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Was ist dran an der Darmdiät?

Mit der richtigen Darmflora ganz einfach abnehmen - das verspricht ein Diät-Trend. Wie genau soll das funktionieren?

Von Hanno Charisius

Abnehmen mit der richtigen Bakterienbesiedlung im Darm? Das versprechen neue Ratgeber-Bücher.

Abnehmen mit der richtigen Bakterienbesiedlung im Darm? Das versprechen neue Ratgeber-Bücher.

Wirklich allein sind wir nie. Wo immer wir hingehen, stets werden wir von mikroskopisch kleinen Mitbewohnern begleitet. Geschätzt 100 Billionen Bakterien leben auf und vor allem im Körper des Menschen, die meisten tummeln sich im Verdauungstrakt. Keine Bange - die allerwenigsten davon machen uns krank. Die große Mehrheit der Bakterien sind harmlose Nutznießer ihrer menschlichen Wirte, viele sind sogar hilfreich. Manche Mikroben trainieren zum Beispiel das Immunsystem und verhindern, dass sich Krankheitskeime ausbreiten können. Andere produzieren lebenswichtige Nährstoffe wie zum Beispiel Vitamine.

An der Verdauung sind Bakterien ebenfalls beteiligt. Wir sind also auch beim Essen nicht allein. Seit Kurzem stehen manche Mikroben jedoch im Verdacht, dick zu machen. Sie scheinen mit dafür verantwortlich zu sein, ob wir gute oder schlechte Futterverwerter sind. Selbst wenn ihr Beitrag nur sehr klein ist: Über die Jahre hinweg könnten sich ein paar Kalorien mehr Ausbeute pro Tag zu stattlichen Fettpolstern ansammeln. Vor gut zehn Jahren hat ein Experiment an Mäusen zum ersten Mal gezeigt, wie groß der Einfluss von Mikroben auf die Energiebilanz ist. Mäuse, die vollkommen frei von Bakterien aufgezogen wurden, fraßen ein Drittel mehr Futter als Tiere mit einer normalen Mikrobenbesiedelung im Darm - und hatten dennoch deutlich weniger Fett unter dem Fell. Erst nachdem die sterilen Tiere mit Bakterien besiedelt worden waren, näherte sich ihr Gewicht dem der normal aufgewachsenen Labormäuse an.

Manche Maus legte schneller an Gewicht zu

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass es auch von der Zusammensetzung der Wohngemeinschaft im Darm abhängt, wie viel Energie der Wirt aus der zugeführten Nahrung beziehen kann. Unter bestimmten Bedingungen versorgen uns unsere Bakterien offenbar mit mehr Energie, als gesund ist. Ein wegweisendes Experiment dazu wurde vor einigen Jahren im Labor von Jeffrey Gordon an der Washington University School of Medicine in St. Louis, Missouri, durchgeführt. Gordon ist einer der wichtigsten Wegbereiter der Mikrobenforschung, seine Arbeitsgruppe hat erstaunliche Details zutage gefördert. Dieses Mal spürten seine Mitarbeiter vier weibliche Zwillingspaare auf, von denen je eine Schwester starkes Übergewicht hatte und die andere normalgewichtig war. Sie baten jede der Frauen um eine Stuhlprobe und besiedelten mit den daraus gewonnenen Darmbakterien keimfrei aufgezogene Mäuse.

Die Nager, die Bakterien von einem übergewichtigen Zwilling bekommen hatten, legten deutlich schneller an Gewicht zu als die Tiere, die Bakterien von der normalgewichtigen Schwester erhalten hatten - obwohl die dicken Tiere nur wenig mehr fraßen als die schlanken. Als Erklärung kamen nur die unterschiedlichen Bakterienmischungen infrage.

Im Darm der übergewichtigen Frauen, so stellte sich heraus, lebten deutlich weniger Bakterienarten als im Verdauungstrakt ihrer schlanken Zwillingsschwestern. Als die Forscher die zuvor getrennt gehaltenen Mäuse zusammen in einen Käfig steckten, machten sie eine erstaunliche Beobachtung: Die artenreiche Bakterienmischung der schlanken Tiere ging auf die dicken über, und mit der Zeit verloren diese an Gewicht. Das funktionierte allerdings nur, wenn die Tiere ballaststoffreiches, fettarmes Futter bekamen.

Simple Versprechen

Unter anderem auf diesem Tierversuch basiert das Konzept der neuen Bakteriendiäten. Denn noch bevor die Wissenschaft den Zusammenhang von Bakterien und Übergewicht genauer ergründen kann, drängen bereits etliche Ratgeber auf den Markt. Man müsse nur die Mikroben richtig behandeln und die Bakterienvielfalt wiederherstellen, dann könne man ganz einfach abnehmen, behaupten die Verfechter solcher Diäten. Manche versprechen gar, dass man bis zu zehn Prozent mehr Kalorien pro Tag verbrauche, wenn man die eigenen Darmbakterien mit der richtigen Ernährung bändige.

Spitzfindig fischen manche Autoren einzelne Bakteriennamen aus den wissenschaftlichen Publikationen. Diesen Arten werden spezielle Eigenschaften zugeschrieben, zum Beispiel dass sie entweder besonders viel Energie aus der Nahrung ziehen können und damit das Risiko für Fettdepots steigern, oder dass sie diese Fertigkeiten eben nicht haben und "Schlankbakterien" sind.

Durch eine Ernährungsumstellung solle es möglich sein, die vermeintlichen Schlankmacher zum Wachstum anzuregen und die übrigen zu bremsen. So verführerisch diese Idee scheint - Beweise, dass so etwas beim Menschen funktionieren könnte, gibt es bislang nicht. Die meisten Forscher bezweifeln zudem, dass die verschiedenen Bakterienarten jeweils nur eine Aufgabe im Verdauungstrakt haben. Manche Firmicutes-Bakterien etwa sind spezialisiert darauf, Energie aus Pflanzenresten zu ziehen, mit denen sich andere Mikroben gar nicht mehr abgeben. Es wäre allerdings leichtfertig, auf ihre Dienste zu verzichten. Denn sie wandeln die für den Menschen unverdaulichen Ballaststoffe in Substanzen um, die dem Körper zwar viel Energie zuführen, aber zugleich auch vor Darmentzündungen und wahrscheinlich sogar vor manchen Krebsarten schützen. Die Firmicutes am Wachsen zu hindern ist deshalb vielleicht doch keine so gute Idee.

Vielfalt ist gut

An einem Punkt herrscht unter Mikrobenforschern mittlerweile weitgehend Einigkeit: Eine artenreiche Lebensgemeinschaft im Darm gilt als förderlicher für die Gesundheit als eine artenarme - nicht nur in Bezug auf das Körpergewicht.  Artenreichtum kommt auch dem Immunsystem zugute und schützt vor entzündlichen Leiden. 

Viele Wissenschaftler betrachten den Darm inzwischen als ein Ökosystem, das geschützt werden sollte. In dem vermutlich jeder Bewohner seinen Platz und seine speziellen Aufgaben hat. Sterile Industrienahrung, keimtötende Arzneimittel wie Antibiotika oder desinfizierende Reinigungsmittel bedrohen dieses vielfältige Leben in uns, weshalb die Forscher Zurückhaltung empfehlen. Sonst könnten Krankheiten begünstigt werden wie Autoimmunleiden, Übergewicht und Stoffwechselstörungen, Asthma, Allergien, Infektionen, womöglich auch Herzleiden oder Autismus. So zumindest lautet eine Hypothese, die immer mehr Anhänger findet.

Einer von ihnen ist Martin Blaser, der gerade von der Redaktion des Time Magazine zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahres gewählt wurde. Hartnäckig verweist der New Yorker Mediziner auf den maßlosen Gebrauch von Antibiotika und anderen keimtötenden Mitteln. In einer Studie fand er heraus, dass Antibiotika Mäuse dick machen können. Ob dies so auch bei Menschen passiert, ist unklar.

In einer weiteren Studie wies Blaser jedoch nach, dass Kinder, die in den ersten Lebensmonaten mehrfach Antibiotika bekommen hatten, häufiger Übergewicht und Allergien haben. "Man sollte Arzneimittel und Hygiene dennoch nicht verdammen“, sagt der Mikrobiologe Jens Walter von der University of Alberta. Ganz falsch könne der westliche Lebensstil nicht sein: "Die Lebenserwartung ist schließlich deutlich höher als im Regenwald."

Können wir die schädlichen Einflüsse unserer Lebensweise ausgleichen? Guten Gewissens kann Walter lediglich zu einer abwechslungsreichen Kost mit hohem Pflanzenanteil raten. Die Ballaststoffe darin bilden einen guten Nährboden für die verschiedensten Bakterien. "Außerdem sollten Sie möglichst wenig industriell verarbeitete Nahrungsmittel essen. Und den Einsatz von Arznei- und Desinfektionsmitteln auf das Nötigste beschränken."

Der Artikel stammt aus "Gesund Leben", das aktuelle Heft finden Sie hier.

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