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Die Krebskranke, die es nie gab

Belle Gibson behauptete, ihre Krebserkrankung mit einem gesunden Lebensstil geheilt zu haben. Sie gab Interviews, schrieb ein Buch - und scheffelte Tausende Dollar. Am Ende war alles eine Lüge.

  Medienstar und Mutter: Es mehren sich die Hinweise, dass Belle Gibson ihre Krebserkrankung lediglich vortäuschte

Medienstar und Mutter: Es mehren sich die Hinweise, dass Belle Gibson ihre Krebserkrankung lediglich vortäuschte

Der australische Medienstar Belle Gibson besitzt alles, was sich Frauen mit Mitte 20 nur wünschen können: Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Mutter eines vier Jahre alten Sohnes - und sieht bezaubernd aus. Ihre Fans auf Twitter und Instagram verehren Gibson aber vor allem aus einem Grund: Seit Jahren kämpft sie offenbar erfolgreich gegen eine Krebserkrankung an. Sie habe Tumoren im Gehirn, der Milz, der Gebärmutter und Leber, erklärte Gibson immer wieder, auch das blutbildende System soll schon betroffen gewesen sein. Über ihren täglichen Kampf berichtet die 23-Jährige in den sozialen Netzwerken Twitter und Instagram - und Zehntausende fiebern mit.

Die Botschaft der jungen Frau: Krebs sei heilbar - und zwar mit einer speziellen Therapie, in der man die Ernährung umstellt, Sauerstoff inhaliert, regelmäßig den Darm spült und nach den Vorgaben der traditionellen indischen Ayurveda-Medizin lebt. Das habe auch ihr dabei geholfen, gegen den Krebs anzukämpfen - während Bestrahlungen und Chemotherapien erfolglos blieben, berichtet Gibson. Mutig und tapfer wirkt die junge Frau, wenn sie von ihrer Erkrankung spricht. Sympathisch und optimistisch, so, als könne ihr der Krebs nichts anhaben. Nun stellte sich allerdings heraus: Die Frau, die auf den ersten Blick so bewundernswert erscheint, handelte womöglich aus reinem Kalkül. Denn: Ihre Geschichte ist offenbar nicht einmal im Kern wahr.

Zweifel an ihrer Krankheitsgeschichte gab es schon immer - allerdings traute sich niemand, sie laut auszusprechen. So kam es, dass Belle Gibson die Gesundheitsapp "Whole Pantry" veröffentliche, die auf ihren Erfahrungen mit gesunder Ernährung basiert. Die App wurde ein großer Erfolg, verkaufte sich 300.000 Mal - und das zu einem Preis von umgerechnet 2 Euro und 75 Cent. Die Firma Apple, welche "Whole Pantry" im App-Store anbot, wurde auf die junge Australierin aufmerksam und flog sie zur Vorstellung der neuen Apple-Watch nach Kalifornien. Auch in der Präsentation wurde "Whole Pantry" vorgestellt - als ein Beispiel für erfolgreiche und besonders empfehlenswerte Apps.

Die Spenden kamen nie an

Unter dem gleichen Namen veröffentlichte Gibson ein Kochbuch, das zunächst in Australien erschien. Magazine und Tageszeitungen wurden auf ihre Geschichte aufmerksam. Die Frauenzeitschrift "Elle" kürte sie zur inspirierendsten Frau des Jahres 2014, der "Sunday Telegraph" ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, Gibson sei "selbstlos, hinreißend und tapfer". Und Gibson? Sie präsentierte sich stets großzügig, gab an, "einen Großteil" der Einnahmen, die sie mit ihrer Geschichte verdiente, an wohltätige Organisationen zu spenden, etwa an die Hilfsorganisation "Bumi Sehat Foundation", die sich für Geburtenhilfe einsetzt. Dort kam allerdings nie Geld an. "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir von Belle Gibson keine Spenden erhalten haben", erklärte eine Sprecherin der Hilfsorganisation nach Angaben der "Irishtimes". Gibson rechtfertigte sich mit der Antwort, dass die Einnahmen des App- und Buchgeschäfts zu hoch angesetzt gewesen seien, die Gelder erst dann fließen würden, wenn sich die Einnahmen stabilisiert hätten. Doch damit nicht genug.

Wie sich nun herausstellt, litt Belle Gibson nie an Leber-, Milz-, Blut- oder Gebärmutterkrebs. "Es ist schwer, sich einzugestehen, dass man vielleicht falsch lag", äußert sich die 23-Jährige dazu. Außerdem fühle sie sich "verwirrt", sei "nahezu beschämt". Dass sie offenbar gelogen hatte, will Gibson allerdings nicht zugeben. Stattdessen erklärte sie einer australischen Zeitung, ein Ärzteteam habe die fälschlichen Diagnosen gestellt.

Wo endet die Lüge, wo beginnt die Wahrheit?

Allerdings beharrt Gibson weiterhin darauf, an einem bösartigen Gehirntumor erkrankt gewesen zu sein, den sie mit alternativen Behandlungsmethoden geheilt haben will. Doch auch diese Theorie stellen Mediziner infrage. Andrew Kaye, Direktor der Neurochirurgie am Royal Melbourne Hospital sagt, es sei extrem ungewöhnlich, dass sich ein bösartiger Gehirntumor in der von Gibson beschriebenen Weise entwickle. Und auch Matthias Rostock, Leiter des Bereichs für Komplementärmedizin am Universitären Cancer Center des UKE, hält eine spontane Heilung für zumindest fragwürdig: "In derartigen Fällen würde man von einer sogenannten Spontan-Remission sprechen. Allerdings sind diese Ereignisse extrem selten." Und: "In meinen Augen ist es verantwortungslos, zu propagieren, allein mit alternativen Methoden Krebs heilen zu können. Komplementärmedizin kann ergänzend oft sehr hilfreich eingesetzt werden, aber in der Regel nicht als alleinige Maßnahme."

Auf Gibsons Instagram-Account wurden mittlerweile alle Fotos gelöscht, und auch Apple hat die App "Whole Pantry" aus dem Store entfernt.

Ilona Kriesl
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