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Die Pein mit den Pickeln

Nicht nur Teenies quälen sich mit Pusteln und Mitessern, immer häufiger trifft Akne auch Erwachsene. Mit Geduld und den richtigen Mitteln lässt sich das Leiden meist lindern.

Von Kristina Duwensee

Pizzagesicht, Kraterfratze, Eiterbeule - Steffi Hahn (Name von der Redaktion geändert) kennt all die Schimpfwörter. Ihr Gesicht ist mit roten Pickeln und eitrigen Pusteln übersät, über der größten hat sich gerade dicker Schorf gebildet. Seit fast 20 Jahren leidet die 33-Jährige unter Akne. "Ich fühle mich minderwertig, hässlich und einsam", sagt die schüchterne Berlinerin. Jeden Morgen tastet sie ängstlich über ihr Gesicht und prüft, ob über Nacht neue Beulen gewachsen sind. "An schlimmen Tagen traue ich mich nicht mal zum Bäcker, dann will ich mich einfach nur zu Hause verstecken."

Zeiten der Pickel-Plage kennt fast jeder. Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen leiden unter den sprießenden Eiterbläschen, im Fachjargon Akne - und die Pubertierenden sind nicht allein. Hautärzte wie Birgit Kunze aus Hamburg berichten von einem "rapiden Anstieg der an Spätakne Erkrankten". Experten vermuten, dass zunehmender Alltagsstress eine Ursache ist. Aber auch Pillenpause und häufiger Pillenwechsel scheinen die Talgdrüsen durcheinander zu bringen.

Nach den Pusteln kommen die Narben

Fachleute unterscheiden anhand des Schweregrads zwischen vier Stufen der Krankheit. Die schwächste Form ist die Akne comedonica. Hier erscheinen auf der Haut lediglich einige Mitesser und vereinzelte Pusteln. Bei der leichten Akne papulopustulosa treten schon mehr eitrige Pusteln und ein paar Knötchen auf. Die schwere Akne papulopustulosa steht für heftige Entzündungen der Haut, nach Abheilung der Mitesser, Pusteln und Knötchen bleiben Narben zurück. Die schlimmste Akneform ist die Akne conglobata. Die Entzündungen sind hier besonders stark. Neben vielen Mitessern, Pusteln und Knoten entstehen Fisteln - entzündliche Gänge unter der Haut, die mehrere Knoten miteinander verbinden. Deutliche Narben sind die Folge.

Die meisten Betroffenen leiden unter den ersten beiden Aknearten. Bis zu 30 Prozent der Hautkranken müssen sich allerdings ärztlich behandeln lassen, und zwei bis sieben Prozent leiden zumindest zeitweise unter einer schweren, Narben bildenden Akne.

"Pickel findet jeder nur eklig"

Bei ihnen kann sich die Krankheit bis in die Seele fressen. Das Selbstwertgefühl bekommt einen Knacks, soziale Beziehungen leiden. Steffi Hahn etwa lässt Verabredungen platzen, wenn der Blick in den Spiegel besonders qualvoll ist - ohne den wahren Grund zu nennen. "Sage ich einen Termin wegen Magenschmerzen ab, dann hat jeder Mitleid. Aber für Pickel hat niemand Verständnis. Die findet jeder nur eklig."

Kein Wunder, dass viele Akne-Geplagte sich schwer tun, Liebesbeziehungen einzugehen. Doch auch in Büro und Fabrik sind Hürden zu nehmen. Bei Menschen mit Hautunreinheiten ist die Arbeitslosenquote deutlich höher als bei Makellosen, Studien zufolge sortieren Personalchefs Personen mit Pickeln schon anhand der Bewerbungsfotos aus. "In Deutschland bekommen etwa zehn Prozent der Aknekranken schließlich Depressionen, manche leiden gar an Selbstmordgedanken", sagt Uwe Gieler, Professor für psychosomatische Dermatologie an der Universität Gießen.

Durch Hormonschwanken werden Mitesser geboren

Die Ursache des Übels ist schlicht und doch komplex: In der Haut sitzen so genannte Haarfollikel, kleine Säckchen, in denen die Haarwurzeln ruhen. Um die Follikel herum befinden sich die Talgdrüsen. Sie produzieren Talg, der die Haut geschmeidig hält und schützt. Doch sind die Drüsen zu aktiv, verstopfen die Haarfollikel. Genau das passiert während der Pubertät, wenn bei Mädchen und Jungen die Produktion männlicher Sexualhormone (Androgene) beginnt. Aber auch hormonelle Schwankungen durch häufigen Wechsel der Verhütungsmittel, Zyklus und Schwangerschaft sowie die durch Stress verursachten Veränderungen im Botenstoffwechsel können die Produktion der Talgdrüsen ankurbeln.

Zusätzlich führen die hormonellen Veränderungen zu einer Vermehrung der Hornzellen, die die oberste Hautschicht bilden und die Ausgänge der Talgdrüsen auskleiden. Entstehen zu viele, kleben die Zellen mit dem Talg zusammen und verstopfen diese Ausgänge. Damit ist ein Mitesser geboren. Weitet sich die Follikelöffnung, ist er als schwarzer Punkt zu sehen. Bleibt ein Ausgang verschlossen, wächst der Mitesser unter der Haut weiter, ernährt von seinem Talg dort wohnende Bakterien und entzündet sich.

Der Hautarzt kann helfen

Ganz heilen kann man Akne auch heute nicht, aber lindern. Die erste Maßnahme: ein Blick in den Kosmetikbeutel. Es gibt eine Fülle von Inhaltsstoffen in Pflegeprodukten, die Akne fördern können, unter anderem Lanolin, Stearinsäure, Butylstearat und Cetylalkohol. Wer dauerhafte Hautprobleme hat, sollte versuchsweise auf alle verdächtigen Präparate verzichten.

Darüber hinaus können bei leichteren Fällen frei verkäufliche Pickelmittel nützen. Die Stiftung Warentest hat Jugendliche über die Wirkung von zwölf derartigen Produkten urteilen lassen, und immerhin drei bekamen die Note "gut": der "Garnier Jade Hautklar S.O.S. Anti-Pickel-Stift", die "Clearasil Akut Pickelcreme" und die "Rossmann/Synergen Clearface Anti-Pickel Patches".

Für stärker Gebeutelte führt kein Weg am Hautarzt vorbei. Das Arsenal der Dermatologen umfasst Mittel mit drei verschiedenen Wirkansätzen, die oft auch in Kombination zum Einsatz kommen: zum einen solche, die die Bakterien auf der Haut bekämpfen, zum anderen solche, die die obersten Hautschichten abschälen und so die Hornzellverstopfungen verschwinden lassen. Schließlich gibt es diverse Medikamente, die die Talgproduktion drosseln - allerdings kann es dabei zum Teil zu schweren Nebenwirkungen kommen. So belastet der häufig eingesetzte Wirkstoff Isotretinoin die Leber und wird gelegentlich in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen gebracht. In der Schwangerschaft kann er Missbildungen auslösen.

Bakterien unter falschem Verdacht

Womit auch immer den Pickeln der Kampf angesagt wird: Die Behandlung erfordert viel Zeit und Geduld. Oft sind erst nach Wochen Erfolge sichtbar, manchmal verharren die Pickel hartnäckig, die Therapien schlagen nicht an. Härtefälle wie Steffi Hahn hoffen auf den Fortschritt der Wissenschaft. Die aber hat jahrzehntelang nichts Revolutionäres zutage gefördert. "Man dachte, es gäbe nichts Effektiveres mehr zu entdecken", sagt Christos Zouboulis, Professor der Dermatologie an der Berliner Charité. Zudem ließ sich nur mühsam forschen, denn Tiere bekommen keine Akne, und dringend notwendige Experimente konnten an ihnen nicht durchgeführt werden.

Seit kurzem aber ist es möglich, menschliche Haut im Reagenzglas zu züchten - ein Erfolg, der schon zu neuen Erkenntnissen geführt hat. "An den gezüchteten Talgdrüsenzellen konnten wir zeigen, dass die Drüsen sich von ganz alleine entzünden", sagt Zouboulis. Somit scheiden die seit Jahrzehnten Hauptverdächtigen für die Pickelbildung aus: auf der Haut wohnende Bakterien. Diese können Akne zwar verschlimmern, lösen sie aber nicht aus. Andere Faktoren wie genetische Veranlagung und Stress haben in den Augen der Forscher an Bedeutung gewonnen, und die Hoffnung richtet sich auf künftige Mittel, die nicht auf der Haut wirken, sondern in der Haut.

Mehr als eine picklige Hülle

An einem ganz neuen Therapieweg forschen etwa Gruppen des Universitätsklinikums in Magdeburg unter der Leitung von Harald Gollnick und das Institute of Medical Technology Magdeburg (IMTM), eine Biotechnologiefirma in der sachsen-anhaltinischen Hauptstadt. "Wir haben Stoffe gefunden, die nicht nur die Talgproduktion und die Vermehrung der Hornzellen hemmen, sondern auch bestimmte Immunzellen im Körper aktivieren", sagt Siegfried Ansorge vom IMTM. Diese Immunzellen sorgen für das Abklingen von Entzündungen und verhindern somit die Pickelbildung. "Das ist ein völlig neuer Ansatz, wir versprechen uns sehr viel davon", sagt der Professor. Bis ein Medikament mit diesen Wirkstoffen auf den Markt kommt, wird aber noch einige Zeit vergehen.

So lange müssen sich die Betroffenen anders helfen. Bestes Mittel neben den altbekannten Arzneien: die Stärkung des Selbstbewusstseins. Und dabei helfen nicht nur Hautarzt und Psychologe, sondern auch kompetente Internetforen - und alle, denen der Aknekranke selbst lieber und wichtiger ist als seine pickelige Hülle.

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