Ausbaden müssen diese schlechte Informationspolitik nur vor allem die Ärzte vor Ort - so wie Susanne Hansen. Sie sitzt im 2. Stock des Gesundheitsamts Hamburg-Altona. Im Behandlungsraum steht ein Defibrillator und ein Beatmungsgerät - für den Fall, dass jemand allergisch reagiert oder das Spritzen selbst nicht verträgt. Natürlich werde hier niemand abgewiesen, sagt die Ärztin. Sechs Mediziner sind in dem Bezirk auf zwei Impfstellen verteilt. Zwar ist auch in Altona die erste große Welle abgeebbt, doch noch immer werden hier zwischen 500 und 600 Menschen täglich versorgt. Das sind rund 100 pro Arzt und Tag. "Wir sind am Rande der Überforderung", sagt Amtsleiter Johannes Nießen, der bis März ein Drittel seiner Mitarbeiter nur für den Grippeschutz abstellen muss.
Geplant war das alles so nicht. Womit die Verantwortlichen nicht gerechnet hatten, war eine wochenlange Schlagzeilenschlacht in den Medien, die vor allem darin bestand, gefühlte und nicht berechtigte Sorgen zu verbreiten: Erst gab es eine unsägliche und unsinnige Debatte über eine Zweiklassen-Impfgesellschaft. Dann wurde über die Sicherheit des Präparats, die Verträglichkeit, die Nebenwirkungen und letztlich über den Nutzen von Impfungen generell debattiert. Und schließlich überboten sich die Boulevardblätter und -sendungen in Horrorszenarien ob möglicher Todesfälle. Zum Schluss war die Rede von bis zu 35.000 Opfern. "Da wurde maßlos dramatisiert und eine Verunsicherung geschürt, die die Menschen völlig aufgelöst zurücklässt", sagt Jörg F. Debatin, Chef des Hamburger Universitätskrankenhauses aufgeregt. Die Deutschen, so scheint es, glaubten am Ende keinem mehr - und verzichteten erst einmal auf die Impfung. Seit von den ersten Toten im Zusammenhang mit der Schweinegrippe berichtet wird, rennen sie allerdings wieder scharenweise in die Praxen.
Zunächst war auch Akbar Barialai davon überzeugt, das mediale Dauerfeuer würde vor allem bei seinen Patienten Panik auslösen. Mümmelsmannsberg ist ein so genannter Problemstadtteil. "Hier orientieren sich die Leute gerne an den Zeitungen mit großen Buchstaben", sagt er. Erstaunt hat er dann aber zur Kenntnis genommen, dass es einige seiner Kollegen noch ärger getroffen hat - ausgerechnet in deutlich besser begüterten Stadtteilen. Dass sich die Schweinegrippen-Hysterie selbst in gebildeten Schichten so ausbreitet, kann sich Barialai nur so erklären: "Zeitungen mögen Unsinn schreiben, aber wer soll noch den Überblick behalten, wenn selbst wir Mediziner ständig widersprüchliche Empfehlungen abgeben?"
Vielleicht ist das auch eine der wahren Katastrophen dieser Impfaktion - die Tatsache, dass das Vertrauen in die offiziellen Stellen verloren gegangen zu sein scheint.
Sicher ist, dass sich bislang kaum eine der Befürchtungen bestätigt hat. Zwar gibt es einige Berichte über problematische Nebenwirkungen nach der Impfung, allerdings ist unklar, ob sie mit dem Serum zu tun haben oder nicht. Auch ist das Virus bis jetzt mild, es gibt kein Massensterben in Deutschland und in den allermeisten Fällen ist die Infektion nach zwei, drei Tagen ausgestanden. Nur eines bereitet den Medizinern und Gesundheitsämter Sorge: Was tun, wenn der bestellte Impfstoff nicht ausreicht? "Wenn die Leute mitbekommen, dass sie womöglich keine Impfung mehr abbekommen", so der Arzt, "dann geht es bei uns erst richtig los".