Nach der Theorie des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers Herbert Freudenberger und seiner Kollegin Gail North führen gewöhnlich zwölf Stufen in das Verderben (siehe Fotostrecke). Danach engagieren sich Betroffene häufig zu Beginn im Job sehr stark und vernachlässigen private Bedürfnisse. Sie treffen ihre Freunde nicht mehr, spannen nicht mehr aus, schwänzen den Sport. Wird ihnen der Konflikt bewusst, verleugnen sie die Überlastung. Sie arbeiten nicht mehr zuverlässig, doch werden sie kritisiert, empfinden sie das als Angriff auf ihre Person. Und so ziehen sie sich weitgehend aus dem Arbeitsgeschehen zurück, fühlen sich nutzlos und leer, bis sie in der völligen Erschöpfung enden. In diesem Stadium sind Betroffene oft selbstmordgefährdet.
Gegen Burnout und andere Folgen des Dauerstresses hilft vor allem erst einmal eins: aufmerksam sein. Welche Stressoren belasten mich? Wie gehe ich damit um? Gönne ich mir genug Ausgleich? Schaffe ich es, mich zu entspannen? Welche Bedürfnisse habe ich außerhalb der Arbeit? Was ist mir im Leben wichtig? Diese Fragen sollten sich gefährdete Personen stellen. Mit Aufmerksamkeit lassen sich auch erste Anzeichen des Ausbrennens leichter erkennen: Wenn der Kreislauf schon morgens auf 180 läuft; wenn man oft grundlos schwitzt und unter Kopfschmerzen leidet. Oder wenn man sich zunehmend hilflos fühlt und fürchtet, dass einem alles über den Kopf wächst.
In vielen Fällen hilft es Stressgeplagten bereits, mehrmals pro Woche Sport zu treiben und regelmäßig Entspannungstechniken anzuwenden. Oft müssen aber zusätzlich die Arbeits- und Lebensgewohnheiten verändert werden. Dazu gehört, sich auch zufriedenzugeben, wenn man nur 80 Prozent des Pensums geschafft hat, Freizeit bewusst in den Alltag einzuplanen und die eigenen Grenzen zu beachten. Kann sich der Betroffene nicht mehr selbst aus der Abwärtsspirale befreien, braucht er professionelle Hilfe. "Dafür sollte er zunächst mit seinem Haus- oder Betriebsarzt sprechen", rät der Hamburger Psychologieprofessor Matthias Burisch. "Das weitere Vorgehen ist dann allerdings normalerweise Sache von Psychologen." Entscheidend ist, dass der Hausarzt die Symptome auf den Stress zurückführt. Sonst werden womöglich körperliche Beschwerden über Jahre mit Medikamenten behandelt, während die eigentliche Ursache unangetastet bleibt.
Behandelt werden Burnout-Patienten ambulant von niedergelassenen Psychotherapeuten oder stationär im Krankenhaus. Mittlerweile bieten Tageskliniken auch ambulante Programme an. Bei der Auswahl eines Therapeuten oder einer Klinik müssen sich Betroffene auf ihr Bauchgefühl oder Empfehlungen verlassen. "Bei niedergelassenen Behandlern bezahlen die Kassen mehrere Probestunden, bevor man sich festlegen muss", sagt Burisch. "Das sollte man auch ausnutzen." Möchte der Patient in eine Klinik gehen, sollte er dort erst nachfragen, ob und wie viele Psychotherapiestunden angeboten werden. Burisch: "Drei bis vier Sitzungen pro Woche, einzeln oder in einer Gruppe, sollten es mindestens sein."
Isabella Heuser rät, zunächst den Behandlungsplan mit dem Therapeuten zu besprechen und kritisch zu bewerten. "Viele nehmen die Behandlung einfach hin, dabei würden sie sicher auch nicht jedes Medikament unbesehen schlucken." Patienten sollten folgende Fragen stellen: Wie lange dauert die Therapie? Mit welcher Wirkung und welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?
Gute Stressbehandlungen bauen nicht nur auf eine Methode, sondern kombinieren Verfahren aus Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und systemischer Analyse. So können Traumatisierungen aufgespürt, neue Handlungsweisen aufgezeigt und Stressverstärker in Freundeskreis und Familie erkannt werden. Der Therapeut sollte nicht nach einem Standardplan vorgehen, sondern sein Handeln am Einzelfall ausrichten. Denn die Gründe für Dauerstress und Burnout sind zu vielfältig, um ihnen mit Methoden nach Schema F zu begegnen.
In einer idealen Behandlung lernt der Patient, Überforderung aktiv vorzubeugen und sich bewusst freie Zeit zu nehmen. Zudem erkennt er, wie innere Antreiber wie zum Beispiel Fleiß und Ehrgeiz sein Überlastungsgefühl verstärken. So kann er Stressfallen frühzeitig erkennen und gegensteuern. Das ist für die Betroffenen in der Therapie oft harte Arbeit. Aber eine, die sich auszahlt. Beim Burnout reicht es nämlich nicht aus, ein paar Wochen im Wellness-Hotel die Beine hochzulegen. Sonst fängt das alte Spiel anschließend einfach wieder von vorn an.
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 4/2009