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Ausgebrannt und erschöpft

Sebastian Deisler, Sven Hannawald, Miriam Meckel - alle drei haben erfahren, wie sich bodenlose Leere anfühlt. Wie sie gehen Tausende Deutsche Stufe für Stufe dem Burnout entgegen. In frühen Stadien können Betroffene sich selbst helfen. Ist der Zustand totaler Erschöpfung erreicht, hilft nur noch eine Therapie.

Von Torben Müller

  Zeit- und Leistungsdruck, Multitasking, Ärger mit Kollegen, Probleme im Privatleben, all das kann zur totalen Erschöpfung führen

Zeit- und Leistungsdruck, Multitasking, Ärger mit Kollegen, Probleme im Privatleben, all das kann zur totalen Erschöpfung führen

  • Torsten Müller

Mit dem Stress und den Menschen ist es ein bisschen wie mit einem unglücklichen Liebespaar, das nicht voneinander lassen kann: Ohne einander geht es nicht, aber miteinander endet es auf Dauer in der Katastrophe. Wir brauchen diesen uralten Mechanismus, der tief in unserem Körper steckt. In angespannten Situationen macht er uns wach und stark, ursprünglich vor allem, um Gefahren zu erkennen und abzuwehren. Er versetzte unsere Ahnen in Alarmbereitschaft, wenn diese auf der Jagd Beute entdeckten oder sich gegen Feinde behaupten mussten. Heute hilft uns diese Fähigkeit, heranrasenden Autos auszuweichen, Aufgaben unter Druck gut zu erledigen und uns bei Prüfungen zu konzentrieren.

Das Stresssystem unserer Ahnen fuhr herunter, wenn der Bär erlegt oder die Flucht gelungen war. Der Mensch von heute ist dagegen Stressoren ausgesetzt, die ihn über lange Zeiträume belasten: steigende Anforderungen bei der Arbeit, Lärm, Verkehrsstaus und Familienprobleme. Weil unser Stresssystem aber nach wie vor im Steinzeittakt tickt, gerät es bei immer mehr Menschen aus dem Rhythmus und passt sich nicht mehr an die Belastung an, wenn diese abnimmt. Die Folge: Körper und Geist befinden sich ständig im Alarmzustand.

Anhaltende Anspannung begünstigt den Burnout

Chronischer Stress wirkt sich weitreichend auf Organismus und Psyche aus. Er kann das Herzinfarktrisiko verdreifachen, zudem steigt die Anfälligkeit für Infektionen und Allergien, und Magen-Darm-Beschwerden nehmen zu. Anhaltende Anspannung begünstigt Depressionen, Libidoverlust - und ein Burnout. Davon Betroffene fühlen sich oft müde und lustlos; die Arbeit wird zur Qual, und sie leiden unter dem Gefühl, in einem Hamsterrad zu stecken und nichts mehr kontrollieren zu können.

Noch diskutieren Forscher über eine Definition des Syndroms, das Manager genauso trifft wie Krankenschwestern, Lehrer und Hausfrauen. Bisher ist Burnout nicht offiziell als Krankheitsbezeichnung anerkannt, deshalb weichen Ärzte bei der Abrechnung auf verwandte Begriffe wie Depression und Anpassungsstörung aus. Unstrittig ist aber, dass das Ausgebranntsein mehr als nur eine Modediagnose für verweichlichte Leistungsverweigerer darstellt.

Immer häufiger fallen Arbeitnehmer wegen einschlägiger Beschwerden aus: Nach einer Erhebung der Techniker Krankenkasse stieg die Zahl der Krankschreibungen wegen typischer Burnout-Symptome in den vergangenen fünf Jahren um 17 Prozent. 2008 waren rund 40.000 Angestellte deshalb sogar während des gesamten Jahres von der Arbeit freigestellt. "Es kommen zunehmend mehr ausgebrannte Menschen zu uns", bestätigt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. "Die Zahl der Fälle steigt, weil vor allem der Druck im Arbeitsleben zunimmt."

Merkmale des Krankheitsbildes

Burnout hat viele Gesichter: Fachleute nennen bis zu 130 Anzeichen, die das Phänomen auslösen kann. Dabei kennzeichnen drei zentrale Merkmale das Krankheitsbild:

  • anhaltende emotionale Erschöpfung,
  • das Gefühl, dass die eigene Arbeit ineffektiv und sinnlos geworden ist, sowie
  • der Widerwille gegen die Menschen, die einem am Arbeitsplatz begegnen.

In vielen Fällen brennen Menschen aus, die unter Überlastung leiden und den Stress nicht mehr in der Freizeit abbauen können. Zeit- und Leistungsdruck, Multitasking, Ärger mit Kollegen, Probleme im Privatleben, all das kann zur totalen Erschöpfung führen. Aber auch dauerhafte Unterforderung kann einen Menschen ins Burnout treiben. Wenn Routine und Langeweile den Arbeitsalltag prägen, eigene Entscheidungen und Meinungen nicht gefragt sind und Kreativität nicht ausgelebt werden kann, leiden vor allem qualifizierte und ehrgeizige Mitarbeiter.

Ob ein Mensch ein Burnout erleidet, hängt allerdings auch von seiner Persönlichkeit ab. Groß ist das Risiko für Männer und Frauen, die auf unterschiedliche Herausforderungen immer mit demselben Handlungsmuster reagieren. Perfektionisten zum Beispiel, die keinen Makel ertragen, und Idealisten, die sich unerreichbare Ziele setzen. Auch Arbeitstiere, die Aufgaben gern unter Druck erledigen, ihre Umwelt kontrollieren und schlecht delegieren können, sind gefährdet. Seltener brennen Menschen aus, die sich in der Freizeit engagieren, aber auch regelmäßig abschalten; die sich Veränderungen nicht verschließen und überzeugt sind, dass sie Einfluss auf das haben, was in Beruf und Familie geschieht.

"Wie schnell ein Mensch den Zustand totaler Erschöpfung erreicht, hängt unter anderem vom Ausmaß der Belastung und seiner Einstellung dazu ab", sagt Heuser. "Eine Lehrerin, die von ihren Schülern nicht akzeptiert und von ihren Kollegen nicht unterstützt wird, ist womöglich schon nach anderthalb Jahren am Ende. Dagegen kam ein selbstständiger Handwerker, der sein Geschäft trotz hoher Belastung mit viel Elan betrieb, weil er sich selbstbestimmt fühlte, erst nach mehr als zwölf Jahren zu uns."

Gegen Folgen von Dauerstresses hilft vor allem: aufmerksam sein

Nach der Theorie des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers Herbert Freudenberger und seiner Kollegin Gail North führen gewöhnlich zwölf Stufen in das Verderben (siehe Fotostrecke). Danach engagieren sich Betroffene häufig zu Beginn im Job sehr stark und vernachlässigen private Bedürfnisse. Sie treffen ihre Freunde nicht mehr, spannen nicht mehr aus, schwänzen den Sport. Wird ihnen der Konflikt bewusst, verleugnen sie die Überlastung. Sie arbeiten nicht mehr zuverlässig, doch werden sie kritisiert, empfinden sie das als Angriff auf ihre Person. Und so ziehen sie sich weitgehend aus dem Arbeitsgeschehen zurück, fühlen sich nutzlos und leer, bis sie in der völligen Erschöpfung enden. In diesem Stadium sind Betroffene oft selbstmordgefährdet.

Gegen Burnout und andere Folgen des Dauerstresses hilft vor allem erst einmal eins: aufmerksam sein. Welche Stressoren belasten mich? Wie gehe ich damit um? Gönne ich mir genug Ausgleich? Schaffe ich es, mich zu entspannen? Welche Bedürfnisse habe ich außerhalb der Arbeit? Was ist mir im Leben wichtig? Diese Fragen sollten sich gefährdete Personen stellen. Mit Aufmerksamkeit lassen sich auch erste Anzeichen des Ausbrennens leichter erkennen: Wenn der Kreislauf schon morgens auf 180 läuft; wenn man oft grundlos schwitzt und unter Kopfschmerzen leidet. Oder wenn man sich zunehmend hilflos fühlt und fürchtet, dass einem alles über den Kopf wächst.

In vielen Fällen hilft es Stressgeplagten bereits, mehrmals pro Woche Sport zu treiben und regelmäßig Entspannungstechniken anzuwenden. Oft müssen aber zusätzlich die Arbeits- und Lebensgewohnheiten verändert werden. Dazu gehört, sich auch zufriedenzugeben, wenn man nur 80 Prozent des Pensums geschafft hat, Freizeit bewusst in den Alltag einzuplanen und die eigenen Grenzen zu beachten. Kann sich der Betroffene nicht mehr selbst aus der Abwärtsspirale befreien, braucht er professionelle Hilfe. "Dafür sollte er zunächst mit seinem Haus- oder Betriebsarzt sprechen", rät der Hamburger Psychologieprofessor Matthias Burisch. "Das weitere Vorgehen ist dann allerdings normalerweise Sache von Psychologen." Entscheidend ist, dass der Hausarzt die Symptome auf den Stress zurückführt. Sonst werden womöglich körperliche Beschwerden über Jahre mit Medikamenten behandelt, während die eigentliche Ursache unangetastet bleibt.

Behandlung von Burnout-Patienten

Behandelt werden Burnout-Patienten ambulant von niedergelassenen Psychotherapeuten oder stationär im Krankenhaus. Mittlerweile bieten Tageskliniken auch ambulante Programme an. Bei der Auswahl eines Therapeuten oder einer Klinik müssen sich Betroffene auf ihr Bauchgefühl oder Empfehlungen verlassen. "Bei niedergelassenen Behandlern bezahlen die Kassen mehrere Probestunden, bevor man sich festlegen muss", sagt Burisch. "Das sollte man auch ausnutzen." Möchte der Patient in eine Klinik gehen, sollte er dort erst nachfragen, ob und wie viele Psychotherapiestunden angeboten werden. Burisch: "Drei bis vier Sitzungen pro Woche, einzeln oder in einer Gruppe, sollten es mindestens sein."

Isabella Heuser rät, zunächst den Behandlungsplan mit dem Therapeuten zu besprechen und kritisch zu bewerten. "Viele nehmen die Behandlung einfach hin, dabei würden sie sicher auch nicht jedes Medikament unbesehen schlucken." Patienten sollten folgende Fragen stellen: Wie lange dauert die Therapie? Mit welcher Wirkung und welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Gute Stressbehandlungen bauen nicht nur auf eine Methode, sondern kombinieren Verfahren aus Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und systemischer Analyse. So können Traumatisierungen aufgespürt, neue Handlungsweisen aufgezeigt und Stressverstärker in Freundeskreis und Familie erkannt werden. Der Therapeut sollte nicht nach einem Standardplan vorgehen, sondern sein Handeln am Einzelfall ausrichten. Denn die Gründe für Dauerstress und Burnout sind zu vielfältig, um ihnen mit Methoden nach Schema F zu begegnen.

In einer idealen Behandlung lernt der Patient, Überforderung aktiv vorzubeugen und sich bewusst freie Zeit zu nehmen. Zudem erkennt er, wie innere Antreiber wie zum Beispiel Fleiß und Ehrgeiz sein Überlastungsgefühl verstärken. So kann er Stressfallen frühzeitig erkennen und gegensteuern. Das ist für die Betroffenen in der Therapie oft harte Arbeit. Aber eine, die sich auszahlt. Beim Burnout reicht es nämlich nicht aus, ein paar Wochen im Wellness-Hotel die Beine hochzulegen. Sonst fängt das alte Spiel anschließend einfach wieder von vorn an.

Mitarbeit: Antje Brunnabend/GesundLeben

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