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Viele Verbote sind veraltet

Sollten Schwangere besser auf Fisch, Nüsse oder Milch verzichten? Und dürfen Kinder mit Allergierisiko ein Haustier halten? Viele Verbote sind wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Ein Überblick.

Von Lea Wolz

Die Nase läuft, die Haut juckt und beim Essen ist nicht alles erlaubt: Eine Allergie ist lästig. Mit den Unannehmlichkeiten plagen sich immer mehr Menschen in den westlichen Industrienationen, warum die Zahl der Allergiker steigt, ist größtenteils ungeklärt. Um das Allergie-Risiko zu senken, gibt es zahlreiche Verbote für Schwangere und Kleinkinder - doch viele davon sind nicht mehr aktuell.

"Jahrelang wurde gepredigt, dass Kinder Allergenen erst möglichst spät ausgesetzt werden sollten, damit sie keine Allergie auslösen", sagt der Münchner Ernährungsmediziner Berthold Koletzko, der das Thema gerade für die Stiftung Kindergesundheit aufgegriffen hat. "Doch diese Verzögerungsstrategie gilt nicht mehr, sie bringt keine Vorteile."

Manche der überarbeiteten Empfehlungen gelten für sogenannte Risiko-Kinder. Denn es ist bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit an einer Allergie zu erkranken steigt, wenn mindestens ein Elternteil oder ein Geschwisterkind schon an Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma oder einer Lebensmittelallergie leidet. Doch viele Empfehlungen, die sich durch neuere Studien verändert haben, betreffen auch Schwangere, Stillende und Kleinkinder ohne erhöhtes Allergie-Risiko.

stern.de gibt einen Überblick, was sich geändert hat - und was nach wie vor gültig ist.

Finger weg von Fisch, Milch und Nüssen

Das ist überholt. Früher galt für Schwangere aus Risikofamilien: Während der Schwangerschaft und Stillzeit besser nicht zu Milch, Nüssen, Eier und Fisch greifen, da diese Lebensmittel häufig Allergien auslösen. "Dass eine besondere Diät während der Schwangerschaft das Allergie-Risiko verringert, ist nicht bewiesen", sagt Koletzko. Diese Lebensmittel zu meiden sei daher nicht empfehlenswert. "Es kann sogar schädlich sein, wenn das Kind unzureichend mit wichtigen Nährstoffen versorgt wird", unterstreicht der Ernährungsexperte vom Kinderspital der Universität München. Seefisch wird Schwangeren und Stillenden nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar empfohlen und zwar zwei bis drei Portionen pro Woche. Der Verzehr scheint einen gewissen Schutz vor allergischen Erkrankungen zu bieten: "Haben die Mütter in der Schwangerschaft Fisch verzehrt oder hat das Kind schon früh in der Brei-Beikost kleine Mengen davon bekommen, treten Allergien im Grundschul- und Jugendalter seltener auf", sagt Koletzko. Besonders empfehlenswert sind fettreiche Fische, die reich an den wichtigen Omega-3-Fettsäuren sind. Dazu zählen etwa Lachs, Sardine, Makrele und Hering. Sie sollten mindestens einmal die Woche auf dem Speiseplan stehen.

Frühe Beikost, erhöhtes Allergierisiko

Auch hier haben sich die Empfehlungen geändert. Sollten Eltern früher möglichst spät mit der "Beikost" wie Gemüse, Obst, Nudeln und Getreide beginnen, um das Allergie-Risiko niedrig zu halten, gilt heute: "Mit der Brei-Nahrung sollte zwischen dem Anfang des 5. und dem Anfang des 7. Lebensmonat begonnen werden", rät Koletzko. In dem Zeitraum gebe es offenbar ein Fenster, in dem sich eine Toleranz gegenüber diesen Nahrungsmittel-Allergenen besonders gut entwickelt. Auch mit Fisch, Milch, Eiern oder Weizen kommt der kindliche Körper dann offenbar gut zurecht. Wer geringe Mengen Weizen, etwa in Form von Flocken, in den Brei beimischt oder das Baby ab und zu an einem Keks knabbern lässt, senkt sogar das Risiko für eine Gluten-Unverträglichkeit, auch Zöliakie genannt. Trotz Breikost sollte bestenfalls noch weiter gestillt werden: "Die Muttermilch scheint einen schützenden Effekt zu haben und dafür zu sorgen, dass der Körper gut mit den Allergene zurecht kommt", sagt der Ernährungswissenschaftler.

Stillen senkt das Allergie-Risiko

Das ist weiterhin gültig, auch wenn die Datenlage nicht ganz eindeutig ist. Stillen ist und bleibt aber wohl ein Schutzfaktor - etwa vor Asthma oder Neurodermitis. "Bekannt ist, dass das Immunsystem der Kinder durch das Stillen geprägt wird, indem es wichtige Abwehrstoffe erhält", sagt Koletzko. "Kinder sollten idealerweise mindestens sechs Monate lang gestillt werden, die ersten vier Monate ausschliesslich." Das wird auch in der aktuellen Leitlinie zur Allergieprävention geraten. Ist Stillen nicht möglich, empfiehlt es sich, Kindern mit einem hohen Allergie-Risiko in den ersten vier Lebensmonaten als Ersatz für die Muttermilch hypoallergene Nahrung zu geben. Diese wird auf der Basis von Kuhmilch, von Sojamilch oder als hydrolisierte Babynahrung angeboten. Bei letzterer sind die Proteine und damit die Auslöser von Allergien abgespalten. Diese hydrolisierten Produkte sind teurer. Sie könnten seltener Allergien auslösen, für verlässliche Aussagen über die Wirksamkeit sei es aber noch zu früh, schreibt das Portal "gesundheitsinformation.de", das vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen betrieben wird. Von Sojaprodukten wird hingegen abgeraten: Dass diese vor Allergien schützen, sei nicht nachgewiesen. Vielmehr könnten Säuglinge sogar eine Soja-Allergie entwickeln.

Rauchen lässt das Allergie-Risiko steigen

Das stimmt. Passivrauch schadet dem Kind - und zwar schon während der Schwangerschaft. Kinder von qualmenden Schwangeren erkranken häufiger an Asthma und Allergien als Kinder von abstinenten Müttern. Auch im Kleinkindalter erhöht sich durch Passivrauchen das Allergierisiko. Vor Abgasen und Schimmelpilzen sollten Eltern ihre Kleinen ebenfalls schützen.

Belastung mit Schmutz und Hausstaub gering halten

Übertriebene Hygiene gilt nicht mehr als Gebot der Stunde. Um einer Allergie vorzubeugen, braucht es keine Desinfektionsmittel, auch ein aggressives Vorgehen gegen Hausstaubmilben ist nicht empfehlenswert. Das Geld für einen extra Matratzenüberzug etwa kann man sich sparen. Bei einer nachgewiesenen Allergie ist dies allerdings weiterhin sinnvoll.

Bei Allergie-Risiko besser kein Haustier halten

Das stimmt nur bedingt. "Wer Kontakt zu Tieren hat - sei es in der Schwangerschaft oder in den ersten Lebensjahren - kann sogar vor späteren Allergien geschützt werden", sagt Koletzko. Aus reiner Vorsorge müsse daher nicht darauf verzichtet werden. Wie sich die Tierhaltung auf Allergieentwicklung bei Risiko-Kindern auswirkt, sei derzeit nicht eindeutig abzuschätzen, heißt es in der Leitlinie. Die Haltung eines Hundes erhöhe das Risiko wohl nicht. Auf Katzen sollte allerdings besser verzichtet werden, da diese Tiere ein Risikofaktor zu sein scheinen.

Probiotika schützen vor Allergien

Probiotische Keime sollen sich positiv aufs Immunsystem auswirken und so auch zur Allergieprävention beitragen. Doch stimmt das? "Die Daten sind bis jetzt noch nicht eindeutig", sagt Koletzko. Ob Säuglingsnahrung mit Probiotika wirklich wesentliche Vorteile habe, sei noch nicht erwiesen. Eine Empfehlung, probiotische Bakterien zur Säuglingsnahrung zu geben, findet sich daher auch nicht in der aktuellen Leitlinie.

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