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Hobbykeller

Wie geht man in einer Partnerschaft mit einer Depression um? Offen, sagt Tobi Katze. Und ohne falsche Scheu. Er und seine Partnerin behandeln die Depression ein wenig wie ein Hobby, ein langweiliges.

Du, ich hasse gerade alles und muss fast heulen bei dem Gedanken daran, jetzt mit dir in diese Strandbar zu gehen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich hab Panik und kann das nicht. Weil die Welt so sinnlos ist.
Okay. Bis später, Süßer.
Wir lieben uns. Trotz Depression.

Es ist jetzt nicht direkt einfach, gebe ich zu, aber es ist auch nicht der fleischgewordene Höllentrip, der einem da immer gerne ausgemalt wird. Beziehung und Depression – jau, das kann gehen. Wenn beide Seiten gut kommunizieren.

Ich habe vor einiger Zeit etwas darüber geschrieben, wie man generell mit depressiven Menschen umgehen könnte. Da in letzter Zeit vermehrt Artikel zum Thema auftauchen, wie man eine Beziehung mit einem depressiven Menschen führt – dachte ich: Da stehen ja ein paar nette Gedanken drin. Aber wie macht man das konkret?
Dinge gelten erstaunlich oft für beide „Seiten“. Das mit der Akzeptanz, zum Beispiel.

Zu akzeptieren, dass der Partner eine schwere Krankheit hat – ist nicht leicht, wenn man sie nicht „sieht.“

Noch schwieriger als Akzeptanz ist allerdings das, was danach kommt. Leben mit dem Wissen, dass der Partner eine schwere Krankheit hat. Eventuell suizidgefährdet ist. Wie geht das?

Ich musste nur wissen, dass ich mir keine Sorgen machen muss, dass du dir was antust. Dass ich dich allein lassen kann, ohne, dass du auf dumme Gedanken kommst“, sagte meine Partnerin mal.

Yeah. Genau der Scheiß, über den frisch Verliebte unbedingt reden wollen. Das ist sexy.
Muss aber gemacht werden. Und wo ich so drüber nachdenke – klar. ICH bin ja die ganze Zeit bei mir. ICH weiß ja, was in meinem Kopf vorgeht.
Meine Partnerin allerdings – muss darauf vertrauen, dass sie mir vertrauen kann.
Wir haben lernen müssen, offen zu kommunizieren. Und mit offen meine ich OFFEN.

Und mit dieser Offenheit, die am Anfang wirklich kein Zuckerschlecken war – damit kamen wir an einen verblüffenden Punkt. Die Depression wurde entzaubert. Entmystifiziert, wenn man so will. Da war nichts geheimnisvolles mehr, nichts rätselhaftes, unklares. Sie wurde sehr, sehr weltlich. Profan, im allerbesten Sinne. Und es war wundervoll. Da musste niemand mehr herumdrucksen, umständlich und übervorsichtig um den Brei herumtapsen.

Ich konnte sagen: „Mir geht’s scheiße.“
Sie konnte sagen: „Okay. Bis später, Süßer.“

Und vielleicht ist das der einzig wirklich relevante Punkt, wenn es um Depression in einer Partnerschaft geht. Vielleicht muss man lernen, sie ohne falsche Scheu zu behandeln.
So wie ein Urologe auch nicht den lieben, langen Tag denkt „Ich habe einen fremden Penis angefasst.

Die Depression wie ein Hobby behandeln. Ein sehr langweiliges Hobby.

Das ist unser Weg. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Depression ist kein Hobby von mir. Aber ich behandle sie wie eines. Und meine Partnerin auch. Ein Hobby, welches ich allein betreibe.
Wenn ich dann mal wieder unentschlossen in der Gegend rumstehe und feststelle, dass ich unter gar keinen Umständen mit in diese Strandbar kann und ich das Leben als ganz extrem sinn- und farblos empfinde – dann ist das der Moment, in dem andere Menschen in ihren Hobbykeller gehen.
Meine Partnerin kann mich guten Gewissens damit allein lassen. Weil es eben nur ein Hobby ist, und weil sie weiß, dass ich da im Hobbykeller keine Neutronenbombe zusammenschraube.
Sie kann mich guten Gewissens nach Hause gehen lassen, weil sie weiß, dass das ein Hobby ist, bei dem sie mir wahrscheinlich grad nicht helfen kann und nur im Keller neben mir stünde, während ich rätselhafte Laubsägearbeiten vornähme.
Sie kann mich guten Gewissens ziehen lassen, da sie weiß, dass ich sie einlade, wenn ich ihr im Hobbykeller etwas zeigen will oder muss.
Und sie kann mich guten Gewissens in diesen Keller steigen lassen und oben auf mich warten – weil sie weiß, dass ich zum Abendessen wieder da bin. Metaphorisch.

Und das Wissen um all diese Dinge – lässt mich mich selber garnicht so sehr dafür verachten, wenn ich mal wieder die staubigen Stufen herabsteige, um irgendetwas im Hobbykeller meines Unterbewusstseins auseinanderzuschrauben. Weil wir beide wissen, was das bedeutet.
Vor allem aber: was es eben nicht bedeutet.

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