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Ein Ort namens Unterwegs

Wege stehen mir im Weg, sagt Tobi Katze. Sogar die zwei Minuten Fußweg in seine Lieblingskneipe sind in depressiven Phasen unüberwindbar, der Ratschlag "einfach mal vor die Tür zu gehen" super - aber kaum umsetzbar.

Der Weg ist das Ziel. Und man soll sich ja nicht zu hohe Ziele stecken.
Sonst heißt es eher: der Weg ist das Problem.
Viele der guten Ratschläge an Depressive wie mich beinhalten nach wie vor die Botschaft „doch mal vor die Tür“ zu gehen. Nach draußen.
Das ist super. Ich weiß das. Aber ich schaffe es nie bis dahin. Weil die Depression Wege zu Hindernissen macht. Türen zu Mauern. Das Unterwegs zu einem Ort statt einer Straße.

Ich scheitere an Distanzen im Kopf.
Wege sind nicht nur Raum zwischen zwei Orten, den es zu überbrücken gilt. Wege sind für mich wirkliche Hindernisse. Vielleicht, weil da am Ende etwas wartet. Mag sein. Ich weiß es nicht.

Ich kann Dinge nie als Teilstücke begreifen

Das muss man wohl erklären. Für viele – ist ein Weg irgendwo hin schlichtweg Teil von etwas. Kinobesuch, zum Beispiel. Dass man da hin fährt – ist logisch. Das ist darin enthalten. Anreise inklusive, sozusagen. Kinobesuche machen Spaß. Also macht man das.
Ich – kann das nicht. Ich kann das nicht so sehen. Was für euch ein Kinobesuch ist, das sind für mich zwei Unternehmungen. Einen Film im Kino sehen. Und eben hinfahren.
Wege – stehen mir im Weg.

Fuck, ich schaffe es meist nicht einmal in meine Lieblingskneipe, in welcher wahnsinnig viele Menschen abhängen. Es tut mir gut, dort zu sein. Das weiß ich aus Erfahrung. Das fühlt sich frei an und leicht und so lebendig. Als wäre ich ein richtiger Mensch.
Das sind zwei Minuten. Zu Fuß.

Es könnten aber auch 10.000 sein.

Diese zwei Minuten Fußweg liegen zwischen mir und dem lebendig sein wie ein großer, kalter Block aus Eis. Ich kann hindurchsehen, aber er ist trotzdem ein unüberwindbares Hindernis. Ich kann da nicht drüber klettern, ich müsste durch, und das ist der harte Teil am „vor die Tür gehen.“

Vor der Tür sein – ist easy. Aber das ist es, was bei mir häufig nicht verstanden wird. Natur tut mir gut. Menschen tun mir – manchmal – gut. Urlaub tut mir gut. Aber ich komme da schlicht nicht hin. Weil für mich die Wege dorthin eben nicht einfach mit dazugehören und nur ein Mittel zum Zweck sind, eine beiläufige Unannehmlichkeit, die man eben in Kauf nimmt.

Für mich sind Wege separate Unternehmungen.

Und deren einziger Inhalt ist die Spekulation darüber, was am Ende wohl alles schiefgehen könnte. Es wird zu voll sein, zu laut, zu schlecht, zu irgendwas. Ein Weg ist für mich nur Anforderung – ohne Gewinn. Meine Wege haben kein Ziel, weil sie nichts miteinander verbinden. Sie liegen zwischen zwei Dingen, zwischen Orten, Situationen, Menschen.
Und das macht es so schwer und kraftraubend für mich, sie zu gehen.

Mein Herz kann nicht erfassen, dass dahinter Dinge liegen, für die es sich zu gehen lohnt. Mein Kopf kann das. Aber mein Herz, das meine Beine umklammert und mich festhält, das will nicht getragen werden durch diese ganzen sinnlosen Wege hindurch. Das will nur da sein.

Also bleibt es, wo es ist. Gemeinsam mit mir. Zu Haus. Und manchmal hasse ich es dafür.

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