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Was alternative Methoden bei Pollenallergie wirklich bringen

Der Frühling ist da – und mit ihm hat für viele Pollenallergiker die Leidenszeit mit Niesattacken und Reizhusten begonnen. Natürliche  Behandlungsmethoden versprechen Linderung. Zu Recht?

Von Sonja Helms

Die Pollen fliegen wieder

Die Pollen fliegen wieder

Mit dem Frühling kommen die Pollen, und so schön diese Jahreszeit auch ist, für Menschen mit Heuschnupfen sind diese Monate oft eine Tortur. Die Nase juckt, läuft oder ist verstopft, die Augen sind gerötet, tränen oder brennen, manchmal schwellen Nasenschleimhaut und Augenlider zu. Spätestens, wenn die Geplagten keine Luft mehr bekommen, ist klar: Das ist kein simpler Schnupfen, sondern eine Allergie, die behandelt werden muss, sonst weitet sie sich womöglich aus.
Was tun? Schulmediziner setzen auf dreierlei: das Meiden der Allergene; das Lindern der Symptome mit Medikamenten; und die spezifische Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung genannt. 

Bei der Hyposensibilisierung bekommen die Patienten schrittweise kleinste Mengen des Allergens verabreicht, per Spritze oder Tablette, um das Immunsystem langsam wieder an die Pollen zu gewöhnen. Sie ist eine effektive Methode, deren Wirksamkeit bei Heuschnupfen gut belegt ist. Sie kann jedoch nicht immer eingesetzt werden, etwa wenn jemand schwer krank ist oder auf viele Allergene reagiert. Außerdem dauert sie lange – drei Jahre. Von den Patienten wird sie oft abgebrochen.
Und Medikamente können die Beschwerden allenfalls erträglicher machen. Bei Heuschnupfen werden vor allem Antihistaminika und kortisonhaltige Nasensprays eingesetzt. Auch wenn neuere Präparate als gut verträglich gelten, kommen manche Patienten mit den Nebenwirkungen trotzdem nicht zurecht. Andere, ganzheitliche Behandlungsmöglichkeiten sind daher gefragt: Schätzungen zufolge probiert etwa die Hälfte aller Betroffenen irgendwann einmal eine alternative oder komplementäre Methode aus. "Das ist verständlich", sagt der Allergologe Torsten Zuberbier, Vorsitzender der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) in Berlin und Experte des stern-Ratgebers "Allergie".

"Man muss aber genau schauen, was seriös ist." Es sei ein Vorurteil zu glauben, in der Schulmedizin gebe es nur pauschale Lösungen. Das Hauptproblem sei, dass es für ausführliche Patientengespräche keine angemessene Vergütung gebe. Schulmedizin und Naturheilkunde gegeneinander auszuspielen, sei unsinnig, sagt Zuberbier. Beide Herangehensweisen hätten ihre Berechtigung, im besten Fall ergänzten sie sich. "Es kommt auf das einzelne Verfahren und die Persönlichkeit des Patienten an. Womit er sich eben wohler fühlt." Patienten sind aber gut beraten, auch für alternative Therapien einen Schulmediziner mit naturheilkundlicher Zusatzqualifikation zu wählen. Der hat den Überblick über mehrere Behandlungsmethoden und bei ausbleibendem Erfolg auch Medikamente zur Symptomlinderung zur Hand. Im Folgenden geben wir einen Überblick über alternative Therapien und sagen, ob sie Hilfe oder Humbug sind.

Salzhaltige Lösungen (Sole)

Eine tägliche Nasendusche oder -spülung mit einer Kochsalzlösung kann Heuschnupfenbeschwerden lindern, wie Studien belegen. Durch die Spülung werden die Nasenschleimhäute befeuchtet und Pollen oder andere Partikel aus den Nasenhöhlen herausgespült. Als begleitende Maßnahme wird die Nasendusche auch von Schulmedizinern empfohlen. Spezielle Gefäße mit Mineralsalz-Beuteln sind in der Apotheke für etwa elf Euro erhältlich. Wird die Nase regelmäßig durchgespült, beugt das auch Erkältungen vor. 

Balneo- und Kneipptherapie

Die Klassiker der Naturheilkunde setzen auf die heilende Wirkung von Wasser. Beide zählen zu den hilfreichen Begleitmaßnahmen gegen Heuschnupfen. Die Balneotherapie ist eine Bädertherapie. Die Patienten liegen in verschieden warmem Wasser, das einen hohen Gehalt an bestimmten Inhaltsstoffen wie Salz, Jod oder Schwefel aufweist. Außerdem gibt es Moorbäder, Inhalationen und Trinkkuren. Meist wird die Balneotherapie im Rahmen einer Kur angeboten, bei der Indikation Heuschnupfen übernehmen die Kassen die Kosten üblicherweise nicht. Zur Kneipptherapie gehören Wechselduschen, Güsse, Wassertreten sowie Saunabesuche. Auch sie wird wegen positiver Effekte empfohlen.

Akupunktur

Die Akupunktur ist Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). In Deutschland wird sie vor allem in der Schmerztherapie eingesetzt. Studien zeigen, dass sie gegen Heuschnupfen besser hilft als Scheinakupunktur oder Placebo, und Patienten anschließend mitunter weniger Medikamente brauchen. Auch die Weltgesundheitsorganisation bescheinigt der Akupunktur eine Wirksamkeit gegen Heuschnupfen. Nicht vollständig wissenschaftlich geklärt aber ist, wie sie wirkt. Das ruft Kritiker auf den Plan – zumal in der TCM von schwer fassbaren "Energien" und "Yin und Yang" die Rede ist.
"Grundgedanke der chinesischen Philosophie und Medizin ist die Balance", erklärt jedoch der Allgemeinmediziner Wolfram Stör, Vorsitzender der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur, der seit mehr als 30 Jahren mit dem Verfahren behandelt. "Nach traditionellem Verständnis versucht man, die Körperkräfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen." Dafür stimuliert man bestimmte Punkte, die Organen und Körperfunktionen zugeordnet sind.
"Inzwischen weiß man, dass die Nadeln biochemische Reize auslösen. Sie führen dazu, dass im Nervensystem Botenstoffe ausgeschüttet werden", sagt Stör. Dies müsse noch genauer erforscht werden.
In der Praxis hat sich die Methode bewährt. Drei von vier Pollenallergikern verspüren laut Stör deutliche Verbesserungen, aber etwa ein Viertel spricht nicht auf die Behandlung an. Patienten, denen die Akupunktur im ersten Jahr geholfen hat, empfiehlt Stör, sich in den beiden Folgejahren erneut behandeln zu lassen. Viele hätten danach jahrelang keine Beschwerden mehr. Für die Akupunktur braucht es Zeit, Ruhe – und Geduld. Ein Behandlungszyklus umfasst zehn Sitzungen, eine pro Woche, von mindestens 20 Minuten Dauer. Der Patient sollte während der Behandlung abgeschirmt in einem ruhigen Raum liegen. Nebenwirkungen gibt es kaum, außer eventuell mal einen Bluterguss. Die Kosten, zwischen 30 und 50 Euro pro Sitzung, trägt der Patient selbst. Die Krankenkassen bezahlen Akupunktur nur bei chronischen Rücken- oder Kniegelenkschmerzen.

Homöopathie

Ebenfalls beliebt und zugleich umstritten ist die Homöopathie. An ihr scheiden sich die Geister: Während viele Kranke und Ärzte gute Erfahrungen mit ihr gemacht haben, lehnen andere sie so vehement ab, dass sie ihr sogar das Existenzrecht absprechen. Die Homöopathie geht auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann zurück und basiert auf der Vorstellung, "Ähnliches mit Ähnlichem" behandeln zu können. Das heißt: Um eine Krankheit zu behandeln, wählt der Homöopath eine Substanz, die unverdünnt bei einem gesunden Menschen die Symptome hervorrufen würde, die der Erkrankte hat. Durch ein spezielles Verfahren des Potenzierens soll die "Information" der Substanz erhalten bleiben, auch wenn der Wirkstoff kaum noch nachweisbar ist. Die Potenz – und damit die Heilkraft – wird durch das Verdünnen sogar erhöht, so jedenfalls die Theorie. Genau das ist mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen schwer vereinbar.
Wo kein Wirkstoff, da keine Wirkung, da brauche es auch keine weitere Forschung, argumentieren die Gegner der Homöopathie. Mancher Experte sieht das anders: "In der Naturheilkunde war es immer wieder der Fall, dass die Forschung zu neuen Erkenntnissen geführt hat. Vieles, was noch vor 20 Jahren lächerlich gemacht wurde, hat sich mittlerweile als wirksam erwiesen", sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin. In neuen Studien wurden auch in extrem verdünnten Hochpotenzen Moleküle der Ausgangssubstanz nachgewiesen – eine überraschende Entdeckung, die genauer erforscht werden muss.

Die Homöopathie helfe bei allergischem Schnupfen jedenfalls oft gut, sagt Michael Teut von der Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde in Berlin-Mitte. "Randomisierte Studien aus den 80er- und 90er-Jahren, etwa mit homöopathischen Pollenmischungen oder dem Mittel Galphimia glauca wirkten besser als Placebo und ähnlich gut wie Antihistaminika. Nach meiner Erfahrung sind viele Patienten mit einer solchen Behandlung zufrieden.“ Die Anamnese ist sehr umfassend, sie schließt Befindlichkeiten und Gemütsverfassungen ein, sodass mitunter auch andere Beschwerden kuriert werden.
Es bleibt abzuwarten, ob es zur Wirkung der Homöopathie irgendwann neue, wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse gibt. Viele Krankenkassen jedenfalls übernehmen die Kosten für eine homöopathische Behandlung bei einem Kassenarzt mit Zusatzausbildung. Die Mittel selbst zahlt der Patient.
Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten.

Eigenbluttherapie

Bei diesem Naturheilverfahren, das oft gegen Heuschnupfen eingesetzt wird, entnimmt der Heilpraktiker oder Arzt dem Patienten 0,5 bis fünf Milliliter Blut und spritzt es ihm dann in den Gesäßmuskel oder unter die Haut. Das Blut kann vor der Injektion behandelt werden, etwa mit Ozon oder homöopathischen Mitteln. Dadurch soll die körper-eigene Abwehr angeregt werden, weil der Körper das eigene Blut dann als Fremdkörper wahrnimmt.
Etliche Behandler wie Patienten behaupten, gute Erfahrungen mit der Methode gemacht zu haben, doch gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass sie wirkt, weder bei Heuschnupfen noch bei anderen Erkrankungen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Wirkprinzip auch nicht schlüssig. „Das ist ein künstlich erzeugter Bluterguss. Er stimuliert das Immunsystem, aber das tut letztlich jede Verletzung“, sagt Michalsen.
Nötig sind bis zu 18 Sitzungen, die Krankenkassen übernehmen die Kosten in Höhe von etwa 15 Euro pro Injektion aber nicht. Die Behandlung soll meist gut vertragen werden, aber es kann zu Reaktionen wie Schwindel, Kopfschmerz oder Fieber kommen.

Bioresonanztherapie

Beliebt ist auch die Bioresonanz- oder Mora-Therapie, benannt nach den Erfindern Franz Morell, einem Arzt, und Erich Rasche, einem Elektroingenieur. Die Methode basiert auf der Annahme, dass krankmachende "Störschwingungen" wie Entzündungsherde, Stress oder eben Allergene die körpereigene Schwingung negativ beeinflussen.
Ein von Morell und Rasche entwickeltes Gerät sei in der Lage, diese vom Körper ausgehenden Störschwingungen zu registrieren, sie umzuwandeln und als heilsame Schwingung wieder zurückzuführen. Nach einigen Anwendungen werde die krankmachende Information gelöscht – eine unbewiesene Behauptung, die klinisch falsch und unter Umständen lebensgefährlich sein kann, etwa für jemanden, der allergisch gegen Insektenstiche ist.
"Die Methode ist vor allem unter Heilpraktikern beliebt, auch Patienten sind oft davon überzeugt", sagt Michalsen.
"Ich vermute, dass sie einen hohen Placeboeffekt hat. Der Apparat macht Eindruck, die Therapie ist teuer – das sind Kriterien, die einen Placeboeffekt befördern." Klinische Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Methode wirkungslos ist. Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten nicht.

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