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16. Juli 2010, 19:46 Uhr

Der ewige Kügelchen-Streit

Homöopathie, Karl Lauterbach, homöopathisch, Alternative Medizin, alternative Heilmethode, Krankenkassen, Gesundheitssystem

Weil vermeintlich keine Nebenwirkungen drohen, schwören viele Eltern auf homöopathische Mittel© Patrick Pleul/DPA

Es geht ums Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie

Das richtig große Geld wird auf dem Arzneimittelmarkt mit neuen Medikamenten gemacht. Dementsprechend setzen die Pharmakonzerne auf ihre neuen Blockbuster. Einzelne Präparate, mit denen pro Jahr dreistellige Millionen- oder sogar Milliardenbeträge umgesetzt werden. So manches dieser Mittel ist umstritten, weil es eventuell nicht besser wirkt als ältere, günstigere Präparate oder mehr Nebenwirkungen hat. Einige aktuelle Beispiele: das Diabetes-Medikament Avandia oder der Cholesterinsenker Inegy.

Es ist legitim, an den guten Absichten der Pharmaunternehmen zu zweifeln. Homöopathischen Unternehmen haftet dieser schlechte Ruf nicht an. Die großen Spieler in Deutschland sind Mittelständler, keine Weltkonzerne. Denen geht es natürlich auch um ihre Jahresbilanz, aber sie erhaschen leicht einen Vertrauensbonus. Ob das gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Es prallen Wissenschaft und Lebenswelt aufeinander

Darüber zu streiten, ob homöopathische Mittel wirken oder nicht, ist eigentlich müßig. Wissenschaftliche Studien kommen zum Ergebnis, dass sie nicht besser wirken als Placebos. Trotzdem finden sich zahlreiche Menschen, die felsenfest behaupten, dass ihnen oder ihren Kindern diese Form der Alternativmedizin geholfen hat. Beide Seiten haben Recht.

Dass Homöopathie nicht besser wirkt als ein Placebo, ist schlicht erwartbar, schließlich enthalten die Mittel im Prinzip das gleiche. Während es sich bei Placebos um Zuckerkügelchen oder Flüssigkeiten ohne einen Wirkstoff handelt, wurde bei den homöopathischen Präparaten ein anfangs enthaltener Wirkstoff so weit herunter verdünnt, dass im Kügelchen - Globuli genannt - oder der Flüssigkeit praktisch kein Molekül davon zu finden ist.

Allerdings kommt hier eine der faszinierendsten Tatsachen der Medizin ins Spiel: Placebos wirken. Daher müssen auch neue Mittel in Studien beweisen, dass sie mehr ausrichten als die Scheinmedikamente. Denn allein das Einnehmen eines Placebos sorgt manchmal dafür, dass sich das Befinden verbessert. Die Beratung eines Arztes unterstützt den Effekt. Es ist also gut möglich, dass ein Patient, der enttäuscht von der Schulmedizin beim homöopathischen Arzt landet und sich dort endlich aufgehoben fühlt, auch gesundet. Das widerlegt nicht den Stand der Wissenschaft, wirkt sich aber sehr wohl auf die Einstellung des Einzelnen zur Homöopathie aus.

Das Thema polarisiert zwangsweise

Gut jeder zweite erwachsene Deutsche hat schon ein homöopathisches Mittel eingenommen. Die Methode ist so bekannt, dass praktisch jeder eine Meinung dazu hat. Und während insbesondere Naturwissenschaftler über der Unsinnigkeit der Homöopathie klagen, berichten eben andere aus persönlicher Sicht von ihren Erfolgen. Gern kombiniert mit dem Ausspruch "Wer heilt, hat recht".

Gegner der alternativen Heilmethode fürchten, dass deren Anhänger auch bei schweren Leiden nicht mehr auf die Schulmedizin zurückgreifen. Tatsächlich gibt es dramatische Fälle, etwa den des Ehepaares Sam, deren Tochter im Alter von neun Monaten mit einem schweren Ekzem starb, nachdem sie sie fünf Monate lang nur homöopathisch behandelt hatten.

Die Fronten in diesem Streit werden nicht aufweichen. Selbst die beste Studie hat Mängel, das liegt im System der Wissenschaft. Und so kann jede Metaanalyse, die der Homöopathie die Wirksamkeit abspricht, zerredet werden, zumal, wenn man mutwillig vorgeht. Einen Beweis bleibt die Homöopathie der Wissenschaft aber schuldig. Die Gefahr, die eine völlige Abkehr von der Schulmedizin mit sich bringt, existiert auch. Und schlußendlich darf man sich darüber echauffieren, dass die Krankenkassen Behandlungen zahlen, deren Wirksamkeit jenseits des Placebo-Effekts nicht erwiesen ist. Also wird weiter gestritten.

Bedacht werden sollte dabei allerdings, dass unser Gesundheitssystem insgesamt vor größeren Problemen steht als dieser Streitfrage. Da wird auch Herr Lauterbach zustimmen.

Von Nina Weber
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KOMMENTARE (10 von 33)
 
G.W.B. (19.07.2010, 17:03 Uhr)
Gefährliche Homöopathen
Homöopathie ist Humbuk.

Aber Homöopathen sind eine große Gefahr: Denn sie versuchen, ihre (garantiert unwirksamen) Mittelchen an Patienten, die dringend in die Hand von erfahrenen Ärzten gehören.

Ein Beispiel findet man leicht mit Google unter dem Stichwort

?Homöopathische Reiseapotheke ( 60 Mittel)?

im Internet:

Hier nur eine Kostprobe:

Arnica C 200 hilft bei Schädel-Hirn-Traumen, Schlaganfall und Herzbeschwerden ? und bei Hypertonie . . .

Bryonia C 200 bei Akuter Lungenentzündung oder Rippenfell,
Gallenblasenentzündung und Blinddarmentzündung . . .

Phosphorus C200 + C 1000 bei hellroten Blutungen aus allen Körperöffnungen, einschließlich des Bluthustens und Bluterbrechens,
Akuter Leberentzündung . . .
. . .
und was hilft gegen solche Homöopathen?
Parvis (19.07.2010, 16:32 Uhr)
@Stern007
Könnte es sein, dass sie hier Homöopathie mit Naturheilkunde verwechseln? Arnika wird, durchaus mit Erfolg, in der Phytotherapie eingesetzt. Allerdings können sehr wohl Nebenwirkungen, je nach der Dosis und der Verabreichungsart bis zum Herzstillstand, eintreten.
Elysia (19.07.2010, 15:44 Uhr)
Zwei verschiedene paar Schuhe
@stern007

Was Sie meinen ist Naturheilkunde. Es ist unbestritten, dass da einiges hilft, z. B. auch Johanniskraut bei leichten Depressionen. Homöopathie ist etwas ganz anderes und beruht auf mystischen Zubereitungsverfahren, hier ist keine Wikrung empirisch bewiesen.
horst.pachulke (19.07.2010, 14:15 Uhr)
Zusatz zu "Homöopathie"
Die wirkliche Gefahr von wirkungslosen Mitteln im Katalog der "Schulmedizin" wäre natürlich, dass es "Kandidaten" gibt, die mit der Begründung "Ich merk jetzt gar keine Wirkung - is eh nur ein Placebo" die "echten" Mittel nicht mehr nehmen...
horst.pachulke (19.07.2010, 14:11 Uhr)
Homöopathie
ist wenigstens eine Methode, zuverlässig einen Placebo-Effekt zu generieren: Für den Placebo-Effekt benötigt es schließlich eine "Cover-Story", die erklärt, weshalb das verschriebene Mittelchen denn wirken soll.

Einfach Zuckerpillen im Rahmen der "normalen" Medizin verschreiben könnte aus zwei Überlegungen Schwierigkeiten bedingen. Zum Einen würde sich herumsprechen, welche Mittel gegen Herzklappenverrostung (rechtsseitig) sind und welche für die "echten" Herzinfarktkandidaten sind; also würden die Zuckerkügelchen nicht mehr wirken.
Zum Anderen wäre allein das weithin bekannte Vorhandensein von wirkungslosen, meinetwegen wuderbar-wirksam bitter schmeckenden Präparaten im Katalog der mögliche Auslöser für das Gegenteil des Placebo-Effektes. So hat auch die Einnahme eines nur vermeintlich Schäden verursachenden eventuell einen Nocebo-Effekt: Es treten dann tatsächlich Nebenwirkungen auf - die es in der Homöopathie laut Philosophie ja so gar nicht gibt.

Menschen, die so "aufgeklärt" sind, dass sie an Homöopathie rein gar nicht glauben können, sind einfach nur arm dran. Ihnen fehlt eine Möglichkeit körpereigene Kräfte zu mobilisieren - weil sie dafür viel zu vernünftig sind. Ferner fehlt ihnen die Möglichkeit - einen guten Homöopathen vorausgesetzt - die tatsächlich ernstzunehmenden Symptome, die im Alltag einfach untergehen und ignoriert werden, im Gespräch herauszufinden, differentialdiagnostisch abzuklären sowie gegebenenfalls "schulmedizinisch" behandeln zu lassen.
Parvis (19.07.2010, 12:23 Uhr)
gazerbeam (19.07.2010, 09:09 Uhr)
'Das Homöopathie bei Tieren hilft, ist unbestritten. Tiere kennen keinen Placebo-Effekt, '
Wie kommen sie auf diesen schmalen Grat?

Ich wiederhole: Auch bei Tieren läßt sich der Placeboeffekt nachweisen, siehe z.b. 'R. Ader und N. Cohen: Behaviorally conditioned immunosuppression. In: Psychosom Med 37, 1975, S. 333?340.'
Übrigens, Tierhomöopathische Mittel werden bis D6 potenziert. Dort sind die Stoffe nachweisbar!
Stern007 (19.07.2010, 11:33 Uhr)
Erfahrungen
also ich habe ein wenig Erfahrungen mit der Homöopathie! Und ich muss sagen, ganz objektiv, sie hilft! Ich bin aber auch der Ansicht, sie sollte die Schulmedizin unterstützen. Leider sind die Homöopathen oft ideeologisch vernebelt und zum Teil führt das zu gefährlichen Behandlungen (bzw. nicht Behandlung durch Schulmedizin!)
Bei leichtne Verletzungen z.B. hilft Arnika hervorragend!! Sollte mal wirklich jeder selber versuchen. (es ist kein witz: stößt man sich udn es würde eine schmerzhafte Beule kommen, verhindert Arnika dies, es gibt nichtmal einen blauen Fleck. Über die Kinder bin ich an diese Art der HP gekommen). Aber auch bei Kopfschmerzen, Übelkeit, udn auch einem "Kater" am nächsten Morgen hilft die HP. Auch sehr viel Erfolg hat man bei Hautproblemen!
Es ist also kein Teufelszeug, aber auch nicht das Allheilmittel und es sollte auch nicht gegen die Schulmedizin konkurrieren! Leider sehen das die HP oft anders, da wird behauptet, wenn man die "klassische Medizin" einnimmt, hilt die HP nicht mehr!
Ich kann jedem nur Empfehlen es mal auszuprobieren, schaden kann es ja nicht! Und schon unsere Großeltern haben z.B. Arnika zur Heilung verwendet! Oder wenn man Magenprobleme hat, einen Kammilentee trinken, das ist nicths weiter als HP!
Datenaktuell (19.07.2010, 10:54 Uhr)
Mäusekost und 10* schwarzer Kater
Warum soll sowas nicht wirken wenn man nur lange schüttelr statt rührt und eine D007 Bond Mischung den Patienten gibt ?!
Natürlich sollte jeder Vertrauen zu einem Hausarzt haben die 'dieses D123 Produkt half schon einer befreundeten Vooddo-Priesterin bei gleicher Krankheit' verkündet.
Pharma, Antibiotika, Impfung, Intensivmedizin was ist das gegen einen guten Schüttelreim beim Homöopathen ?

Wer sich auch noch einzelne Untersuchungen mit zufällig pistiven Ausgang bei Wirkstudien zu Homöopathie zieht kann gleich 'Dank Homöopathie mehr Vollmond' verkünden.
Homöopathie vertreibt geweihtes D123 Wässerchen was prima zur religiöse Tradition paßt. Wobei ich den Pott in der Kirche und 'Ave Marie' doch für effizienter erachte. Und dafür hat man eh schon Kirchensteuer bezahlt.
martineden (19.07.2010, 10:34 Uhr)
Humbug
Wer tausendfach überteuertes geschütteltes Wasser oder Zuckerkügelchen will, soll sie sich selbst kaufen. Die Anrufe bei der Astro-Hotline zahlt ja auch nicht die Kasse.
OneSizeFitsAll (19.07.2010, 10:14 Uhr)
@admins
Was geht denn heute ab hier?
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