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Silikonskandal alarmiert deutsche Behörde

Es ist eine beispiellose Aktion: In Frankreich sollen 30.000 Frauen ihre Brustimplantate entfernen lassen. In Deutschland rät die zuständige Behörde besorgten Frauen, ihren Arzt aufzusuchen.

  Corpus delicti: Sind die Brustimplantate gefährlich?

Corpus delicti: Sind die Brustimplantate gefährlich?

Die französische Regierung macht Ernst mit der erwogenen Rückrufaktion: Gesundheitsminister Xavier Bertrand hat 30.000 betroffenen Frauen empfohlen, sich ihre Billig-Silikonimplantate entfernen zu lassen - auch wenn die Regierung keine Gefahr eines erhöhten Krebsrisikos sieht. Die Empfehlung sei "rein vorsorglich und ohne Dringlichkeit", heißt es in einer Mitteilung auf der Website des Ministeriums. Eine solch staatlich initiierte Rückrufaktion ist im Bereich der Schönheitschirurgie beispiellos.

Betroffen sind Frauen, die sich minderwertige Einlagen des 2010 in Konkurs gegangenen Herstellers Poly Implant Prothèse PIP aus Südfrankreich zur Brustvergrößerung einsetzen ließen. Angeblich war das verwendete Silikon eigentlich zur Herstellung von Matratzen vorgesehen. In Deutschland sind die PIP-Produkte nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums seit April 2010 verboten. Ärzte wurden aufgefordert sich zu melden, sollten sie diese Implantate verwendet haben.

Auch in Deutschland Frauen betroffen

Die Zahl der Frauen, die in Deutschland solche Implantate erhalten haben, ist nicht bekannt. Doch das Thema beschäftigt auch hierzulande die zuständigen Behörden schon seit einiger Zeit. "Bundesweit wissen wir von 19 Fällen, bei denen Implantate des Herstellers PIP in der Brust gerissen waren", sagte der Sprecher des für die Risikoüberwachung von Medizinprodukten zuständigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Behörde hatte bereits 2010 vor Brustimplantaten der Firma PIP gewarnt.

"Sicher sind diese Implantate auch in Deutschland verwendet worden, aber in sehr kleinem Maßstab", sagt Sven von Saldern, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische und Plastische Chirurgie (DGÄPC). Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), der größte Berufsverband, glaubt zwar nicht, dass die gefährlichen Implantate in Deutschland ein so großes Problem sind wie in Frankreich. Aber: "Einige hundert Frauen sind davon in Deutschland vermutlich betroffen", sagt DGPRÄC-Präsident Peter Vogt.

Eine generelle Empfehlung, den Arzt aufzusuchen, gelte für Deutschland nicht, sagt der BfArM-Sprecher. "Uns sind bis jetzt keine Verdachtsfälle auf Krebs gemeldet worden." Möglicherweise schließt sich das Institut der generellen Empfehlung der französischen Behörden an, sollte sich das Risiko in dieser Form auch für Deutschland bestätigen. Wann eine entsprechende Entscheidung fallen wird, steht noch nicht fest.

Frauen, die ein solches Implantat haben und nun verunsichert sind, rät der Sprecher jedoch dazu, sich mit ihrem Arzt zu besprechen und die Risiken abklären zu lassen. "Keine Frau sollte jetzt in Panik verfallen. Aber eine rasche Aufklärung ist ganz wichtig", ergänzt der BfArM-Sprecher. "Wir sind in ernster Sorge um die Sicherheit der Patientinnen."

Angst vor "Zeitbomben im Körper"

Bei seiner Empfehlung ließ sich das Gesundheitsministerium in Paris von Experten des nationalen Krebsinstituts beraten, die allerdings keine erhöhte Krebsgefahr durch die Billig-Implantate feststellten. Sorge haben in Frankreich acht Fälle von Tumorerkrankungen bei Frauen ausgelöst, deren Implantate gerissen waren und sich im Körper verbreiteten.

Mehr als 2000 Frauen haben seit März 2010 in Frankreich gegen die PIP-Implantate vor Gericht geklagt. Bei einigen Frauen lösten undichte Prothesen Entzündungen im Körper aus. Etwa 500 Frauen haben sich bereits auf Raten ihrer Ärzte freiwillig ihre Silikon-Einlagen wieder herausoperieren lassen. Sie waren durch die Berichte verunsichert und wollten keine "Zeitbomben im Körper" haben. Das französische Gesundheitsministerium rät nun zur OP, selbst wenn die Silikonkissen noch keine Defekte oder Risse zeigen sollten.

Mit seiner Empfehlung hat der Staat auch die Pflicht übernommen, die Kosten für die Entfernung der PIP-Implantate zu übernehmen. Die Sozialversicherung zahlt in allen Fällen.

Kostenübernahme unklar

Wer die Kosten in Deutschland in einem Fall einer erneuten Operation übernimmt, ist nicht sicher. "Muss das Implantat nach einer Schönheits-OP wegen medizinischer Probleme entfernt werden, würde die Krankenkasse auf jeden Fall in Vorleistung gehen", sagt Marini vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Doch: Die Kosten könnten dem Versicherten nachträglich in Rechnung gestellt werden, da es sich beim Einsetzen des Implantates um einen selbst veranlassten Eingriff handle. Wer vorsorglich sein PIP-Implantat entfernen lassen will, muss gleich selbst zahlen.

Medienberichten zufolge wurden die Einlagen in etwa 80 Prozent aller Fälle bei reinen Schönheitsoperationen eingesetzt. In schicken Pariser Kliniken müssen Patientinnen für eine Brustvergrößerung oder -Verschönerung zwischen 4000 bis zu 8000 Euro hinblättern.

Auch in Großbritannien sind mehr als 250 Frauen mit PIP-Einlagen gegen Krankenhäuser und Ärzte vor Gericht gezogen. Als das Unternehmen 2010 in Konkurs ging, hat die französische Medikamentenbehörde eine "anormale Häufung" von schadhaften Prothesen festgestellt. Die Ermittler vermuteten, das Unternehmen habe seine Kosten reduzieren wollen und deshalb billiges Gel eingekauft haben, wodurch angeblich eine Million Euro pro Jahr eingespart worden seien. Exportiert wurden die Silikon-Kissen in mehr als 65 Länder, hauptsächlich jedoch nach Lateinamerika.

fw/lea/DPA/DPA
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