PID - ein Streit um Leben und Tod

6. Juli 2011, 18:20 Uhr

Heute entscheidet der Bundestag über ein Verbot oder eine Zulassung der umstrittenen PID. stern.de erklärt, um was es dabei geht und wie die Argumente der Gegner und Befürworter aussehen. Von Lea Wolz

In vielen europäischen Ländern ist ein Verfahren seit Jahren erlaubt, über das in Deutschland heiß diskutiert wird: die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. Nach monatelangen Debatten quer durch alle Fraktionen stimmt der Bundestag an diesem Donnerstag darüber ab, ob sie zugelassen wird oder nicht. stern.de erklärt, was eine PID ist und wie die Argumente der Gegner und Befürworter aussehen.

Warum wird jetzt über die PID gestritten?

Ein Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) im Juli 2010 hat die Debatte ausgelöst. Darin entschieden die obersten Richter, dass die PID nicht gegen Sinn und Wortlaut des Embryonenschutzgesetzes verstoße. Dem Urteil war die Selbstanzeige eines Berliner Mediziners vorausgegangen, der damit eine richterliche Entscheidung erzwingen wollte.

Die PID wurde erstmals 1990 in Großbritannien angewendet, kurz vor der Verabschiedung des Embryonenschutzgesetzes in Deutschland. In diesem ist das Verfahren noch nicht erwähnt. Vor allem für Kritiker ist nach dem Urteil des BGH eine Neuregelung zwingend.

Wie sehen die Gesetzentwürfe zur PID aus?

Zur Abstimmung stehen im Bundestag drei verschiedene, fraktionsübergreifende Gesetzesentwürfe.

Entwurf 1: Die PID-Gegner um den Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) und die Grünenpolitikern Birgitt Bender sprechen sich in ihrem Antrag für ein striktes Verbot des Verfahrens aus. Sie befürchten eine "Selektion menschlichen Lebens" allein aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behinderung und eine schleichende Ausweitung der Gentests. 192 Abgeordnete haben den Antrag bis jetzt unterzeichnet.

Entwurf 2: Eine begrenzte Zulassung der PID sieht der Gesetzesentwurf Gesetzesentwurf einer Gruppe um Peter Hintze (CDU), Ulrike Flach (FDP) und Carola Reimann (SPD) vor. So soll eine Anwendung erlaubt sein, wenn die Eltern eine Veranlagung zu einer schwerwiegenden Erbkrankheit haben und eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Auch wenn eine Krankheit erst später im Leben auftreten kann, wäre die PID damit an zugelassenen Zentren erlaubt. Über die einzelnen Fälle soll eine Ethikkommission entscheiden. Mit 215 Abgeordneten findet dieser Antrag bislang die meisten Unterzeichner.

Entwurf 3: Ein grundsätzliches Verbot mit begrenzten Ausnahmen streben die Parlamentarier um Priska Hinz (Grüne), René Röspel (SPD) und Patrick Meinhardt (FDP) an. Sie setzten die Grenzen deutlich enger als der Entwurf, der eine begrenzte Zulassung vorsieht: Das Verfahren soll nur erlaubt sein, wenn die erbliche Belastung der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Tot- oder Fehlgeburt führen würde. Später im Leben auftretende Krankheiten rechtfertigen demnach keine PID. Zudem wurde die Formulierung aus dem Antrag gestrichen, wonach die Untersuchung erlaubt sein soll, wenn der Tod des Kindes im ersten Lebensjahr wahrscheinlich ist. Den Antrag haben bis jetzt allerdings nur 36 Abgeordnete unterzeichnet.

Was passiert bei der PID?

Die PID ist eine Art Gen-Check in der Petrischale, künstliche Befruchtung und Gendiagnostik werden miteinander verbunden. Zuerst wird die Frau mit Hormonen behandelt, damit mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen. In einem Reagenzglas werden diese künstlich befruchtet. Danach werden den so entstandenen Embryos Zellen entnommen, die DNA isoliert und auf Erbkrankheiten untersucht. Mutationen und Anomalien können so festgestellt werden.

Dies kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten geschehen: Im sogenannten Blastomerenstadium werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung ein oder zwei Zellen entnommen. Die sechs bis acht Zellen, aus denen er zu diesem Zeitpunkt besteht, gelten noch als totipotent: Aus jeder einzelnen könnte sich ein vollständiger Organismus entwickeln und damit auch aus den Zellen, die für die Untersuchung "verbraucht" werden. Laut dem Embryonenschutzgesetz sind totipotente Zellen allerdings ebenso zu schützen wie ein menschlicher Embryo.

Am fünften bis sechsten Tag nach der Befruchtung besteht der Embryo bereits aus bis zu 200 Zellen. In diesem sogenannten Blastozystenstadium kann eine PID ebenfalls noch erfolgen. Im Unterschied zum früheren Zeitpunkt gelten die Zellen nun als pluripotent: Sie können sich nur noch zu verschiedenen Geweben entwickeln. Der Berliner Arzt, der das Urteil des BGH durch Selbstanzeige erzwungen hat, hat die PID in diesem Stadium durchgeführt.

Mit der PID lassen sich unter anderem Erbkrankheiten wie Mukoviszidose - eine Krankheit, bei der sich zäher Schleim etwa in der Lunge bildet - oder das Nervenleiden Chorea Huntington diagnostizieren. Danach werden nur die Embryonen, die genetisch unauffällig sind, in die Gebärmutter eingepflanzt. Die restlichen werden nicht übertragen und sterben ab.

Für welche Paare kommt die PID infrage?

In seinem Urteil vom Juli 2010 erlaubt der BGH diese Diagnostik bei Paaren mit einer Veranlagung zu schweren, nicht therapierbaren Erbschäden. So sollen Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüche oder die Geburt eines schwer kranken Kindes verhindert werden. Um die 200 bis 300 Paare im Jahr dürften in Deutschland betroffen sein, schätzen Mediziner.

Was sind die Argumente der Befürworter?

Befürworter der Methode bemängeln vor allem, dass es logisch nicht schlüssig ist, die pränatale Diagnostik zu erlauben, die PID aber zu verbieten. Werden bei der Untersuchung des Kindes im Mutterleib schwere Erbkrankheiten festgestellt, ist eine Abtreibung unter bestimmten Voraussetzungen noch erlaubt. Für Frauen sei diese Gewissensentscheidung weitaus belastender, als einen Embryo in der Petrischale auszusortieren, meinen Befürworter der PID. Was medizinisch möglich ist, sollte daher auch genutzt werden.

Was sind die Argumente der Gegner?

Die aufgrund eines genetischen Defektes aussortierten Embryos sterben ab. Menschliches Leben zu töten, sei nach dem Grundgesetz aber verboten, argumentieren Gegner der PID. Für Gegner ist die Selektion der Embryos ethisch ebenfalls bedenklich. Zudem befürchten sie, dass sich der Anwendungsbereich schleichend ausweitet und "Designerbabys" oder "Menschen nach Maß" entstehen. Denn mit der PID ist es auch möglich, das Geschlecht eines Embryos zu bestimmen oder sogenannte Retterbabys zu zeugen, die als Organ- oder Gewebespender für ein erkranktes Geschwisterkind infrage kommen.

In den USA wird mittlerweile die PID bei der Wahl des Geschlechtes als weitgehend legitim anerkannt. Dass es zu einer Ausweitung des Anwendungsbereiches kommen kann, zeigt auch das Beispiel Großbritannien. Die zuständige Behörde mit dem sperrigen Namen Human Fertility and Embryology Authority (HFEA) listet in einem Katalog mittlerweile über 100 Indikationen für die PID auf, ihre Zahl ist ständig gewachsen. Mittlerweile werden in Ländern, in denen die PID erlaubt ist, auch Krankheiten diagnostiziert, die erst in späteren Lebensphasen ausbrechen. Im Januar 2009 kam in Großbritannien das erste genetisch "ausgewählte" Baby ohne Brustkrebsgen zur Welt.

Droht PID zur Routine-Untersuchung zu werden?

Die künstliche Befruchtung, die der PID vorausgeht, ist meist ein langwieriger und für die Frauen oft auch belastender Prozess. Nach Angaben der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) wurden seit 1999 weltweit rund 4000 Kinder nach einer PID geboren, wobei es sich in bis zu 25 Prozent der Fälle um Mehrlingsschwangerschaften handelte. Eine PID betrifft demnach nur ganz wenige Menschen. Zudem ist die Geburtenrate nach einer solchen Untersuchung relativ gering. Auch lassen sich mit der PID nur wenige Krankheiten ermitteln, weil vielen Erkrankungen verschiedene Gene und Umwelteinflüsse zugrunde liegen.

In welchen Ländern wird die PID bereits eingesetzt?

Im Ausland wird die Diagnostik mitunter schon seit mehr als zehn Jahren angewendet - unter anderem in den USA, Belgien, Großbritannien und Dänemark. In Frankreich ist die PID zum Beispiel zugelassen, wenn eine schwere Krankheit ausgeschlossen werden soll und wenn ein Partner ein Gen für eine Anomalie aufweist.

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