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Sex mit Hitler

Notwendiger Schock oder Effekt-Hascherei? Die Kampagne "Aids ist ein Massenmörder" verknüpft HIV mit Hitler, Stalin und Hussein. Die Deutsche Aids-Hilfe ist entsetzt.

Von Christine Kirchhoff

Schummeriges Licht, ein Paar beim Sex. Schließlich schwenkt die Kamera auf das Gesicht des Mannes - es ist Adolf Hitler. Schnitt. "Aids ist ein Massenmörder" titelt der Spot in großen Lettern. Schon bevor diese Anti-Aids-Kampagne des gemeinnützigen Vereins "Regenbogen" aus Saarbrücken offiziell gestartet ist, sorgt sie für Wirbel. Bislang ist der Clip nur auf dessen Internetseite , auf "Youtube" und einigen News-Websites wie stern.de zu sehen - spätestens im Laufe der nächsten beiden Wochen soll er in Kino und TV laufen.

Krasse Aktionen sind nötig

"Das öffentliche Interesse an Aids nimmt immer weiter ab, die Zahl der Opfer dagegen steigt ununterbrochen", sagt der Regenbogen-Vorsitzende Jan Schwertner. Solch krasse Aktionen seien nötig, um aufzurütteln. Zur Kampagne gehören auch Anzeigen, Plakate und ein Funkspot. Je nach Version gibt es weitere Protagonisten: Auch der sowjetische Diktator Josef Stalin und Saddam Hussein vergnügen sich mit jungen Frauen - wie Hitler sollen sie dem Bösen, dem HI-Virus, ein Gesicht geben. Das Anliegen der Kampagne: Den Trend zum ungeschützten Geschlechtsverkehr stoppen. Das Konzept für die hat die Hamburger Agentur "das comitee" entwickelt, zusammen mit dem Rapper BIG Danny hat sie außerdem ein Musikvideo komponiert, das die Aids-Problematik thematisiert. Auch in anderen Ländern wie Finnland, Schweden und den USA soll die Kampagne demnächst laufen.

Die Resonanz auf den Spot sei gut, so Schwertner. Vor allem junge Leute würden mit dieser Aktion angesprochen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Als "ekelerregend" und "entsetzend" dagegen bezeichnet Jörg Litwinschuh, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe in Berlin, die Kampagne. "Es ist unerträglich, die Aids-Prävention mit dem Holocaust zu vergleichen", sagt er. Die Aktion sei reine Effekt-Hascherei. Auf konkrete Präventionsmaßnahmen werde gar nicht explizit hingewiesen. Ein weiterer Vorwurf: HIV-Betroffene würden verhöhnt und in eine Mörderfunktion gedrängt. Jahrelange Präventionsarbeit zeige, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Außerdem gehe unter, dass es riesige Erfolge in der Aids-Prävention gegeben hat. Die Deutsche Aids-Hilfe versucht nun, gegen die Aktion vorzugehen.

Bei dieser Kampagne gehe es keinesfalls darum, HIV-Patienten negativ ins Licht zu rücken, sagt Schwertner. "Die Krankheit selbst ist der Massenmörder und das wollen wir so deutlich machen".

Frühere Schock-Plakate in der Diskussion

Schon frühere Anti-Aids-Kampagnen hatten versucht, mit ähnlich provokativen Ideen das öffentliche Interesse zu wecken: So sorgte beispielsweise die Kampagne von Ex-Tennisprofi Michael Stich 2007 für Wirbel. Plakate forderten angehende Mütter damals zu HIV-Tests während der Schwangerschaft auf: Ein Bild zeigte das Gesicht eines Babys vor weißem Hintergrund. Die Aufschrift lautete: "Das Kinn von Opa. Die Augen von Papa. HIV von Mama." Ein weiteres Plakat dieser Kampagne zeigte eine Frau, die die Sonne genießt. In ihrer linken Hand hält sie einen Kinderwagen, dessen Schale aus einem halb geöffneten Kindersarg besteht. Der Slogan "Ganz die Mama. HIV positiv" sowie der Hinweis, dass 600 Kinder HIV-positiv seien, weil sie sich bei der Geburt oder beim Stillen infiziert hätten, waren darunter zu lesen. Diese Plakate zeigten ihre Wirkung - doch nicht ausschließlich im Sinne der Macher: Bei der Gleichberechtigungsstelle der Landesbeauftragten in Bremen beispielsweise trafen massive Beschwerden ein. Frauen würden verunglimpft, da sie indirekt als Alleinschuldige hingestellt würden, so die Kritik. Die Folge: Zumindest in Bremen wurden die Plakate abgehängt.

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