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Die verschiedenen Allergietypen

Das Immunsystem reagiert nicht immer sofort, wenn es mit einem Allergen konfrontiert wird - manchmal vergehen Stunden oder Tage, bevor Beschwerden auftreten.

  Mehr als 90 Prozent aller Allergien sind Sofortreaktionen

Mehr als 90 Prozent aller Allergien sind Sofortreaktionen

Von einer Allergie ist die Rede, wenn das Immunsystem einen eigentlich harmlosen Stoff als gefährlich einschätzt und überreagiert. Das läuft nicht jedes Mal nach gleichem Muster ab. Manchmal treten die Beschwerden unmittelbar nach dem Kontakt mit einem Allergen auf, dann wieder zeigen sich Symptome erst nach 12 bis 72 Stunden. Das erschwert die Suche nach dem Allergen - und damit auch nach einer passenden Therapie.

Mediziner unterscheiden vier Allergietypen - eine Einteilung, die auf die britischen Immunologen Robert Royston Amos Coombs und Philip George Houthem Gell aus dem Jahr 1963 zurückgeht:

  • Typ I: Allergie vom Soforttyp
  • Typ II: Zytotoxische Reaktion
  • Typ III: Immunkomplexreaktion
  • Typ IV: Allergie vom verzögerten Typ

Jede dieser vier Formen löst im Körper unterschiedliche Mechanismen aus, an der jeweils andere Zellen, Botenstoffe oder Antikörper der Immunabwehr beteiligt sind. Die einzelnen Typen laufen jedoch nicht immer getrennt voneinander ab und können zum Teil ineinander übergehen. Das bedeutet, dass mehr als eine Reaktionsart an der Erkrankung beteiligt sein kann.

Typ I: Allergie vom Soforttyp

Die mit Abstand häufigste Form einer allergischen Erkrankung ist die allergische Sofortreaktion. Darunter fallen etwa das allergische Asthma, Heuschnupfen, bestimmte Formen der Nesselsucht, Angioödem, Lebensmittelallergie und der anaphylaktische Schock. Nur wenige Minuten, manchmal auch Sekunden nach dem Kontakt mit dem Allergen machen sich entsprechende Symptome wie Juckreiz oder Schwellungen bemerkbar. Atopiker, also Personen mit einer genetischen Veranlagung für Allergien, haben besonders starke Beschwerden.

Nicht der erste Kontakt mit einem Allergen löst diese Kaskade von Abwehrmechanismen aus, sondern der zweite. Zuvor geschieht etwas, das Mediziner Sensibilisierung nennen.

Eine besondere Rolle hierbei spielen die Mastzellen. Das sind spezielle weiße Blutkörperchen, die als Abwehrzellen des Immunsystems vor allem die Aufgabe haben, körperfremde Stoffe und Krankheitserreger zu identifizieren und unschädlich zu machen. Sie sind fast im gesamten Körper zu finden, vor allem im Bindegewebe der Organe, in den Blutgefäßen und in der Haut. In ihnen sind Bläschen enthalten, die unter anderem mit Histamin gefüllt sind. Histamin wiederum ist ein Botenstoff, der, sobald er ausgeschüttet wird, die allergische Reaktion in Gang setzt.

Trifft nun der Körper das erste Mal auf ein Allergen, bilden B-Zellen, die ebenfalls zu den Abwehrzellen zählen, Antikörper gegen die Antigene, sogenannte Immunglobulin E-(IgE-)Antikörper. Diese heften sich mithilfe eines speziellen Rezeptors an die Oberfläche der Mastzelle, von wo aus sie mögliche Fremdkörper neutralisieren können. Dies ist die Phase der Sensibilisierung, in der sich Antikörper auf der Mastzelle festsetzen.

Beim folgenden Kontakt mit dem gleichen Allergen verbinden sich die IgE-Antikörper mit dem Allergen, so dass die Mastzellen angeregt werden, übermäßig viel Histamin auszuschütten. Dieser Vorgang ruft innerhalb weniger Sekunden bis Minuten heftige allergische Reaktionen hervor, denn das Histamin bewirkt, dass sich die Blutgefäße weiten, der Blutdruck sinkt, Schwellungen an Haut und Schleimhäuten auftreten oder die Haut anfängt zu jucken. Oft sind die Symptome örtlich begrenzt und betreffen etwa bei Heuschnupfen die Nase und die Bindehaut der Augen oder bei Nesselsucht die Haut. Weitet sich die Reaktion auf den gesamten Organismus aus, kann ein lebensgefährlicher anaphylaktischer Schock eintreten, bei dem es zum Herz-Kreislauf-Versagen kommen kann. Außerdem können die Atemwege zuschwellen, so dass der Betroffene akute Luftnot hat und zu ersticken droht.

Typ II: Zytotoxische Reaktion

Die zweite Form der allergischen Reaktion spielt sich an den Blutzellen ab und kommt eher selten vor. Sie kann sich innerhalb von wenigen Minuten entwickeln, manchmal auch erst nach bis zu zwölf Stunden. Dabei werden irrtümlich körpereigene Zellen zerstört, etwa rote oder weiße Blutkörperchen, daher der Name: cytos ist das griechische Wort für Zelle, toxisch bedeutet giftig.

Am häufigsten wird die zytotoxische Reaktion durch die Einnahme von Medikamenten ausgelöst - oder durch eine Bluttransfusion, bei der etwa das Blut einer nicht passenden Gruppe übertragen wurde. Dabei werden rote Blutkörperchen zerstört, was zu einer bestimmten Form von Blutarmut führen kann (hämolytische Anämie). Sind weiße Blutkörperchen betroffen, kann ihre Zahl so stark sinken, dass in der Folge die Immunabwehr geschwächt wird (Agranulozytose).

Dem Allergietyp II liegt folgender Mechanismus zugrunde: Körperfremde Antigene heften sich an körpereigene Zellen, was dazu führt, dass das Immunsystem nun diese „befallene“ Zelle irrtümlich als körperfremd wahrnimmt und entsprechend abzuwehren versucht. Eine besondere Rolle kommt hierbei den sogenannten IgG- und IgM-Antikörpern zu, die auch bei nicht-allergischen Reaktionen zur Abwehr von Krankheitserregern gebildet werden. Sie aktivieren das sogenannte Komplementsystem und körpereigene Abwehrzellen. Das Komplementsystem wiederum gehört zum unspezifischen Immunsystem, ist dem spezifischen Immunsystem gewissermaßen vorgeschaltet und bekämpft Krankheitserreger, bevor sie tief ins Gewebe eindringen, sich vermehren und Entzündungen hervorrufen können. Dieser Abwehrmechanismus kann jedoch, wenn er fehlgeleitet ist, auch körpereigene Zellen und Gewebe schädigen. Genau das geschieht bei der zytotoxischen Reaktion.

Typ III: Immunkomplexreaktion

Allergische Reaktionen vom Typ III treten nicht sofort auf. Symptome können sich sechs bis zwölf Stunden nach dem Kontakt mit einem Allergen äußern. Typisch für diesen Typ sind folgende Erkrankungen:

  • Eine Entzündung der Lungenbläschen, auch Farmerlunge genannt (Exogen allergische Alveolitis), die vor allem Landwirte betrifft und als Berufskrankheit anerkannt ist. Betrifft auch Tauben- und sonstige Vogelzüchter (Vogelhalterlunge).
  • Vaskulitis, eine Gefäßentzündung, die zum Beispiel im Rahmen einer Krebserkrankung oder Infektion auftreten kann.
  • Die Serumkrankheit, eine allergische Reaktion des Immunsystems auf körperfremdes Eiweiß, etwa ausgelöst durch einen Bienenstich, Impfseren oder gespritzte Antibiotika.
  • Nephritis (Entzündung der Nieren) nach einer Streptokokken-Infektion.
  • Arthritis (Entzündungen der Gelenke)

Ähnlich wie bei Typ II verbinden sich Antigene und Antikörper unter bestimmten Voraussetzungen miteinander, mit dem Unterschied, dass die Antigene nicht wie bei der Typ-II-Reaktion auf der Oberfläche der körpereigenen Zellen liegen, sondern löslich sind und frei im Blut zirkulieren. Sie bilden mit den Antikörpern größere Einheiten, sogenannte Immunkomplexe, die wie bei Typ II das Komplementsystem aktivieren: Abwehrzellen versuchen nun, diese Allergen-Antikörper-Verbindungen zu eliminieren. Bei diesem Vorgang wird jedoch oft auch das Gewebe geschädigt, an dem sich die Komplexe anlagern. Doch es gelingt den Abwehrzellen nicht immer, die Verbindungen restlos zu zerstören. Verbleibende Komplexe können sich in bestimmten Geweben ablagern und Entzündungen hervorrufen.

Typ IV: Allergie vom verzögerten Typ

Dieser Reaktionstyp nimmt eine besondere Rolle innerhalb der Einteilung nach Allergietypen ein. Anders als bei den drei anderen Typen wird diese Form der allergischen Reaktionen nicht von Antikörpern (Immunglobulinen), sondern von T-Lymphozyten hervorgerufen, weshalb sie auch zellvermittelte Reaktion genannte wird. T-Lymphozyten sind spezielle weiße Blutkörperchen, die zur Immunabwehr gehören.

Bei der Abwehrreaktion reagieren die T-Lymphozyten auf sogenannte Haptene, unvollständige Antigene, die so klein sind, dass das Immunsystem sie nicht erkennt. Je nachdem, wie aggressiv das Allergen ist, kommt es nach einem oder mehreren Kontakten zu einer Sensibilisierung. Beispiele sind etwa Metallsalze von Nickel oder Chromat. Um eine Immunreaktion auslösen zu können, müssen sich die Haptene an ein Trägerprotein binden. Erst dieser Komplex hat eine allergene Wirkung. Die T-Lymphozyten bekämpfen den Fremdkörper zusammen mit anderen weißen Blutkörperchen. Dabei kommen entzündungsfördernde Substanzen (Zytokine) zum Einsatz. Außerdem werden Fresszellen angelockt, die zellschädigende Enzyme freisetzen. Das alles neutralisiert zwar das Allergen, führt aber auch zu einer besonders starken allergischen Reaktion. Meist ist die Haut von einer Typ-IV-Allergie betroffen. Typisches Beispiel ist das allergische Kontaktekzem, etwa bei einer Nickelallergie.

Da sich die Symptome nicht sofort oder nach wenigen Minuten, sondern bei einem bereits sensibilisierten Menschen erst verzögert, etwa 12 bis 72 Stunden nach dem Kontakt mit einem Allergen äußern, wird die Typ-IV-Allergie auch als Spättyp bezeichnet. Die Sensibilisierungsphase wiederum dauert fünf bis sieben Tage, manchmal auch deutlich länger.

Rüdiger Braun, Sonja Helms

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