Wenn Patienten sich schikaniert fühlen

19. August 2013, 15:21 Uhr

Patienten sind krank zuhause - plötzlich klingelt das Telefon. Wer ist dran? Die Krankenkasse. Man solle doch wieder arbeiten gehen, heißt es. Viele Patienten fühlen sich zu Unrecht bedrängt.

Krankenkasse, Reha, Medizin

Krankenkassen werben oft in glänzenden Broschüren für ihre Leistungen. Viele Versicherte machen eine andere Erfahrung - Krankschreibungen etwa werden oft nicht anerkannt.©

Seinen schweren Bandscheibenvorfall hatte der Mann nach acht Wochen noch nicht auskuriert. Doch seine Krankenkasse war misstrauisch. Sie forderte den Ingenieur auf, den Medizinischen Dienst der Kassen (MDK) aufzusuchen. Aufgrund des MDK-Gutachtens hob die Kasse die Krankschreibung auf - obwohl der Mann in seinem Job in leere Industrietanks klettern muss und seinen Rücken nicht schonen kann. Immer mehr - oft verzweifelte Versicherte - suchen laut Patientenberatern Hilfe, weil sie von ihrer Kasse wieder zur Arbeit gezwungen werden oder Leistungen nicht bekommen.

Der Fall des Rückenpatienten landete bei Judith Storf, einer Beraterin der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). "Bei uns rief dann der Arbeitgeber an", erzählt die in Bielefeld ansässige Storf. "Er sagte: Wir können das nicht zulassen, die Arbeit ist körperlich zu anstrengend."

Insgesamt mehr als 230.000 Mal urteilten MDK-Gutachter im vergangenen Jahr bundesweit, dass krankgeschriebene Arbeitnehmer eigentlich gar nicht mehr arbeitsunfähig sind - in 16 Prozent der untersuchten Fälle. Die Zahl der vom MDK geprüften Krankschreibungen sank zwar leicht von 1,54 Millionen Fälle im Vorjahr auf 1,47 Millionen. Die Entscheidung, eine attestierte Arbeitsunfähigkeit aufzuheben, fällt dann aber die Kasse. Und Daten dazu fehlen laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Vor allem bei Langzeiterkrankten wird genau hingeschaut

"Nach dem Eindruck der Berater nehmen solche Fälle zu", sagt Storf. Dörte Elß, Beraterin der Verbraucherzentrale Berlin, meint: "Die Krankenkassen gucken stärker hin, gerade bei Langzeiterkrankten." Die GKV-Ausgaben fürs Krankengeld stiegen allein vergangenes Jahr von 8,5 auf 9,2 Milliarden Euro.

Überraschend sei, so Elß, dass Kassen auch schon nach wenigen Wochen kritisch nachhakten. "Was nicht geht, ist das ständige Anrufen." Versicherte könnten sich Anrufe von Sachbearbeitern einer Krankenkasse verbitten und schriftliche Mitteilungen verlangen.

Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, meint: "Wir haben den Eindruck, dass die Kassen unter dem Damoklesschwert der Zusatzbeiträge alle Anstrengungen zum Sparen unternehmen." Als 2010 die ersten Kassen gezwungen waren, den Obolus millionenfach einzutreiben, lief ihnen die Kundschaft reihenweise weg. Und Gesundheitsökonomen und Kassenfunktionäre erwarten, dass die aktuellen GKV-Milliardenreserven bald dahinschmelzen.

VdK rät: Patienten sollen sich wehren

Beim VdK werden auch viele vorstellig, die Hilfsmittel wie Hörgeräte nicht im beantragten Rahmen bekommen - oder auch eine Reha. Patienten sollten sich "auf keinen Fall damit zufriedengeben, wenn der MDK ein Hörgerät über den Festbetrag ablehnt oder eine Reha-Leistung", rät Mascher. Problematisch sei, dass Entscheidungen zur Arbeitsunfähigkeit oft nach Aktenlage getroffen würden. "Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das fatal." Man könne Widerspruch einlegen, der behandelnde Arzt könne ein zweites Gutachten einfordern.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kritisiert die teils restriktive Bewilligungspraxis der Krankenkassen. "Es darf nicht zu einer massenweisen Ablehnung kommen", sagte Bahr am Montag in Berlin. "Das ist nicht in Ordnung. Die Versicherten und Patienten haben einen Anspruch auf Leistungen."

Missstände sieht VdK-Präsidentin Mascher vor allem bei älteren Patienten: Statt Selbstständigkeit wieder zu lernen, kämen sie oft von der Klinik direkt ins Pflegeheim. "Die Krankenkasse muss eine Reha zahlen, den Nutzen hat aber die Pflegekasse", erläutert Mascher. "Das befördert nicht die Leidenschaft der Kasse, eine Reha zu zahlen."

Fast 5000 Verdachtsfälle

Insgesamt 75.000 Beratungsgespräche wertete die UPD in ihrem im Sommer veröffentlichten Jahresbericht aus - der Verdacht in 4900 Fällen: Versicherten werden Leistungen, die ihnen zustehen, verwehrt.

Beim Krankengeld wird es laut Mascher besonders heikel, wenn es Druck gibt. Beraterin Storf: "Die Sachbearbeiter der Kassen fragen etwa: Wie lange dauert es denn, bis Sie wieder arbeiten können?" Es komme auch vor, dass Versicherte zu hören bekommen: "Stellen Sie sich nicht so an." Viele empfänden das als schikanös.

Auffällig für die Berater: die vielen Streitigkeiten bei psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout. "Die Krankheitsbilder werden häufiger infrage gestellt als zum Beispiel Darmkrebs", meint Storf. Das bedrücke Betroffene zusätzlich.

Unterschiedliche Maschen, aber immer dieselbe Absichten

Die Kassen drängeln offenbar immer wieder anders. "Häufiger berichten Betroffene, dass Gutachten donnerstags in der Post sind - mit der Aufforderung, am Montag wieder arbeiten zu gehen", berichtet Storf. Für Widerspruch bleibe da wenig Zeit. Auch das Verhalten des MDK stößt oft auf Unverständnis: "Patienten berichten, der Gutachter habe ihn nur zwei, drei Minuten in Augenschein genommen und fragen sich: ‚Wie will der Arzt mich so schnell beurteilen?'"

Peter Pick kennt die Vorwürfe. Der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts des GKV-Spitzenverbands will zwar einzelne Fehler nicht ausschließen. "Wir führen unsere Begutachtungen sorgfältig durch", betont er aber. So liege dem Gutachter stets die gesamte Krankengeschichte des Versicherten vor, oft frage er auch beim behandelnden Arzt direkt nach.

"Leichtfertig krankgeschrieben wird in der Regel nicht", meint Judith Storf. Pick hält dagegen: "Ärzte werden auch immer wieder bedrängt von ihren Versicherten." MDK-Mediziner bekämen von den niedergelassenen Ärzten auch zu hören, der MDK solle über eine Krankschreibung entscheiden - nach dem Motto: Spielt Ihr den Bösen.

Gleichzeitig steigen die Einkommen der Ärzte

Auf die Einkommen deutscher Ärzte hat die Lage der Patienten übrigens keinen sichtbaren negativen Einfluss. Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes steigerten so gut wie alle Medizinergruppen ihre Verdienste in den vergangenen Jahren deutlich. Eine Praxis kassierte demnach 2011 im Schnitt mit 483 000 Euro gut 21 Prozent mehr als noch 2007.

Der Mann mit dem Bandscheibenvorfall wurde für die Hartnäckigkeit seines Arbeitgebers belohnt. Die Beraterin machte seinen Arzt auf das Recht aufmerksam, ein zweites Gutachten bei einem MDK-Facharzt einzufordern. Judith Storf hörte nichts mehr von dem Mann - für sie ein Zeichen dafür, dass er Erfolg hatte und krankgeschrieben blieb.

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