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So schlecht beraten Frauenärzte in Sachen Verhütung

Wie gut klären Frauenärzte Patientinnen über die Risiken von hormonellen Verhütungsmethoden auf? Patientenschützer haben das getestet - und sind entsetzt über das Ergebnis.

Die Pille erhöht das Risiko für Thrombosen, die zu lebensgefährlichen Komplikationen führen können

Die Pille erhöht das Risiko für Thrombosen, die zu lebensgefährlichen Komplikationen führen können. Doch nicht bei jeder Pille ist das Risiko gleich hoch. Frauenärzte sollten daher Patientinnen gut beraten, welches Verhütungsmittel für sie infrage kommt.

Pille, Spirale, Dreimonatsspritze: Verhütungsmethoden gibt es viele. Doch nicht jede ist für jede Frau geeignet. Frauenärzte sollten daher sorgfältig beraten, damit sich Anwenderinnen über mögliche Risiken informieren können. Die Realität sieht allerdings anders aus, wie eine gemeinsame Untersuchung des Magazins "Frontal 21" und der Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) ergab.

Zwei Testpatientinnen suchten dafür 28 zufällig ausgeloste Frauenarztpraxen in auf, um die Qualität der Beratung zu bewerten. Das Fazit der kleinen Stichprobe: Bei einem Großteil der Ärzte war diese nur ausreichend oder sogar mangelhaft. Risiken würden verharmlost, ungefährliche Alternativen verschwiegen und sogar Werbebroschüren der Pharmaindustrie als Aufklärungsmaterial weitergereicht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam sternTV 2015 bei einem Test mit versteckter Kamera. "In letzter Konsequenz kann eine solche unzureichende oder falsche Beratung zu Behandlungsfehlern führen", kritisiert Christoph Kranich von der VZHH.

Thrombosen und lebensgefährliche Lungenembolien sind eine zwar seltene, aber bekannte Nebenwirkung von hormonellen Verhütungsmitteln. Neuere Antibabypillen der sogenannten dritten und vierten Generation, die Wirkstoffe wie Desogestrel oder Drospirenon enthalten, erhöhen das Risiko dafür. Sie sollten daher nicht zu sorglos verschrieben werden.

Doch genau das ist offenbar der Fall, wie der Test von "Frontal 21" und VZHH zeigte. Bevor eine Pille der neuen Generation empfohlen wird, sollten Frauenärzte eigentlich abklären, ob bei der Patientin ein erhöhtes Thromboserisiko vorliegt. In der Stichprobe fragte ein Viertel der getesteten Ärzte überhaupt nicht danach. Andere wiegelten die Gefahr ab. Bei Migräne, vor allem solcher mit einer sogenannten Aura, ist von der Pille ebenfalls eher abzuraten. Doch auch das wurde von der Mehrheit der Ärzte überhaupt nicht thematisiert. Ähnlich schlecht sei die Beratung bei der Hormonspirale, kritisiert "Frontal 21". Nach Vorerkrankungen wie Entzündungen des Beckens, der Eileiter und der Gebärmutter hätte die Mehrheit der Mediziner nicht gefragt. Auf mögliche Nebenwirkungen wie Depressionen, Eierstockzysten und ein erhöhtes Brustkrebsrisiko wiesen sie nicht hin.

"Es ist erschreckend, wie wenig Informationen Gynäkologen von ihren Patientinnen einholen und wie schlecht sie diese aufklären", so das Fazit der VZHH. Die Patientenschützer kritisieren, dass es in Deutschland bislang keine Leitlinie der gynäkologischen Fachgesellschaften gibt, die festhält, welche Fragen bei der Verhütungsberatung zu stellen sind. Immerhin ist für Ende dieses Jahres eine solche evidenzbasierte Handlungsempfehlung angekündigt.

lea

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