Sieben Wissenschaftler haben sich am Dienstag in einem Memorandum für einen liberalen Umgang mit Psycho-Pillen ausgesprochen. Die Debatte anzustoßen, war wichtig, meint der Psychologe Stephan Schleim. Im stern.de-Interview übt er allerdings auch Kritik.
Das ist Quatsch. Wenn diese Präparate nichts anderes machen würden als Kaffee und Schokolade, könnten wir uns die Diskussion sparen. Diese Analogie halte ich für einen gedanklichen Kurzschluss. Die Autoren weisen zwar am Anfang darauf hin, dass es extra für Gesunde entwickelte Medikamente zur Leistungssteigerung noch nicht gibt. Wenn wir aber über die bereits vorhandenen Mittel und deren Missbrauch reden, dann reicht ein Blick in den Beipackzettel um zu sehen, dass diese Mittel schwere Nebenwirkungen haben.
Vielleicht bin ich einfach nur traditionell, aber ich gehe davon aus, dass es eine Grundhaltung in unserer Gesellschaft gibt, wie Leistung erbracht werden soll - und zwar über Lernen, aufgrund der eigenen Motivation und des eigenen Durchhaltevermögens. Das wird meines Erachtens durch das Pillenschlucken unterlaufen. Allerdings wird das Gleichheitsprinzip in unserer Gesellschaft auch heute schon ausgehebelt - worauf die Autoren ja auch aufmerksam machen. Manche können sich heute schon eine Privatschule leisten, Nachhilfe oder Ähnliches. Damit ist allerdings nicht die Frage vom Tisch, ob dieses Ideal der Gleichheit nicht seine Berechtigung hat. Und ob Mittel zum Gehirndoping, die nur den Wohlhabenden zur Verfügung stehen, diese Situation nicht noch verschärfen. Meiner Meinung nach ist das der Fall.
Das führt meines Erachtens dann zu einer anderen absurden Konsequenz. Wenn wir alle unsere Leistung mit Pillen steigern, verschwindet der Nutzen.
Ich glaube nicht. Wir haben genügend Potential uns natürlich zu entwickeln. Mit den pharmazeutischen Mitteln beeinflussen wir direkt das Gehirn, ohne zu wissen, was wir anrichten. Dabei könnten wir auch irreparable Veränderungen hervorrufen. Im Memorandum schreiben die Autoren blauäugig, dass man die Pillen ja auch wieder absetzen kann. Wenn es aber erst einmal soweit gekommen ist, dass das Neurotransmitter-System im Gehirn beeinflusst wurde, dann ist dies nicht so einfach. Hier spielt man mit dem Feuer. Es wird noch lange dauern, bis wir sagen können, ob ein Eingriff ins Gehirn mit diesen Mitteln genauso harmlos ist wie eine Yogaübung. Wir sollten bei der Debatte auch nicht aus den Augen verlieren, dass es eigentlich am Ende um ein gutes und gelungenes Leben geht. Dazu brauchen wir keine Medikamente - außer wir sind ernsthaft krank.