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Forscher warnen vor dem schnellen Griff zu Pillen

Weltweit zählen Cholesterinsenker zu den meistverkauften Medikamenten. Millionen Menschen schlucken sie, um ihre Blutwerte zu verbessern. In vielen Fällen sei der Nutzen allerdings nicht erwiesen, warnen Wissenschaftler nun.

Von Lea Wolz

  Ist der Cholesterinwert erhöht, sollte Menschen ohne Herzkreislaufprobleme nicht gleich Statine schlucken

Ist der Cholesterinwert erhöht, sollte Menschen ohne Herzkreislaufprobleme nicht gleich Statine schlucken

Der Markt ist groß: Laut aktuellem Arzneiverordnungsreport wurden im Jahr 2009 in Deutschland so viele Mittel aus der Gruppe der Statine verschrieben, dass 3,8 Millionen Menschen täglich damit behandelt werden konnten. Die Pillen sollen den Cholesterinspiegel senken. Denn zu viel Cholesterin im Blut gilt als gefährlich: Der Stoff, der ein lebenswichtiger Bestandteil unserer Körperzellen ist, kann Arterien verkalken lassen und so zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Wer auffällige Blutfettwerte hat, dem verschreiben Ärzte in Deutschland daher gerne schnell Medikamente, um Herzkrankheiten vorzubeugen. Eine große Untersuchung kommt nun allerdings zu dem Schluss, dass der Nutzen der Einnahme in vielen Fällen fraglich ist.

"Die weit verbreitete Einnahme von Statinen bei Menschen ohne Herzkreislaufproblemen ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt", schreiben Forscher um Fiona Taylor von der "Cochrane Heart Group" an der London School of Hygiene and Tropical Medicine in ihrer Meta-Analyse. Dafür untersuchten die Wissenschaftler 14 Studien mit insgesamt mehr als 34.000 Teilnehmern. Ein Teil von ihnen hatte Statine bekommen, einem anderen Teil wurde ein Scheinpräparat verordnet. Acht Studien lieferten zudem Daten, wie sich die Einnahme von Statinen auf die Anzahl der Todesfälle auswirkte. Der Effekt war demnach nur gering. Statt neun starben acht von 1000 Menschen jährlich, wenn sie die Cholesterinsenker schluckten. Neben der Sterblichkeit sank auch die Anzahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Studien von der Industrie finanziert

Dennoch warnen die Wissenschaftler: Selbst der geringe Nutzen könnte zu groß eingestuft sein. 13 der 14 untersuchten Studien waren von der Industrie finanziert. Das berge die Gefahr, dass in diesen Studien eher positive Ergebnisse verbreitet würden, sagt Taylor: "Die Anzahl der Menschen, die für eine Behandlung mit Statinen in Frage kommen, ist groß. Daher mag es Gründe geben, Studien vorzeitig abzubrechen, wenn Zwischenergebnisse günstig ausfallen. "

In manchen Fällen könnte der Schaden sogar den Nutzen überwiegen, befürchten die Forscher. Auf die Nebenwirkungen von Statinen hatten andere Wissenschaftler bereits in einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie im "British Medical Journal" hingewiesen. Demnach führte die Einnahme der Cholesterinsenker in einigen Fällen zu Leberproblemen, Nierenversagen oder Muskelschwäche.

Auf andere Risikofaktoren achten

Auch der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen "Arznei-Telegramm" geht davon aus, dass zu viele Menschen Cholesterinsenker schlucken. "Je nachdem, wie man die Grenzwerte ansetzt, sind die Arzneimittel für Volkskrankheiten wie erhöhter Blutzucker, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfette natürlich ein riesiger Markt." Momentan gilt für Cholesterin im Blut ein Grenzwert von weniger als 200 Milligramm pro Deziliter. "Wobei eine Tendenz feststellbar ist, diesen Wert immer weiter zu senken", sagt Becker-Brüser.

Der Mediziner warnt vor einer vorschnellen Einnahme von Statinen. "Bevor bei einem erhöhten Cholesterinwert gleich Pillen genommen werden, sollte man erst einmal schauen, welche Risikofaktoren es noch gibt." Denn nicht nur ein hoher Cholesterinspiegel lässt die Wahrscheinlichkeit ansteigen, einen Herzinfarkt zu erleiden: Auch Rauchen, Übergewicht und Diabetes wirken sich darauf aus.

Lebensstil umstellen

"Sind solche Risikofaktoren vorhanden und liegt eine Herzerkrankung vor, ist es sinnvoll, ein Medikament einzunehmen, das den Cholesterinwert senkt", sagt Becker-Brüser. Besonders für die Wirkstoffe Pravastatin und Simvastatin sei der Nutzen in diesem Fall belegt. "Ansonsten ist es generell zwar ratsam, auf das Cholesterin zu achten, ich würde aber nicht reflexartig bei jedem hohen Wert zu Pillen greifen."

Um die Cholesterinwerte im Blut zu senken, sind auch nicht gleich Medikamente nötig. Mitunter hilft schon eine Umstellung der Ernährung oder mehr Bewegung. "Es hat keinen Sinn, wenn ich mich mit Sahnetorte und Pommes ernähre und dann Pillen schlucke, um meine Blutfette zu verbessern", sagt Becker-Brüser.

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