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"Die Stigmatisierung nimmt zu"

Die WHO schlägt Alarm: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sei in Europa so hoch wie noch nie. Ein Aidsexperte erklärt, woran das liegt - und warum wir uns in Deutschland dennoch keine Sorgen machen müssen.

Professor Dr. Norbert Brockmeyer ist Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit an der Universitätshautklinik Bochum

Professor Dr. Norbert Brockmeyer ist Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit an der Universitätshautklinik Bochum und Sprecher des Kompetenznetz HIV/AIDS

Die WHO meldet, dass die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Europa angestiegen ist. 2014 waren es etwa 6000 mehr als im Jahr zuvor. Müssen wir uns Sorgen machen?

Die Zahlen sind nicht unerwartet. Sie spiegeln eine Entwicklung wider, die wir seit Jahren beobachten. In Osteuropa und in den Krisenregionen der Welt, etwa in Afrika, haben wir große Probleme, die Infektion in den Griff zu bekommen. Dass HIV sich dort weiter ausbreitet, zeigt welche Rolle Armut, Abhängigkeiten, Unfreiheit und Ausgrenzung spielen.

60 Prozent der Neuinfektionen entfallen dem WHO-Bericht zufolge allein auf Russland. Auch in Bulgarien, Ungarn, Tschechien und der Slowakei steigen die Zahlen seit Jahren. Warum gelingt es nicht, das Virus in diesen Regionen einzudämmen?

In Russland, der Ukraine und anderen osteuropäischen Staaten werden HIV-Infizierte massiv ausgegrenzt. Sie haben zu wenig Zugang zu Medikamenten und die Aufklärung ist nicht ausreichend. Die Stigmatisierung hat in diesen Ländern unvorstellbare Ausmaße erreicht. Das ist ein Todesurteil für jegliche Präventionsarbeit. Die Betroffenen ziehen sich zurück, sie können nicht mehr erreicht werden - und wissen dadurch auch nicht, dass sie HIV-infiziert sind.

Welche Bevölkerungsgruppen sind in diesen Ländern besonders gefährdet?

Das Virus wird in Osteuropa vor allem über Drogenmissbrauch und damit verbundene Beschaffungsprostitution weitergegeben. Die Infizierten werden aus der Gesellschaft quasi verbannt, die Ausgrenzung lässt die Infektionszahlen ansteigen. HIV-Infizierte treffen in diesen Ländern auf große Ablehnung, dabei bräuchten sie Hilfe. Nur so ließe sich das Virus eindämmen: Indem man diese Menschen nicht verteufelt und ausgrenzt, sondern sie nach Möglichkeit unterstützt, etwa mit einer Substitutions- und HIV-Therapie, und gleichzeitig gute Aufklärungsarbeit leistet. Auch in Deutschland hatten wir in den Achtzigerjahren die Diskussion, wie wir mit HIV-Infizierten umgehen: Soll man eine harte Linie verfolgen und alle Infizierten registrieren? Oder liberal vorgehen und auf Aufklärung, Beratung und frühe Therapie setzen? Die zweite Linie hat sich zum Glück durchgesetzt - und das sehr erfolgreich. Noch heute ist die Anzahl der HIV-Infizierten in Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich am niedrigsten.

Wir müssen uns also hier keine Gedanken machen?

Ich sehe keine Gefahr, dass die Infektionszahlen bei uns wieder dramatisch ansteigen, solange wir an dem Weg der Aufklärung und der Kommunikation auf Augenhöhe festhalten. Worauf wir allerdings verstärkt achten müssen, ist die Tatsache, dass sich andere Geschlechtskrankheiten wie etwa die Syphilis wieder vermehrt in Deutschland ausbreiten - sowohl bei Hetero- wie auch bei Homosexuellen. Das mag daran liegen, dass das Internet eine schnellere Partnersuche ermöglicht. Eine Syphilis lässt sich zwar gut mit Antibiotika behandeln. Wird sie nicht therapiert, ist allerdings die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von HIV beim Sex erhöht. Das gilt auch für andere sexuell übertragbare Krankheiten (STI), etwa Chlamydien oder HPV-Viren. Zudem sehen wir auch gerade bei jungen Erwachsenen, die sich noch in der sexuellen Findungsphase befinden, höhere Ansteckungsraten mit einigen STI. Hier müssen wir viel früher mit der Aufklärungsarbeit in Schulen beginnen.

Bezogen auf die gesamte EU warnt der Bericht, dass HIV-Diagnosen bei Männern, die Sex mit Männer hatten, in einem "alarmierenden Tempo gestiegen sind". Gibt es generell eine neue Nachlässigkeit im Umgang mit dem HI-Virus?

In Deutschland sehe ich das nicht. Allerdings werden in allen Ländern HIV-Infektionen zu spät diagnostiziert, bei Homo- und noch mehr bei Heterosexuellen. Infizierte haben etwa Angst, sich testen zu lassen, oder sie sehen die Gefahr nicht. Das führt zu einer Erhöhung der Neuinfektionen. Um diese Menschen zu erreichen, braucht es neue Aufklärungskampagnen und bessere Versorgungsstrukturen.

Wird HIV also unterschätzt?

Zumindest ist das Thema lange nicht mehr so präsent in der öffentlichen Wahrnehmung wie in den Achtzigern. Zwar sind die Infektionszahlen in Deutschland zum Glück sehr gering. Aber ich habe den Eindruck, dass es für diejenigen, die mit dem Virus leben, teilweise schwieriger geworden ist, da die Stigmatisierung wieder zunimmt. Über HIV und Aids liest man nur noch selten, das Thema ist mittlerweile vielen fremd. Bekennt sich dann jemand zu seiner HIV-Infektion, muss er schlimmstenfalls mit Ausgrenzung und Mobbing rechnen. Doch genau das, das zeigen uns die steigenden Infektionszahlen in Osteuropa, ist fatal.

Interview: Lea Wolz
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