HOME

Happy Birthday, Pille!

Kleines Medikament, große Wirkung: Vor 50 Jahren kam die Antibabypille auf den Markt. Eine Erfindung, die eine Revolution auslöste.

Von Lea Wolz

Sie ist winzig - und ihre Wirkung war groß: Vor 50 Jahren wurde in den USA erstmals die Antibabypille zugelassen. In Westdeutschland kam sie ein Jahr später unter dem Namen "Anovlar" auf den Markt. Was zuerst verdruckst als Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen nur verheirateten Frauen verschrieben wurde, ist mittlerweile das meist genutzte Verhütungsmittel, gefolgt von dem Kondom. In Deutschland nehmen mehr als sechs Millionen Frauen das Hormonpräparat, um sich vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen. Bei den 20- bis 44-Jährigen ist es über die Hälfte, meldet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Selbst zu bestimmen, wann und wie viele Kinder man haben will, ist heute für Frauen normal. Daher ist es schwer sich vorzustellen, was die Erfindung dieses kleinen Dragees vor über 50 Jahren alles bedeutet hat: keine Angst mehr vor ungewollten Schwangerschaften, die vielfach zum Abbruch der Ausbildung führten, sondern einfach Sex aus Lust und Freude. Besonders letzteres ließ Moralhüter das Schlimmste befürchten: Sie liefen gegen die Pille Sturm.

Pillenknick und "Wunschkindpille"

Noch heute verbietet die katholische Kirche jegliche Verhütungsmittel und damit auch die Pille. Den Siegeszug des Hormonpräparates konnte sie allerdings nicht stoppen. "Freiheit für die Pille", war 1968 auf dem Titel der Zeitschrift "Konkret" zu lesen. Und immer mehr Frauen nahmen sich die Freiheit und verhüteten mit dem Präparat. In Westdeutschland führte das in den 70er Jahren zum Pillenknick, die Zahl der Geburten ging deutlich zurück und verharrt bis heute ungefähr auf diesem Niveau.

Dabei begann alles ganz unspektakulär. In den 1920er Jahren setzte der Naturwissenschaftler Ludwig Haberlandt bereits Hormone ein, um den Eisprung zu verhindern. Die Idee war einfach und genial zugleich: Wer schon schwanger ist, wird es nicht mehr. Die eingesetzten Hormone gaukeln dem Körper im Prinzip eine Schwangerschaft vor - der Eisprung wird verhindert, der Schleimpfropfen am Gebärmutterhals verändert sich, Spermien können nicht in den Eileiter oder die Gebärmutter vordringen. Die Experimente Haberlandts lieferten die Basis für Mediziner in den USA. Sie griffen die Ansätze auf und entwickelten sie weiter. Gesponsert von Frauenrechtlerinnen, die Millionen von Dollar in die Forschung pumpten. Mit Erfolg: 1957 kam das Mittel "Enovid" in den USA auf den Markt, am 9. Mai 1960 ließ es die amerikanische Arzneimittelbehörde offiziell als Pille zur Empfängnisverhütung zu. In Westdeutschland gab es ein Jahr später "Anovlar", in der DDR war ab 1965 das als "Wunschkindpille" bezeichnete Mittel "Ovosiston" erhältlich.

Pillen sind niedriger dosiert

Verändert hat sich seitdem einiges: Die ersten Pillen waren hochdosierte Hormoncocktails. Bis zu 40 Mal mehr des Östrogens Ethinylestradiol schluckten Frauen vor gut 50 Jahren, da noch nicht bekannt war, was für kleine Mengen an Hormonen eigentlich ausreichen, um den Eisprung sicher zu unterdrücken und die Gebärmutter so zu verändern, dass sich die Eizelle nicht in der Schleimhaut einnisten kann. Die ersten Pillen verursachten häufig Schwindel, Erbrechen, Gewichtszunahme und Kopfschmerzen. Allerdings war das immer noch besser als ungewollte Schwangerschaften und grausame Abtreibungsversuche.

Heute versprechen Vierphasenpillen den körpereigenen Hormonzyklus genauer nachzubilden und locken mit einem angeblich natürlichen Östrogen. Bei anderen werden Gestagene ausgetauscht. Neu sei allerdings nicht immer besser, sagt der Arzt und Herausgeber des "Arznei-Telegramms" Wolfgang Becker-Brüser. So ist das Risiko für Venenthrombosen bei den älteren Mikropillen der sogenannten zweiten Generation mit dem Gestagen Levonorgestrel geringer als bei den neueren Pillen der dritten Generation, die Desogestrel oder Gestoden enthalten. Ob eine Frau die älteren bevorzugt, oder doch lieber auf die neueren zurückgreift, die angeblich das Hautbild verbessern sollen oder die Gewichtszunahme weniger beeinflussen, muss sie allerdings letztendlich mit ihrem Frauenarzt klären - je nach persönlichen Risikofaktoren.

Kein Lifestyleprodukt

Das Beispiel macht deutlich: Die Pille ist zwar eine der zuverlässigsten Methoden zur Empfängnisverhütung. "Allerdings bleibt sie ein Hormonpräparat mit Risiken und gehört nicht in den Lifestylebereich, wie es manche Pharmafirmen vortäuschen möchten, wenn sie die positive Wirkung auf Haut oder Haare hervorheben und unerwünschte Wirkungen nicht erwähnen", kritisiert Becker-Brüser. Dazu zählt eben das - wenn auch seltene - Risiko, dass sich in den Venen der Beine Blutgerinnsel bilden können. Gelangen diese in die Lunge, können sie eine Embolie auslösen, die mitunter tödlich verläuft. Negativ in die Schlagzeilen kamen in diesem Zusammenhang zuletzt die beiden Antibabypillen Yaz und Yasmin, die bei jungen Mädchen in der Schweiz zu Lungenembolien führten.

Auch 50 Jahre nach der Markteinführung der Pille tragen daher noch immer die Frauen die gesundheitlichen Risiken der Verhütung zum Schlucken. Eine Pille für den Mann könnte das ändern. Die wäre zwar keine Pille, sondern ein Spritze und theoretisch auch möglich: als Hormonspritze, die die Spermienbildung unterbindet. "Allerdings wäre die Hormonbelastung noch viel größer als bei der Frau, die möglichen Nebenwirkungen ebenfalls. Die Spritze dürfte daher nur schwer an den Mann zu bringen sein", vermutet Becker-Brüser. Die Pharmaindustrie hat ihre Forschungen dazu bereits eingestellt. Seit 2009 laufen an den Universitäten in Münster und Halle aber wieder Studien.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity