Auch Corinna Häusler hat sich dazu entschieden, ihre Depression nicht zu verstecken. "Ich habe damit nur gute Erfahrungen gemacht", berichtet sie. "Mein Mann beispielsweise kann besser mit mir umgehen in solchen Phasen, weil ich ihm erklärt habe, was mit mir los ist." Seit sieben Jahren schreibt sie im Forum, seit zweieinhalb Jahren ist sie symptomfrei, mit "leichten Schwankungen". In ihren dunkelsten Phasen nutzt sie das Forum nicht. "Ich bin kein Jammertyp. Ich weiß dann, dass es besser ist, zu meinem Arzt zu gehen."
"Das Forum ist kein Therapieersatz und wird auch nicht so genutzt", unterstreicht Nico Niedermeier. Und was, wenn User nicht mehr aus Depression herauskommen und an Selbstmord denken? "Das Forum kann keine akute Krisenintervention leisten", sagt Niedermeier. Ernstzunehmende Suizidankündigungen habe es dennoch gegeben. In solchen - mindestens zehn - Fällen habe die Polizei den Standort des E-Mailverfassers ausfindig gemacht und ein Notfallteam dorthin geschickt. Reagiert werden kann schnell, denn mit seiner Kollegin Anna Blume, Soziologin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität in Leipzig, sichtet Niedermeier die neuen Postings mehrmals täglich. "Postings mit möglicherweise bedrohlichem Inhalt ziehen wir sofort aus dem Verkehr. Sonst halten wir uns zurück mit Zensuren", sagt Niedermeier. Störenfriede, die nur ins Forum gehen, um zu provozieren und schlechte Stimmung zu machen, würden die User selbst in die Schranken weisen oder Betroffene mit anderen psychischen Störungen an andere Stellen weiterschicken. Überhaupt, der Zusammenhalt der User ist groß und holt die Einzelnen nicht nur via Internet aus ihrer Isolation. Allein im Jahr 2008 gab es deutschlandweit rund 40 Treffen, die Forumsteilnehmer initiiert haben.
Der ungefilterte Einblick in die Perspektive Betroffener hilft auch, Schwachstellen in der Therapie zu erkennen. Im Forum werden häufig Ängste und Probleme bei der Behandlung thematisiert. Häufige Kommentare sind: "Es fällt mir schwer, Vertrauen zu fassen", "Wie kann ich sicher sein, die richtige Diagnose zu erhalten?" und "Was machen die Ärzte mit mir?". Einige befürchten unter anderem "zwangsmediziniert" zu werden. Forumsteilnehmer berichten regelmäßig, dass sie, kaum im Behandlungszimmer angekommen, schon wieder entlassen werden, meist inklusive eines Antidepressivums und der Aussicht auf einen nächsten Termin, der erst Wochen später stattfindet. Und manche berichten, dass sie in die Mühlen einzelner Richtungs- und Schulstreitereien geraten. Ein Forumsteilnehmer schreibt beispielsweise: "Der Oberarzt, ein Psychiater, hatte einen Hass auf die Psychosomatik in der hiesigen Klinik und ich wurde sozusagen zu seinem Spielball." Solche Situationen können dazu führen, dass ein Betroffener die Therapie abbricht, warnt Niedermeier. Umso wichtiger sei es, die Behandlung zu optimieren. "Wir können von unseren Patienten lernen, unter anderem auch durch das Forum."