch viele Kilometer fahren müssen, bis sie eine Praxis erreichen. "Ärzte sind keine Beamten", sagt ein Sprecher der KBV. "Sie können sie nicht mit dem Lasso einfangen und aufs Land ziehen."

Das stimmt zwar, doch eigentlich müssten in diesem Fall gerade die Kassenärztlichen Vereinigungen gegensteuern. Die Aufgabe dieser Körperschaften des öffentlichen Rechts ist es, dafür zu sorgen, dass Haus- und Fachärzte flächendeckend gleichmäßig verteilt sind. Dem von Köhler beklagten Ärztemangel in manchen Gegenden könnte erst einmal einer mutig entgegentreten: Köhler selbst. Doch obwohl die KBV gerne lautstark auf den Medizinermangel hinweist, fällt ihr das rigorose Eingreifen schwer. Zwar zahlen die Kassenarztvereinigungen heute schon Medizinern in unterversorgten Gebieten mehr, doch sind dies bis jetzt eher geringe Beträge. Dass diese Schritte so zaghaft ausfallen, mag auch damit zusammenhängen, dass ein Zuschlag für Ärzte in strukturschwachen Gebieten zugleich einen Abzug für Ärzte in überversorgten Gebieten bedeutet - wovon auch viele Kassenfunktionäre betroffen wären.

Und so bleibt es wohl vorerst dabei, dass im deutschen Gesundheitssystem der Mangel zeitgleich mit dem Überfluss auftritt. "Damit die Versorgung in den strukturschwachen Regionen aufrecht erhalten werden kann, muss die Bedarfsplanung in Zukunft flexibler gestaltet werden", heißt es bei der KBV. Verbünde von Kassen, Ärzten und Ländern sollen sich gemeinsam in Praxen und Kliniken um die Patienten kümmern. Zudem sollen die Planungsbezirke kleiner werden. In Arztstationen sollen Mediziner verschiedener Fachrichtungen an unterschiedlichen Tagen anreisen.

Wenige Mediziner entscheiden sich für Weiterbildung zum Allgemeinarzt

Wichtig ist es allerdings auch, mehr Jungmediziner für die Weiterbildung zum Allgemeinarzt zu gewinnen; denn diese steht nicht hoch im Kurs. Für den Bremer Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke muss die Allgemeinmedizin daher wieder im Ansehen steigen. Förderprogramme sollen Abhilfe schaffen. "Es kann nicht nur die Heldenmedizin geben, wo Herzen transplantiert werden, es geht vor allem um qualifizierte Basisversorgung, alte und chronisch kranke Menschen wollen angemessen versorgt sein", sagt Schmacke.

Der Pantelitzer Allgemeinmediziner Sander ist sich sicher: "Ich würde wieder Allgemeinarzt werden und zwar genau an dieser Stelle." Die andauernde Klage mancher Kollegen um die schlechte finanzielle Situation kann der Hausarzt nur teilweise nachvollziehen: "Ärzte sollten nicht andauernd über das Geld reden, so schlecht, wie es häufig dargestellt wird, ist das Honorar nicht." Mit einem Durchschnittseinkommen von 195.000 Euro im Jahr zählen Ärzte nach einer Untersuchung der Barmer Ersatzkasse immer noch zu den Spitzenverdienern in Deutschland. "Davon gehen allerdings noch die Steuern ab und bei niedergelassenen Ärzten die Kosten für die Praxis und die Mitarbeiter", sagt Sander. Ungefähr 5000 Euro netto im Monat blieben da übrig, die Altersvorsorge nicht mit eingerechnet. Der Allgemeinmediziner ist dennoch guter Dinge, dass es mit dem Nachfolger klappt. Findet sich niemand, würde er erst einmal weiterarbeiten: "Damit die Patienten nicht vor verschlossener Tür stehen." Ein finanzieller Verlust wäre es allerdings auch, denn der Verkauf der Praxis ist fest in die Altervorsorge mit eingeplant. "Dann würde ein Standbein wegbrechen", sagt der 66-Jährige.

Von Lea Wolz
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KOMMENTARE (10 von 16)
 
Xennia (12.01.2010, 09:13 Uhr)
Numerus Clausus abschaffen!
Dass es keinen Ärztemangel gibt, sondern nur ein Verteilungsproblem, stimmt einfach nicht! Schauen Sie mal im Internet die bundesweiten beängstigend vielen Stellenangebote für Ärzte in Krankenhäusern an. Tausende von Klinikstellen sind offen, sowohl für Assistenzärzte als auch für Fachärzte (Oberärzte).
Nicht etwa nur auf dem Lande, sondern mittlerweile sogar in attraktiven Städten wie Berlin und München. Das ist außerordentlich alarmierend. Deutschland hat jahrzehntelang zu wenig Ärzte ausbildet und die Zulassungsbedingungen zum Studium sind derart absurd strikt, dass man sich schon regelrecht gezwungen fühlt, Medizin zu studieren, wenn man im Abiturzeugnis bei der Gesamtnote eine 1 vor dem Komma hat. Es werden medizinische Talente, wegen jahrelanger Wartezeiten auf das Studium, vom Medizinstudium abgeschreckt, das ist Realität.
Lagasch (11.01.2010, 17:39 Uhr)
Idee bedeutet Ärztevertreibung Richtugn Schweiz etc pp.
Nette Idee,die Ärzte um bis 50% von ihren Finanzen in besser versorgten Gebieten zu "entlasten":Ergebnis:Sie gehen ins Ausland,nicht nach MeckPomm.Merke:Erst nachdenken,so einfach läßt sich Meck Pomm mit Ärzten nicht auffüllen!
Sozimod (11.01.2010, 15:39 Uhr)
KBV und MDK abschaffen!
Gute Kommentare!
Die Verwaltung muss effizienter werden. Patient-Arzt-GKV. Vorstände ehrenhalber entschädigen. Die entlassenen KBVler können dann die unterversorgten Argen unterstützen. Die Pauschalen abschaffen!
Bürgerversicherung für alle. Auch preiswerter für Arbeitgeber. Sofort!
Günstigere Beiträge. Die Ärzte (die Mehrheit!) wollen weniger Verwaltung (10 Euro weg). Allgemeinmediziner müssen Fachärzten gleichgesteltt werden. Damit hätten wir weniger Opfer eines falschen Gesundheitssystems.
insLot (11.01.2010, 11:58 Uhr)
KBV abschaffen!
ZITAT: "Doch obwohl die KBV gerne lautstark auf den Medizinermangel hinweist, fällt ihr das rigorose Eingreifen schwer. Zwar zahlen die Kassenarztvereinigungen heute schon Medizinern in unterversorgten Gebieten mehr, doch sind dies bis jetzt eher geringe Beträge. Dass diese Schritte so zaghaft ausfallen, mag auch damit zusammenhängen, dass ein Zuschlag für Ärzte in strukturschwachen Gebieten zugleich einen Abzug für Ärzte in überversorgten Gebieten bedeutet - wovon auch viele Kassenfunktionäre betroffen wären."

Dieser Umstand ist seit Jahren bekannt. Fakt ist das die KBV ihren Job einfach nicht nachkommt. Bzw. sich selbigen MASSIV verweigert und das ohne politische Konsequenzen. Normal müßten hier seit Jahren Köpfe rollen. Aber nichts passiert. Es wäre so einfach in Ballungszentren gibt es 15%-20% weniger pro Leistung. Je nach Grad der Überdeckung. Und das Geld wird auf die Gebiete mit Unterdeckung verteilt. Mit Zuschlägen von bis zu 50%.

Dann müßten wir auch nichts mehr von der Mangellüge der KBV lesen. Die letztlich nur eine Offenbarung der eigenen Inkompetenz oder noch schlimmer des eigenen Unwillens ist.

Alternativ die Organisation abschaffen. Und das ganze gleich durchs Ministerium regeln lassen. Es ist ja offensichtlich, dass es die KBV nicht kann!
dentix07 (11.01.2010, 08:53 Uhr)
Da jemand leider keine Ahnung
"Die KBVen ... haben ein hausgemachtes Problem und geben das selbstverständlich NICHT zu.
Besser wäre es für Ärzte und Patienten, die KBVen würden sich freiwillig auflösen, denn sie sind völlig überflüssig. Die Krankenkassen könnten das übernehmen.
Man stelle sich vor, die Handwerker bekämen ihre Rechnungen nicht vom Kunden direkt bezahlt, sondern über ihre Innung, welche sich das dann gut bezahlen ließe. Kann sich jemand solch ein System vorstellen? Ist aber so bei den niedergelassenen Ärzten und die KBV lebt gut auf Kosten der Zwangsbeiträge."
1. gibt es nur eine KBV (Kassenärztliche BUNDESvereinigung; das Gemeinte sind die KVen ("regionale" Kassenärztliche vereinigungen) und die sind zuständig für die Bedarfsplanung.
2. Die KBV und KVen können sich nicht auflösen! Sind nämlich Körperschaften öffentlichen Rechts und bestehen aufgrunf GESETZ.
3. Die KV-/KZVen werden aus Mitgliedsbeiträgen der Ärzte betrieben. Die kranken Kassen/Beitragszahler kosten die KEINEN Cent; die sparen sogar, weil die KV-/KZVen Verwaltungsaufgaben übernehmen, die ansonsten die Kassen bezahlen müssten.
Das angesprochene Handwerkermodell hätten die Ärzte gerne. Wäre weniger bürokratisch, transparenter, sparsamer und der Arzt könnte/dürfte endlich wieder den Patienten in den Mittelpunkt stellen, und nicht die Finanznot der kranken Kassen.
Sozimod (11.01.2010, 08:10 Uhr)
Schlagzeile unverschämt! Neoliberal?
"Die Angst der Mediziner vor Alten und Kranken ", diese Überschrift ist eine Frechheit! Ich kenne keine Ärzte die Angst vor Alten und Kranken hat. Wo bleiben die Beschwerden der Ärzte?
Die Überschrift wäre denkbar gewesen:
Alte und Kranke Mitbürger erhalten in den ländlichen Regionen keine ausreichende ärztliche Versorgung!
Die Ärzte wollen therapieren, nicht verwalten. Vor 5, 6 Jahren hätte man Ärzte in diesen Regionen etablieren müssen. Aber die sog. Realpolitiker sahen und sehen noch keinen Anlass. Wenn der Staat die Defizite im Kassensystem ausgleicht, erhöhen die Vorstände ihre Auszahlung. So geschehen unter Schröder! Auch unter Gesundheitsminister Seehofer war es nicht besser. Er wurde mit abgewählt Die SPD wollte es besser machen. Skandalöse Bilanz der 11 Regierungsjahre.
allesklar (11.01.2010, 05:06 Uhr)
JA - Richtig
1.
Wie sonst kommt man eigentlich dazu, Menschen als Zweiteklassepatienten zu bezeichnen, die sage und schreibe 15.5 Prozent ihres Einkommens Monat für Monat leisten? Mit diesem Obolus könnte man eine erstklassige Medizin liefern, würden nicht die vielen Zwischenprofiteure absahnen ohne Ende.
Das ganze Gerede von Zusatzbeiträgen ist eine Unverschämtheit auf Kosten der Kassenpatienten, die immense Summen in das marode System pumpen - das inzwischen zu einem Gier-Fass ohne Ende geworden ist.
Zu 1:
Hartmann Bund - Versicherungen - Aerztekammern - Abrechnungsstellen- Pharmakonzerne .....

Alle haengen am Arzt und wollen mitverdienen.

2.

Ein weiteres Problem ist allerdings auch die Einstellung vieler Ärzte selbst. Früher wusste man, dass man in diesem Beruf eher nicht reich und wohlhabend wird. heute steht das oft an erster Stelle, diesen Beruf ergreifen zu wollen.

____

zu 2:

Gesprach in HH Hotel Atlantik - Zahnaerzte Ball.

Ich sprach Mann mit goldener Rolex an: Warum sind Sie Arzt geworden?

Mensch -Boss sagte der: Weil ich KOHLE MACHEN WILL.

PS: seine Frau trug gleiche rolex nur fuer ladies.

er war ein ARSCHLOCH ....

Thats it!!

Ich finde den Landarzt Sander Klasse und gruesse ihn mittels dieses mediums.

Fakten (11.01.2010, 00:25 Uhr)
Als deutscher Arzt lebt es sich in der Schweiz oder Skandinavien einfach besser.
Klar gibt es in Deutschland ein paar Schubiake unter den Medizinern die richtig Kohle machen, auf den Durchschnitt der Aerzte trifft das aber nicht zu.

Sozimod (10.01.2010, 21:10 Uhr)
Der Bekannte bin ich
@Michael200669:
Was die Sozialversicherungssysteme leisten müssen ist gesetzlich festgeschrieben. Leider wurde 2007 so nicht verfahren. Heute immer noch nicht. Erst nach 6 Monaten ALG II, wurde ich darauf hingewiesen, dass ein Anspruch von ALG I besteht. Ich habe immer noch einen lfd. Arbeitsvertrag. Es ist doch nicht zu fassen, das man seine erarbeiten Leistungen(ALG I) aufbrauchen soll, obwohl andere Leistungsträger verantwortlich sind. Was die jetzige Regierung plant spaltet noch mehr die Gemeinschaft. Dieses ganze Sozialsystem muss zwingend gerneralüberholt werden. So lange Lobbyisten(SPD, CDU/CSU, FDP und die Grünen) regieren, wird das Volk verlieren.
Durch dieses System bedingt, werden viele Patienten in den Suizid getrieben. Es wird Zeit die negativen Auswirkungen einer verfehlten Wirtschafts und Sozialpolitik schonungslos zu benennen. Das Sozialgericht Stade hat noch Klagen ab 2005 bis heute abzuarbeiten. Als Bürger sollten wir einen Kassensturz fordern. Öffentlichmachung über Soll und Haben. Die Zufkünftigen positiven richterlichen Entscheidungen für sozial benachteiligte Menschen( ALG II, I und Kranke), werden ein zusätzliches Loch in die Gesundheits, bzw. Rentenkasse reissen. Durch die hohe Belastung der AN, sowie die gesundheitsgefährdenen Arbeitsplätze( Betonböden, Stehtresen ect.) werden zu noch mehr Kranken führen.
Das Übel muss an der Wurzel gepackt werden.
aretana (10.01.2010, 20:59 Uhr)
@michael Du hast recht!
Keiner der Ärzte ist verhungert, aber durch die vielen Reformen dank dieser unsäglichen Gesundheitsministerin leben viele Ärzte am Existenzminimum.
Bürokratie und Apparatemedizin kosten viel Geld und Zeit, und diese Zeit wäre besser und billiger in Beratung investiert.
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