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Allergisch auf Medikamente

Wenn der Arzt Tabletten verschreibt, erwartet man, davon gesund zu werden. Doch manchmal tritt das Gegenteil ein: Manche Menschen reagieren überempfindlich auf bestimmte Inhaltstoffe der Arznei.

  Grundsätzlich kann jedes Medikament eine allergische oder pseudoallergische Reaktion auslösen

Grundsätzlich kann jedes Medikament eine allergische oder pseudoallergische Reaktion auslösen

Als wäre eine Erkrankung selbst nicht schon unangenehm genug, kommt bei manchen Menschen hinzu, dass sie die verschriebenen Medikamente nicht vertragen. "Etwa jeder vierte Erwachsene erleidet einmal im Leben eine unerwünschte Reaktion auf einen Arzneistoff", sagt Hans Merk, Allergologe und Leiter der Aachener Universitätshautklinik. Immerhin: Kinder sind deutlich seltener betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, überempfindlich auf ein Mittel zu reagieren, steigt mit dem Alter - ein Phänomen, das Forscher bislang nicht genau verstehen.

Nicht immer steckt eine echte Allergie hinter der Unverträglichkeit. Das trifft nur für etwa 15 bis 30 Prozent der Fälle zu, sagt Merk. Meistens handele es sich um allergieähnliche Effekte, an denen das Immunsystem nicht beteiligt ist.

Symptome zeigen sich auf der Haut

Prinzipiell kann jedes Medikament eine allergische oder pseudoallergische Reaktion auslösen. Die Beschwerden zeigen sich meist auf der Haut, zum Beispiel als Rötung oder Ausschlag, als Kontaktekzem etwa nach dem Auftragen von Salben oder Cremes, als Ödem oder Juckreiz. Auch die Schleimhäute können betroffen sein. In schweren Fällen kann es zu Atem- und Kreislaufproblemen sowie zu einem anaphylaktischen Schock kommen. Er kann unmittelbar nach Kontakt mit dem Allergieauslöser auftreten und ist lebensbedrohlich.

Trotz ähnlichen Krankheitsbildes lassen sich Arzneimittelreaktionen zu zwei Dritteln nicht auf allergische Prozesse zurückführen, sondern unterliegen anderen Mechanismen. Lässt sich eine Allergie diagnostisch nicht nachweisen, obwohl die Beschwerden nicht von denen einer allergischen Erkrankungen zu unterscheiden sind, spricht man von einer pseudoallergischen Reaktion.

Auslöser

Prinzipiell kann jedes Arzneimittel eine allergische Reaktion hervorrufen. Tatsächlich sind aber wenige, weit verbreitete Medikamente für gut 90 Prozent aller Reaktionen verantwortlich.

Zu den häufigsten Auslösern einer Arzneimittelunverträglichkeit gehören:

  • Antibiotika, am häufigsten Penicilline, Cephalosporine und Sulfonamide
  • Schmerz- und Rheumamittel
  • Anti-Epileptika
  • Psychopharmaka wie Antidepressiva und Neuroleptika
  • Röntgenkontrastmittel
  • Lokalanästhetika
  • Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer

Daneben können viele weitere Medikamente und Präparate Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen.

Symptome

Es gibt verschiedene Typen von Arzneimittelreaktionen, die auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen. Grob lassen sie sich in immunologische und nicht-immunologische Reaktionen einteilen:

Immunologisch: Darunter fällt die klassische allergische Reaktion sowie andere Reaktionen, an denen das Immunsystem beteiligt ist, etwa durch eine direkte Aktivierung von Abwehrzellen durch das Arzneimittel. Nicht-immunologisch: Darunter fallen nicht-allergische (pseudoallergische) Reaktionen sowie genetisch bedingte Enzymveränderungen, die zur Störung des Abbaus der Medikamente führen.

Zu beachten ist ebenso, dass das Allergierisiko von der Art der Verabreichung abhängt: Am geringsten ist es bei Tabletten, Saft oder Tropfen. Höher ist es bei einer Injektion und am höchsten bei der örtlichen Anwendung.

Auffällig häufig ist die Haut betroffen. Etwa fünf Prozent aller Hautausschläge sind auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen. Dabei sind verschiedene Formen möglich, etwa allergische Soforttyp-Reaktionen wie Nesselsucht und Angioödem, verzögerte Reaktionen wie Entzündungen der Blutgefäßwände (Vaskulitiden) sowie allergische Spättyp-Reaktionen wie das Arzneimittelexanthem. Dieses ist mit etwa 60 Prozent die häufigste durch Medikamente ausgelöste Erkrankung an der Haut. Dabei kommt es meist zwischen dem siebten und zwölften Tag (bei vorheriger Sensibilisierung innerhalb von 48 Stunden) nach der Einnahme zu roten, oft juckenden Flecken, typischerweise am Rumpf und im Gesicht, seltener an den Handflächen, Fußsohlen und Schleimhäuten.

Weitere Formen der Arzneimittelreaktion

Neben der Haut können auch die Schleimhäute und inneren Organe betroffen sein. Die Beschwerden fangen sofort oder erst Stunden, Tage, manchmal sogar Wochen nach Beginn der Medikamenteneinnahme an. Zu den besonders schweren Formen gehören die Blasen bildenden allergischen Arzneimittelreaktionen.

Wechselwirkungen mit UV-Strahlen

Sogenannte photoallergische und phototoxische Arzneimittelreaktionen entstehen durch eine Wechselwirkung zwischen Medikamenten und UV-Strahlen. Auch langwellige UV-A-Strahlen, denen man auch im Sonnenstudio ausgesetzt ist, lösen häufig die krankhaften Veränderungen an der Haut aus, die dem Licht ausgesetzt ist.

Diagnose

Bei verdächtigen Beschwerden sollten Betroffene sofort einen Hautarzt oder Allergologen aufsuchen. Er versucht zu bestimmen, ob und welches Medikament für die jeweilige Reaktion verantwortlich ist und welcher Mechanismus zugrunde liegt. Dadurch lässt sich das Risiko für künftige Kontakte mit dem auslösenden Arzneimittel abschätzen.

An erster Stelle der Ursachenforschung steht eine ausführliche Anamnese. In diesem ersten Gespräch zur individuellen Krankengeschichte will der behandelnde Arzt vor allem folgende Fragen klären:

  • Wann sind die Beschwerden erstmals aufgetreten?
  • Haben sich die Symptome seitdem verändert oder sind sie schlimmer geworden?
  • Gab es schon einmal ähnliche Beschwerden?
  • Bestehen Begleiterkrankungen?
  • Gibt es in der Familie Personen mit ähnlichen Symptomen?
  • Sind Allergien bekannt?
  • Welche Medikamente werden seit wann und in welcher Dosierung eingenommen?
  • Sind schon einmal Unverträglichkeitsreaktionen nach einer Medikamenteneinnahme aufgetreten?
  • Falls ein Arzneimittel abgesetzt wurde: Haben sich die Beschwerden daraufhin gebessert?

Bei der Anamnese sind vor allem jene Präparate wichtig, die in den letzten vier Wochen vor Ausbruch der Beschwerden neu eingenommen wurden. Oft sind diese Arzneimittel für die Symptome verantwortlich, auch wenn sie zunächst einige Tage problemlos vertragen wurden.

Hilfreiche Allergietests

"Nach Abklingen der Beschwerden und nach Absetzen der Präparate sollte der Patient allergologisch getestet werden - sehr gründlich und bis maximal sechs Monate nach Auftreten der Symptomatik", sagt Allergologe Merk. "Danach nimmt die Aussagefähigkeit der Resultate erheblich ab." Die allergische Reaktion kann nicht nur durch den Wirkstoff des jeweiligen Präparates, sondern auch durch darin enthaltene Hilfs- und Zusatzstoffe, etwa Farbstoffe, verursacht werden.

Um dem Auslöser auf die Spur zu kommen, setzt der Allergologe vor allem Hauttests, Lymphozyten-Transformationsstests (LTT) und Bluttests ein. Da diese Untersuchungen bisher nur für wenige Substanzen, etwa für Penicilline und lokale Betäubungsmittel standardisiert sind, lassen sie oft keine verlässlichen Schlüsse zu. Bei einer positiven Reaktion im Hauttest kann man zwar von einer Sensibilisierung des Patienten gegenüber der Testsubstanz ausgehen; fehlt die Reaktion aber, lässt sich die Sensibilisierung nicht ausschließen.

So bleibt zur Klärung in bestimmten Fällen, wie bei einer pseudoallergischen Reaktion, nur ein Provokationstest. Hierbei nimmt der Patient das in Frage kommende Präparat unter ärztlicher Aufsicht zunächst in nur sehr geringer Dosis ein, die langsam gesteigert werden kann. Entwickelt er daraufhin erneut Symptome, ist eine Unverträglichkeit gesichert. Nachteile des Provokationstests sind, dass dadurch der für die Reaktion verantwortliche Mechanismus weiterhin unbekannt bleibt und der Test nicht ungefährlich ist. Falls es in der Vergangenheit schon einmal zu schweren Reaktionen bis hin zum allergischen Schock gekommen ist, sollte er, wenn überhaupt, nur in einer Klinik mit entsprechender Notfallversorgung durchgeführt werden.

Andere Hautreaktionen

Eine Variante der allergischen Hautreaktion auf Medikamente ist zum Beispiel die sogenannte fixe Arzneimittelreaktion. Sie tritt nach Einnahme bestimmter Medikamente, insbesondere von nichtsteroidalen Antirheumatika oder Schlafmitteln auf, und zwar immer wieder an denselben Körperstellen. Besonders in den Körperfalten und an den Genitalien bilden sich rundliche, münz- bis handtellergroße, violette bis tiefrote und leicht geschwollene Ausschläge, die bei Abheilung eine schiefergraue Pigmentierung hinterlassen.

Da unerwünschte Arzneimittelwirkungen mitunter die gleichen Beschwerden hervorrufen können wie andere Krankheiten, sollten neben dem Medikament auch weitere Ursachen in Betracht gezogen werden. Entzündliche Veränderungen auf großen Flächen der Haut kommen zum Beispiel auch bei Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln, Scharlach oder Dreitagefieber vor. Im Gegensatz zu den arzneimittelbedingten Beschwerden werden diese Hautläsionen von Mikroorganismen wie Bakterien und Viren verursacht.

Therapie

Kommt es nach der Einnahme eines Medikaments zu unerwünschten Wirkungen, sollten Betroffene sofort einen Arzt aufsuchen oder zu Hilfe rufen - erst recht, wenn es vorher schon einmal eine schwere Reaktion oder einen allergischen Schock gegeben hat. Entscheidend ist, das Mittel, das die Beschwerden hervorruft, zu identifizieren und sofort abzusetzen, sofern die Grunderkrankung dies zulässt.

Die weitere Therapie richtet sich nach der Schwere und Ausprägung der Symptome. Bei starkem Juckreiz können Antihistaminpräparate helfen, im Vordergrund stehen aber Kortisonpräparate. Die entstandenen Hautläsionen heilen bei richtiger Behandlung meist im Laufe von ein bis zwei Wochen ab, bei starken Reaktionen kann dies aber sehr viel länger dauern. Bei sehr schweren allergischen Symptomen müssen die Patienten gegebenenfalls weiter auf einer Intensivstation behandelt werden.

Ein Allergiepass kann das Leben retten

Für die Arzneimittelsicherheit ist es sehr wichtig, dass der Arzt die Nebenwirkungen meldet. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erfasst und wertet solche Informationen aus. Nur ein bekanntes Allergen kann gemieden werden, und ein Arzt kann rechtzeitig alternative Medikamente heraussuchen.

Nach Ausheilung der Symptome und entsprechenden Allergietests stellt der Arzt einen Allergiepass aus. Dieser enthält neben dem auslösenden Medikament auch die Begründung des Befunds sowie mögliche Alternativpräparate. Arzneimittelallergiker sollten ihn immer bei sich tragen. In Notsituationen kann er wichtige Zeit sparen und unter Umständen sogar das Leben retten.

Tipps

Überempfindlichkeitsreaktionen gegen Arzneimittel können sehr unterschiedliche Beschwerden verursachen, von juckenden Hautausschlägen über Schwellungen bis hin zu schweren Atem- und Kreislaufproblemen. In extremen Fällen ist sogar ein anaphylaktischer Schock möglich. Grundsätzlich kann jedes Medikament eine solche Unverträglichkeit auslösen. Wenn Sie einige Tipps beachten, können Sie das Risiko einer Reaktion senken.

Expertenrat

Die Allergie-Experten* von stern.de beantworten Ihre Fragen:

Wurden Medikamente, die unerwünschte Arzneimittelwirkungen verursachen, nicht ausreichend getestet?

Da allergische Reaktionen auf Arzneimittel insgesamt nicht sehr häufig vorkommen, müsste man im Vorfeld enorm viele Behandlungen durchführen, um eine definitive Aussage darüber treffen zu können, ob ein bestimmtes Präparat allergische Reaktionen auslösen kann. Für Penicilline hat man beispielsweise berechnet, dass etwa 35.000 Patienten getestet werden müssten, um daraus zu schließen, dass diese Antibiotika häufiger als andere Präparate Allergien verursachen. Wenn Medikamente heute zugelassen werden, sind diese zuvor im Rahmen von klinischen Studien aber "nur" bei etwa 5000 bis 7000 Patienten angewendet worden. Da die Kosten für die Arzneimittelentwicklung für jedes Medikament, das auf den Markt kommt, mit etwa einer Milliarde Dollar enorm hoch sind, wäre es unrealistisch zu verlangen, die klinischen Studien - den teuersten Teil der Entwicklung - zu vervielfachen. Das würde die Gefahr mit sich bringen, dass sinnvolle Medikamente erst gar nicht entwickelt werden könnten.

Warum werden Medikamente nicht sofort vom Markt genommen, sobald bekannt ist, dass sie schwere Arzneimittelreaktionen verursachen können?

Sicherlich gibt es einige Präparate, von denen man weiß, dass sie schwere Reaktionen auslösen können. Auf der anderen Seite muss man bedenken, dass diese Medikamente in Bezug auf die zu behandelnde Krankheit einen Gewinn darstellen und es in einigen Fällen auch keine Therapiealternativen gibt. Auf Kosten des Risikos einiger weniger muss dann die Gefahr der Entwicklung einer Allergie in Kauf genommen werden. Handelt es sich aber um das x-te Kopfschmerzmittel, dann sollte es vom Markt genommen beziehungsweise gar nicht erst zugelassen werden.

Warum lösen einige Präparate häufiger Allergien aus als andere?

Theoretisch kann jedes Medikament eine Allergie auslösen. Man weiß aber von einzelnen Präparaten, dass sie häufiger als andere allergische Reaktionen verursachen. Klassisches Beispiel dafür sind die Penicilline. Diese weisen in ihrer chemischen Struktur eine labile Ringstruktur auf, welche sich schnell an bestimmte Eiweiße binden kann. Diese Verbindung führt dann relativ leicht zu einer Sensibilisierung. Trotzdem ist Penicillin immer noch ein sehr beliebtes und häufig angewendetes Antibiotikum, da es im Vergleich zu anderen Antibiotika hervorragend verträglich ist.

Kommen allergische Arzneimittelreaktionen bei Patienten mit anderen allergischen Erkrankungen häufiger vor?

Allergiker, die an einer atopischen Erkrankung wie Neurodermitis, Heuschnupfen oder allergisches Asthma leiden, haben kein erhöhtes Risiko, allergische Reaktionen auf Medikamente zu entwickeln. Ausnahmen dabei können Arzneimittel mit einer Eiweißstruktur sein. In der Literatur findet man zum Beispiel Hinweise dafür, dass Penicillinallergien innerhalb einer Familie gehäuft auftreten. Nach heutigem Stand muss man aber sagen, dass für jeden das Risiko, auf ein neues Medikament allergisch zu reagieren, gleich hoch ist.

Warum machen sich 80 Prozent der Arzneimittelreaktionen an Haut und Schleimhäuten bemerkbar?

Die Haut ist ein immunologisch sehr aktives Organ, in der Literatur wird sie deshalb auch als "Thymus des Erwachsenen" beschrieben. Genau wie der Thymus im Kindes- und Jugendalter, der sich später zurückbildet, dient sie dem Erwachsenen als Schutz des Organismus vor fremden Eindringlingen. Ähnlich der Leber hat die Haut außerdem die Fähigkeit, Arzneimittel zu verstoffwechseln. Während man die pathologischen Prozesse an den inneren Organen erst erkennt, wenn es sich um schwere Reaktionen handelt, machen sich an der Haut auch leichte Reaktionen sofort bemerkbar. Deshalb bezeichnet man die Haut auch als Signalorgan für solche allergischen Geschehen.

* Wissenschaftliche Beratung: Prof. Hans Merk

Wolfgang Schillings

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