Und nicht nur das. Gesellschaftswissenschaftler diagnostizieren eine Überbewertung der Arbeit. "Unsere heutige Vorstellung davon ist damit verbunden, etwas zu bewegen, zu zeigen, was man kann, sich selbst zu verwirklichen", sagt Beate Schulze, Soziologin und Psychologin in Zürich. Alle Anerkennung aus dem Beruf zu ziehen sei aber auf Dauer riskant. Denn auch "der spannendste Broterwerb vermag nicht all unsere Bedürfnisse nach Erfolg, persönlichem Aufgehobensein und Gemochtwerden zu erfüllen".
2. Optimiere dich selbst - und zwar ständig!
Die Idee, sich von morgens bis abends selbst zu vervollkommnen, erfasst mittlerweile das ganze Leben. Der Leistungsappell verstummt nie. Wir müssen unsere "Netzwerke" pflegen, im Job und privat, unsere "sozialen Fähigkeiten" ausbauen, unsere Gefühle optimieren, stets geschmeidig sein. Mal Aggression rauslassen? Auf keinen Fall. Und zu Hause schon gar nicht. Denn auch da soll schönste Harmonie herrschen. Und wenn die Kinder abends im Bett liegen, klappen die Eltern den Laptop wieder auf, letzte Verbesserungen am Vortrag für morgen. Dann schnell noch Mails, Nachrichten, Sonderangebote, Kinoprogramm checken - man muss ja mitreden können.
Beim Klicken kurz die kranke Mutter anrufen, kurz den Hörer weglegen, weil der zweite Anschluss bimmelt, kurz auf die SMS schauen, die auf dem Mobiltelefon eingeht. Es hört nicht auf. Und die neuen technischen Geräte bereiten ja teuflischerweise auch viel Spaß: Schnell noch die nächste Staffel der US-Serie aus dem Netz laden, bevor sie im deutschen Fernsehen läuft. Wir überholen uns selbst. Anfang und Ende - das war gestern. Erst in der Burnout-Klinik, beim Achtsamkeitstraining, spürt der vom Machbarkeits- und Erreichbarkeitsdiktat erschöpfte Mensch womöglich, was ihm fehlt. "Da erlebt er dann erstmals wieder, wie es ist, einfach nur da zu sein, nicht zu arbeiten, nicht an sich selbst und nicht für Geld", sagt die Therapeutin Nicole Plinz.
3. Die zentrale Rolle der Chefs
Die jüngste Forschung zeigt: Von größter Bedeutung für die Gesundheit ist der Führungsstil der unmittelbaren Vorgesetzten. Fachleute halten die Schulung der Chefs sogar für den Schlüssel zur Eindämmung der Stressleiden. Ist der Teamleiter mit allen im Dialog und geht auf sie ein, ist er kooperativ, visionär, inspirierend, motivierend und ein gutes Vorbild, setzt er anspruchsvolle Ziele und gibt viel Rückmeldung, sind seine Mitarbeiter gesünder - und obendrein auch effektiver. Im Idealfall verhält sich der Boss wie eine Art Coach.
Das Burnout-Risiko sinkt auch, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer gut zusammenpassen. Und wenn Fairness und Gerechtigkeit herrschen: klare Regeln sowie transparente Kriterien für Anerkennung und Beförderung. Auch Wertschätzung wirkt präventiv: "Das unmittelbare, zeitnahe Lob des Chefs sorgt für Zufriedenheit und für Sinnhaftigkeit bei der Arbeit, und beides stärkt uns", sagt der Baseler Psychiater Johannes Beck.
Unter einem autoritären Chef hingegen, der wenig lobt und anerkennt, schlecht kommuniziert, unempathisch, narzisstisch und intrigant ist, der ständig Zeitdruck erzeugt, wenig Spielräume lässt und seine Ziele mit aller Härte durchsetzt, brennen Mitarbeiter eher aus und werden eher krank.
Für überflüssigen Stress sorgen zudem mangelhaft übersetzte Ziele wie die Devise "15 Prozent Wachstum" - und keiner der Mitarbeiter weiß, was nun konkret gemacht werden soll. Ebenfalls ungünstig: eine schwammige Führung, bei der sich jeder seine eigenen Maßstäbe basteln muss. Klare Strukturen indessen helfen.
Übernommen aus ...
stern Gesund leben
Ausgabe 03/2011
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