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Ich bin in Therapie, na und?

Mit der Kampagne "Ich bin in Therapie" will ein Verein psychische Erkrankungen enttabuisieren: Betroffene stellen dafür Fotos und ihre Geschichten ins Netz. Doch Psychologen warnen vor dem Outing.

Von Mirja Hammer

  Die Aktion "Ich bin in Therapie" soll helfen, Menschen mit psychischen Erkankungen zu entstigmatisieren. Experten halten die Kampagne für kritisch.

Die Aktion "Ich bin in Therapie" soll helfen, Menschen mit psychischen Erkankungen zu entstigmatisieren. Experten halten die Kampagne für kritisch.

Ja ich bin in Therapie und lasse mir helfen, um ein lebenswertes Leben ohne Scham, Selbstzweifel, Angst, Depressionen, Zwang und Co zu haben"

"Ich war in Therapie … na und? Hätte ich meinen Sarg den Rest meines Lebens mit mir herumschleppen sollen?"

Es sind erstaunlich offene Worte, die Menschen seit Sonntag im Netz auf www.ichbinintherapie.psystudents.org verbreiten. Dort erzählen sie von ihren Therapieerfahrungen, warum sie Psychologen aufgesucht haben und was es ihnen gebracht hat. Anonymität? Geht so. Die Betroffenen zeigen Fotos von sich und nennen zum Teil sogar Namen und Alter. Sie haben offenbar nichts zu verbergen, denn für ihre Krankheit müssen sie sich nicht mehr schämen. Darin bestärkt hat sie PsyStudents, ein gemeinnütziger Verein aus Psychologiestudenten und praktizierenden Psychologen. Mit seinem Anti-Stigma-Projekt "Ich bin in Therapie" ruft der Verein Menschen auf, sich zu outen, um psychischen Erkankungen langfristig den Schrecken zu nehmen.

Bislang würden Menschen mit psychischen Problemen stigmatisiert, isoliert oder mit Vorurteilen konfrontiert, sagt Julius Steding, studentischer Vorstand von PsyStudents, in einem Beitrag von Deutschlandradio. "Wir wollen Mut machen, eine Therapie in Anspruch zu nehmen." Und die ehrlichen Posts sollen helfen, das gesellschaftliche Umdenken herbeizuführen.

Die Idee ist nicht ganz neu, sie kommt aus den USA. Die Kampagne I have a therapist funktioniert dort schon länger und findet regen Zulauf. Das erklärte Ziel: "Wir wollen, dass ihr der Welt erzählt, dass ihr einen Therapeuten habt, denn wir wollen, dass es normal wird, das zu sagen. Wir wollen, dass es nicht länger komisch klingt", schreiben die Initiatoren der Plattform, ein Fundraising-Startup für Non-Profit-Organisationen. In den USA sei die Gesellschaft schon viel weiter, sagt Steding. Viel mehr Menschen nähmen Therapieangebote in Anspruch und es würde generell sehr viel offener damit umgegangen. In Deutschland soll das nun auch so werden.

"Die Aktion ist blauäugig"

Doch was das amerikanische Vorbild entscheidend anders macht: Es schützt die Daten der Mitwirkenden gründlicher. Auf ihaveatherapist.com finden sich keine persönlichen Angaben, wie Namen oder Altersangaben. Michael Krämer, Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen bezeichnet die deutsche Kopie als "blauäugig". "Die Aktion ist aus Datenschutzgründen sehr kritisch, denn keiner kann beurteilen, ob dem Einzelnen daraus nicht Nachteile entstehen". Zwar weisen PsyStudents im Impressum darauf hin, dass das Projekt auch Risiken bergen könne, etwa wenn Arbeitgeber oder Versicherungen auf die Beiträge stießen. Aus Sicht von Krämer sei das aber zu wenig. Betroffene würden ins Messer laufen. "Gerade in der Frühphase des Projekts wäre es wichtig gewesen, die Menschen dafür zu sensibilisieren, ihre persönlichen Daten zu schützen. Anscheinend haben die deutschen Macher da keinen Wert darauf gelegt".

Man könne sich nicht einfach outen

Wenn alle es machen, dann kann es doch nicht so verkehrt sein. "Herdeneffekt", nennt Krämer das, was die Ice-Bucket-Challenge derzeit eindrücklich vorführt. Im Internet dazu aufzurufen, sich mit seiner psychischen Erkrankung zu outen - oder wie die Initiatoren es nennen: "Die Bombe platzen zu lassen" -, sei aber etwas anderes, sagt Krämer. Menschen, die sich gutgläubig auf diese Aktion einließen, könnten zusätzlich zu ihrer Krankheit Nachteile erfahren.

Psychische Erkrankungen könne man nicht wie etwa Homosexualität einfach outen, sagt der Psychologe. Menschen, die sich zu ihrer sexuellen Orientierung bekannten, seien meist gefestigter. Bei psychisch Erkrankten dagegen sei die Festigkeit, mit Angriffen umzugehen, oftmals beeinträchtigt. "Ein Leitsatz lautet: Wer sich in einer akuten Therapie befindet, sollte mit weitreichenden Entscheidungen, die sein Leben betreffen, zurückhaltend sein. Denn das ist eine Phase, die oft mit einer Orientierungssuche verbunden ist und wer in dieser Phase etwas entscheidet, könnte das später bereuen."

Die Folgen sind nicht abzuschätzen

Mit viel Glück kann die Aktion zu einer Entstigmatisierung führen. Dann, wenn sie eine breitgeführte gesellschaftliche Diskussion anregt. Mit etwas weniger Glück, versandet die Kampagne ebenso schnell, wie sie entstanden ist. Mit etwas Pech entstehen aber zusätzliche Stigmatisierungen der Betroffenen. Etwa wenn Bekannte durch die Aktion überhaupt erst von der Erkrankung erfahren und sich abwenden. Vermutlich wird auch ein potentieller Arbeitgeber lieber einen gesunden Mitarbeiter einstellen - und Versicherungen dürften sich ebenfalls brennend für solche Internet-Offenbarungen ihrer Kunden interessieren, in denen die Rede von psychischen Vorerkrankungen ist.

Ob Carsten*, 30 Jahre jung, einen Beitrag leistet, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren, bleibt abzuwarten. Er ist von der guten Absicht der Aktion überzeugt und stellte ein Foto von sich ins Netz. Darunter erzählt er, wie er aufgrund seiner bipolaren Störung und eines Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms schon mehrere Therapien gemacht hat. Er überlege, noch mal eine zu machen. Sollte er seine Entscheidung, das der ganzen Welt zu erzählen, irgendwann bereuen, wird wohl ein weiterer Leitsatz greifen: Das Internet vergisst nichts.

*Der Name wurde auf Wunsch von PsyStudents aufgrund der juristischen Überprüfung von "Ich bin in Therapie" nachträglich geändert.

Mirja Hammer
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