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Aus der Traum vom Bio-Viagra

Wenn die Begriffe "Sex", "Viagra" und "Potenz" in einer Agenturmeldung vorkommen, versagen in vielen Redaktionen die Kontrollinstanzen. Das zeigt der PR-Coup eines Berliner Medizinstudenten. Die Berichte über ein angebliches Potenz-Wundermittel waren vor allem eins: Unsinn.

Von Lea Wolz

Es klang schon zu schön, um wahr zu sein: Die Berliner Charité teste zurzeit erfolgreich eine Potenzpille aus pflanzlichen Bestandteilen, sendete die Deutsche Presse Agentur (DPA) am Sonntag über den Ticker. Besser noch als Viagra sei das Bio-Mittel, dabei ganz ohne gravierende Nebenwirkungen. Schon im Frühjahr 2010 solle es unter dem Namen "Plantagrar" auf den Markt kommen. Nicht als Medikament, sondern als diätisches Lebensmittel, da die Wirkstoffe bereits alle auf dem Markt seien. Der Pflanzenmix aus Teilen des End-Burzeldorns, der Andenpflanze Maca, Policosanol, das aus Zuckerrohr und Reis gewonnen wird, der Aminosäure L-Arginin und Weintraubenextrakt hat diese Woche vor allem eine höchst potente Wirkung in den Medien gezeigt.

Recherche noch nicht einmal in homöopathischen Dosen

"Bio fürs Bett - Wissenschaftler entwickeln Potenzpille aus Pflanzen", titelte die DPA. Auch die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) meldete kurz darauf: "Pflanzenmix macht Viagra als Potenzmittel Konkurrenz". Damit hatte die scheinbare medizinische Sensation Eingang in viele Blätter und Online-Seiten gefunden, die diese ungeprüft übernahmen. Diverse Internetseiten und Tageszeitungen berichteten am nächsten Tag über die angebliche pflanzliche Potenzpille ohne Nebenwirkungen. "Bild" jubelte gar "Erektion dank Mutter Natur". Die "Welt" erstellte eine Fotomontage mit einer grünen Pille in der Viagra-Rautenform, darauf der Name des pflanzlichen Potenzmittels. Recherche gab es vermutlich noch nicht einmal in homöopathischen Dosen.

Denn wäre diese erfolgt, hätte den Journalisten schon am Montag etwas dämmern können. Olaf Schröder, der Leiter der klinischen Versuche an der Charité, war nicht zu erreichen. Ausgerechnet kurz nachdem seine wissenschaftliche Entdeckung durch die Medien geisterte, versagte sein Handy laut der Charité-Pressestelle. Anfragen von stern.de per Email wurden bis heute nicht beantwortet und auch bei der Pressestelle der Klinik waren die Studien, von denen Schröder gegenüber der DPA berichtet hatte, nicht zu bekommen.

50 Männer hatten laut Schröder, der am Charité Institut für Transfusionsmedizin eine Doktorarbeit zu dem Thema plant, in klinischen Versuchen nach Einnahme der pflanzlichen Potenzpille "mehr Lust auf Sex, mehr Spaß im Bett und fühlten sich auch sonst wohler in ihrer Haut", wie es in der DPA-Agenturmeldung steht. "Ihre Libido war im Vergleich sogar höher als in der Kontrollgruppe, die Viagra nahm", berichtete Schröder. Die Ergebnisse der Tests wertete er als "sehr gut". Sie bestätigten für den wissenschaftlichen Mitarbeiter am Charité-Institut, was eine erste, kleinere Studie 2007/2008 gezeigt haben soll: Die Mischung verschiedener Pflanzenextrakte erhöhe im Körper den Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron und verbessere die Durchblutung.

Gravierende Nebenwirkungen wurden Schröder zufolge nicht festgestellt. In Einzelfällen sei es lediglich zu Durchfall gekommen. Das könne aber sogar ein Schutz sein, eine mögliche Überdosierung könne sich so von selbst erledigen, sagte er der DPA. "Bei der Einnahme von drei Kapseln täglich sei bereits nach 14 Tagen ein Lustgewinn zu verzeichnen", meldete die AP. Positiver Nebeneffekt des Wundermittels laut dem Medizinstudenten: "Ganze Gefäße" seien sogar nach der Einnahme "wieder intakt".

Wissenschaftlich sei das Vorgehen des Medizinstudenten nicht vertretbar, sagt Dr. Christian Steffen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu stern.de. "Es hätte eine verblindete Vergleichsstudie durchgeführt werden müssen." Offensichtlich sei jedoch keine Vergleichsgruppe herangezogen worden, die Probanden hätten lediglich zuvor Viagra genommen und nach der Einnahme des Pflanzenpräparates die Wirkungen aus der Erinnerung vergleichen müssen. Das sei "äußerst suggestiv". An der Wirksamkeit des Mittels hat der Experte ebenfalls "große Zweifel". Die Wirkung der Pillen-Inhaltsstoffe sei keineswegs belegt. Dass die Pille als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gekommen wäre, bezweifelt Steffen ebenfalls. "Laut Lebensmittelgesetz darf ein Nahrungsergänzungsmittel keine pharmakologische Wirkung haben." Die Einordnung als Nahrungsergänzungsmittel sieht er als ein Schlupfloch, um Studien einfacher durchführen zu können. Doch: "Auch eine Studie mit Nahrungsergänzungsmitteln hätte von der Ethikkommission der Charité geprüft werden müssen", sagt Steffen.

Zweite Studie fand noch gar nicht statt

Laut einer Studienzusammenfassung, die stern.de vorliegt, hat die zweite Studie mit 50 Probanden noch gar nicht stattgefunden, ist daher auch weder in einem Fachmagazin publiziert, noch durch andere Wissenschaftler begutachtet. Die erste Studie scheint ebenfalls in keinem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht zu sein. Auf Nachfrage von stern.de gab die Charité keine Auskunft. Laut dem von Schröder verfassten Papier nahmen an der ersten Studie lediglich 27 Männer teil, die zuvor Viagra genommen hatten, nun vier Wochen das pflanzliche Präparat schluckten und danach subjektiv ihre Zufriedenheit mit dem Bio-Mittel einschätzen sollten. Der vergebene Punktescore lag dabei laut Schröder "signifikant höher" als der unter der Einnahme von Viagra. Über genaue Zahlen schweigt sich der Forscher ebenso aus wie über Angaben dazu, wie die Probanden ausgewählt wurden.

Unterlagen, die auch der Nachrichtenagentur AP vorlagen. Deren Chefredakteur Peter Gehrig verteidigte gegenüber stern.de das eigene Vorgehen. "Irgendwann sind die Grenzen der Recherche für Agenturjournalisten an einem Sonntag erreicht", sagt er. "Dann muss ich der Studie vertrauen, erst Recht, wenn sie von einem vertrauenswürdigen, renommierten Institut kommt und Herr Schröder sich als legitimierter Ansprechpartner desselben ausgegeben hat." Handwerklich habe man sich daher nichts vorzuwerfen. DPA-Sprecher Justus Demmer sagte auf stern.de-Anfrage, die Pressestelle der Charité habe Schröder der Agentur als Ansprechpartner genannt. Im "Berliner Kurier", der am 8. März über die pflanzliche Pille berichtet hatte, sei man auf das Bio-Mittel aufmerksam geworden und habe daher den Kontakt zur Charité gesucht. "Der offizielle Dienstweg wurde eingehalten." Warum die Meldung vor der Veröffentlichung inhaltlich nicht besser überprüft worden sei, diskutierte man intern allerdings.

Die Charité hat sich mittlerweile in einer Stellungnahme auf ihrer Internetseite von den Untersuchungen zur Wirksamkeit des pflanzlichen Potenzmittels distanziert. Es handle sich dabei um die Aktivität eines Mitarbeiters der Charité in eigener Verantwortung, der Wissenschaftler sei nicht berechtigt, Erklärungen für die Klinik abzugeben. Die Übereinstimmung mit den Richtlinien der Charité zur guten wissenschaftlichen Praxis würden derzeit überprüft. "Die Nennung eines Produktnamens in Zusammenhang mit den Untersuchungen entspricht nicht den wissenschaftlichen Standards der Charité", heißt es in der Stellungnahme weiter. Die Klinik behalte sich daher vor, auch rechtliche Schritte einzuleiten. Von dem Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin, Professor Holger Kiesewetter, war auf stern.de-Anfrage keine Äußerung zu dem eigenmächtigen Gebaren seines Doktoranten zu bekommen.

"Repräsentant" der Phamaindustrie

Der Grund, warum der das Mittel vor der Überprüfung durch Studien schon hoch gelobt hatte, könnte in einer Nähe zur Pharmaindustrie liegen. Schröder bezeichnet sich in seinem Benutzerprofil bei "Xing", einem der größten sozialen Internet-Netzwerke Deutschlands, als "Repräsentant" unter anderem der pharmazeutischen Industrie. Dort bietet er "PR- und Lobbyberatung Schwerpunkt Gesundheits- und pharmazeutische Industrie" sowie Medienkontakte an. Dass sich die Vermarktung eines Bio-Potenzmittels finanziell lohnen würde, dürfte dem Medizinstudenten wohl kaum entgangen sein. Das Pharmaunternehmen Pfizer macht jährlich mit Viagra weltweit einen Umsatz von deutlich über einer Milliarde Euro.

Die pflanzliche Potenzpille jedenfalls hat - entgegen ihrer Ankündigung - doch gravierende Nebenwirkungen mit sich gebracht. Allerdings ganz anderer Art. Sie hat mal wieder gezeigt, wie schnell Medien aus Zeitdruck und Angst davor, dass die Konkurrenz früher die schöne Geschichte haben könnte, auf einen Zug aufspringen und dabei die Recherche vergessen. Die "Welt", die vor ein paar Tagen noch ganz groß mit der biologischen Potenzpille aufmachte, ist mittlerweile, wie andere Medien auch, zurückgerudert. Online verweist sie auf die Stellungnahme der Charité. Den Artikel schmückt einprägsam nochmals die Fotomontage der grünen Rautenpille mit dem Schriftzug des angeblichen Wundermedikaments. Besser hätte es wohl auch kein professioneller Pharma-Berater hinbekommen können.

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