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Interview

"Crystal Meth ist ein Höllenzeug"

Tom Kirschner hat viele Drogen genommen, darunter auch Crystal. Heute ist der 38-Jährige clean und klärt Jugendliche über die Gefahren der Modedroge auf, die sein Leben fast zerstört hätte.

Von Lea Wolz

  Tom Kirschner hat es geschafft. Seit mehr als zehn Jahren ist er clean.

Tom Kirschner hat es geschafft. Seit mehr als zehn Jahren ist er clean.

Herr Kirschner, Crystal Meth gilt als die gefährlichste Droge der Gegenwart. Wann haben Sie den Stoff zum ersten Mal konsumiert?
Das war 1999. Ich komme ursprünglich aus Thüringen, im Osten war Crystal weiter verbreitet als hier. Daher habe ich es ziemlich früh kennengelernt, obwohl der Stoff am Ende meiner Drogenkarriere stand. Ich habe über viele Jahre hinweg Drogen genommen. Meinen ersten Vollrausch hatte ich mit zwölf Jahren, damals habe ich auch angefangen zu rauchen. Später kam das Kiffen dazu, Ecstasy, Haschisch, Speed. Zum Schluss habe ich selbst Drogen verkauft. Über den Dealer, der mir damals den Stoff lieferte, habe ich Crystal kennengelernt.

Warum haben Sie zu Crystal gegriffen?
Weil diese Droge alles miteinander vereint hat, was ich damals gut fand. Für wenig Geld konnte ich einen Kick erreichen, der die Wirkungen aller anderen Stoffe in sich vereinte. Ähnlich wie bei LSD kam ich auf einen Trip, wie bei Ecstasy wurde der Körper aufgeputscht. Zudem reicht der Crystal-Vorrat sehr lange, da man nur wenig davon braucht, um einen Effekt zu erzielen. Aber das Verlangen, unbedingt nachlegen zu müssen, ist bei diesem Stoff unheimlich stark. Man wird sehr schnell abhängig. Das habe ich bei keiner anderen Droge so extrem erlebt. Crystal ist absolut gefährlich, ein Höllenzeug. Zum Schluss habe ich es fast täglich konsumiert.

Was hat die Droge mit Ihnen und Ihrem Körper gemacht?
Crystal hat mich aufgeputscht, es macht unheimlich wach und aktiv, die Gefühle werden intensiver. Doch es bringt den Körper auch schnell an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Ich hatte enormen Schlafentzug, irgendwann kamen Ängste hinzu, paranoide Wahnzustände. Ich litt unter Verfolgungswahn, habe mich zu Hause eingeschlossen, die Rollläden heruntergelassen.

Der körperliche Verfall ist erschreckend: Meine Zähne haben gelitten und wurden brüchig, ich war regelrecht ausgehungert. Ich habe das alles zwar wahrgenommen, aber es schmerzte nicht. Daher habe ich weitergemacht, mich selbst zerstört. Zum Schluss wog ich 58 Kilo. Auch die sozialen Probleme nehmen zu: Ich habe Menschen vor den Kopf gestoßen, die ich nicht verletzen wollte. Ich hatte Ärger mit der Polizei, habe meinen Führerschein verloren. Crystal hat mir einen Haufen Probleme und körperliche Schäden gebracht.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?
Kurz vor dem Ausstieg habe ich viele Drogen verkauft und auch genommen, da ich ausreichend Stoff hatte. Dann kamen Probleme mit der Polizei und Probleme mit der Szene. Ich bin an die falschen Leute geraten, die haben mich abgezogen, mir Geld und Drogen weggenommen. Mir blieb ein Haufen Schulden bei meinem Dealer und die Ahnung, dass die Polizei mich schon im Visier hatte. Es gab nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder ganz abstürzen oder raus. Der Rest Vernunft hat mich auf den richtigen Weg gebracht.

Hatten Sie Hilfe?
Meine damalige Freundin, die Mutter meiner Tochter, war bereits vor mir in der Drogenberatung. Sie hat mich dorthin gebracht. Ich hatte viele Einzelgespräche und besuchte jeden Tag ambulant eine Gruppe. Das alles waren Anker, die mir halfen, von der Szene loszukommen. 2002 bin ich nach München gezogen, die räumliche Entfernung war ebenfalls hilfreich. Letztlich hat es auch geklappt: Am 23.7.2001 habe ich aufgehört, seitdem bin ich clean.

Gab es kritische Momente?
Klar, die gibt es auch immer wieder. Wenn man schlechte Phasen im Leben hat, kommt der Gedanke: Damals gab es doch etwas, das dabei half, zu verdrängen. Die Sucht ist ein Leben lang da. Gefährdet ist man immer. Die Frage ist, ob man sich dem hingibt oder widersteht. Für mich ist klar: Ich brauch das Zeug nicht mehr.

Sie führen heute ein normales Leben?
Ja, ich habe einen ganz normalen Alltag, einen festen Job als Krankenpfleger in einer Klinik und zwei Kinder. Diese sehe ich leider nur alle zwei Wochen, da die Mutter und ich getrennt leben. Aber ich habe Verantwortung übernommen und setze diese sicher nicht leichtfertig aufs Spiel. In München habe ich das Abi nachgeholt, mein nächstes Ziel ist es, Soziale Arbeit zu studieren.

Zusätzlich zu Ihrem Job arbeiten sie ehrenamtlich bei "Mindzone", einem Münchner Projekt, das Drogenmissbrauch vorbeugen will, durch gezielte Information und Beratung. Merken Sie in Ihrem Alltag, dass Crystal auf dem Vormarsch ist?
Ich selbst habe das Gefühl, es ist schon länger da – es wurde nur nicht so publik. Aber das mag auch daran liegen, dass ich schon früh damit in Berührung kam.

Wer kommt zu Ihnen in die Suchtberatung?
Wir von "Mindzone" sehen uns nicht in erster Linie als Beratungsstelle. Wir informieren und vermitteln bei Bedarf an weiterführende Stellen. Meine Kollegen und ich sind in der Partyszene unterwegs, an Stellen, an denen man weiß oder vermutet, dass Drogen konsumiert werden. Dort sind wir Ehrenamtliche und eine Präventionsfachkraft mit einem Info-Stand vor Ort als erste Anlaufstelle. Wir versuchen, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Unsere Zielgruppe ist zwischen 18 und 25 Jahre alt, also Erwachsene, die eigentlich selbst wissen müssten, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Von anderen Beratungsstellen oder ähnlichen Projekten wie "Mindzone" höre ich zwar, dass die Crystal-Konsumenten immer jünger werden. Ich selbst kann das allerdings nicht bestätigen.

Ist Crystal denn in solchen Clubs die Droge, die am meisten gehandelt wird?
Ich selbst erlebe das nicht so krass. Die typischen Crystal-Gesichter sieht man da nicht so häufig. Es sind eher andere aufputschende Drogen, die dort konsumiert werden. Viele, die Crystal einmal genommen haben, sagen auch, dass es für sie nicht noch einmal infrage käme. Einfach weil es zu krass war, sie haben regelrecht Horror vor dem Stoff.

Was raten Sie Jugendlichen, die mit Crystal in Berührung kommen?
Ich erzähle ihnen aus meinem Leben, warum ich angefangen habe, wie der Absturz kam. Ich habe damals zu Drogen gegriffen, weil ich keine Perspektive hatte. Es gab keine Jobs, ich war ohne Ausbildung, ein Sozialfall. Mit meiner Geschichte versuche ich, Denkanstöße zu geben. Und deutlich zu machen, dass Crystal ein Zeug ist, dass der Teufel erfunden hat.

Was raten Sie Eltern?
Meine Mutter hat immer gesagt: "Ich sehe, dass es dir scheiße geht. Ich mache mir Sorgen. Aber egal was passiert, ich bin da." Das war das Einzige, was bei mir ankam. Darauf konnte ich zurückgreifen und hatte einen Anker. Mein Beispiel zeigt auch: Wer will, kann aufhören, ich habe es ja auch geschafft. Ich brauchte zwar einen derben Stoß in die richtige Richtung. Aber als der Antrieb und der Wille da waren, hat es geklappt.

Dieses Interview ist erstmals am 16.07.2014 erschienen und liegt hier in einer aktualisierten Fassung vor.


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