
Weil vermeintlich keine Nebenwirkungen drohen, schwören viele Eltern auf homöopathische Mittel© Patrick Pleul/DPA
Das richtig große Geld wird auf dem Arzneimittelmarkt mit neuen Medikamenten gemacht. Dementsprechend setzen die Pharmakonzerne auf ihre neuen Blockbuster. Einzelne Präparate, mit denen pro Jahr dreistellige Millionen- oder sogar Milliardenbeträge umgesetzt werden. So manches dieser Mittel ist umstritten, weil es eventuell nicht besser wirkt als ältere, günstigere Präparate oder mehr Nebenwirkungen hat. Einige aktuelle Beispiele: das Diabetes-Medikament Avandia oder der Cholesterinsenker Inegy.
Es ist legitim, an den guten Absichten der Pharmaunternehmen zu zweifeln. Homöopathischen Unternehmen haftet dieser schlechte Ruf nicht an. Die großen Spieler in Deutschland sind Mittelständler, keine Weltkonzerne. Denen geht es natürlich auch um ihre Jahresbilanz, aber sie erhaschen leicht einen Vertrauensbonus. Ob das gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.
Darüber zu streiten, ob homöopathische Mittel wirken oder nicht, ist eigentlich müßig. Wissenschaftliche Studien kommen zum Ergebnis, dass sie nicht besser wirken als Placebos. Trotzdem finden sich zahlreiche Menschen, die felsenfest behaupten, dass ihnen oder ihren Kindern diese Form der Alternativmedizin geholfen hat. Beide Seiten haben Recht.
Dass Homöopathie nicht besser wirkt als ein Placebo, ist schlicht erwartbar, schließlich enthalten die Mittel im Prinzip das gleiche. Während es sich bei Placebos um Zuckerkügelchen oder Flüssigkeiten ohne einen Wirkstoff handelt, wurde bei den homöopathischen Präparaten ein anfangs enthaltener Wirkstoff so weit herunter verdünnt, dass im Kügelchen - Globuli genannt - oder der Flüssigkeit praktisch kein Molekül davon zu finden ist.
Allerdings kommt hier eine der faszinierendsten Tatsachen der Medizin ins Spiel: Placebos wirken. Daher müssen auch neue Mittel in Studien beweisen, dass sie mehr ausrichten als die Scheinmedikamente. Denn allein das Einnehmen eines Placebos sorgt manchmal dafür, dass sich das Befinden verbessert. Die Beratung eines Arztes unterstützt den Effekt. Es ist also gut möglich, dass ein Patient, der enttäuscht von der Schulmedizin beim homöopathischen Arzt landet und sich dort endlich aufgehoben fühlt, auch gesundet. Das widerlegt nicht den Stand der Wissenschaft, wirkt sich aber sehr wohl auf die Einstellung des Einzelnen zur Homöopathie aus.
Gut jeder zweite erwachsene Deutsche hat schon ein homöopathisches Mittel eingenommen. Die Methode ist so bekannt, dass praktisch jeder eine Meinung dazu hat. Und während insbesondere Naturwissenschaftler über der Unsinnigkeit der Homöopathie klagen, berichten eben andere aus persönlicher Sicht von ihren Erfolgen. Gern kombiniert mit dem Ausspruch "Wer heilt, hat recht".
Gegner der alternativen Heilmethode fürchten, dass deren Anhänger auch bei schweren Leiden nicht mehr auf die Schulmedizin zurückgreifen. Tatsächlich gibt es dramatische Fälle, etwa den des Ehepaares Sam, deren Tochter im Alter von neun Monaten mit einem schweren Ekzem starb, nachdem sie sie fünf Monate lang nur homöopathisch behandelt hatten.
Die Fronten in diesem Streit werden nicht aufweichen. Selbst die beste Studie hat Mängel, das liegt im System der Wissenschaft. Und so kann jede Metaanalyse, die der Homöopathie die Wirksamkeit abspricht, zerredet werden, zumal, wenn man mutwillig vorgeht. Einen Beweis bleibt die Homöopathie der Wissenschaft aber schuldig. Die Gefahr, die eine völlige Abkehr von der Schulmedizin mit sich bringt, existiert auch. Und schlußendlich darf man sich darüber echauffieren, dass die Krankenkassen Behandlungen zahlen, deren Wirksamkeit jenseits des Placebo-Effekts nicht erwiesen ist. Also wird weiter gestritten.
Bedacht werden sollte dabei allerdings, dass unser Gesundheitssystem insgesamt vor größeren Problemen steht als dieser Streitfrage. Da wird auch Herr Lauterbach zustimmen.