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Offener Brief an Ronja von Rönne

Vor gar nicht allzu langer Zeit erklärte mir eine junge Dame in der WELT, warum wir alle psychisch gestört sind (lässt sich hier nachlesen). Das fand ich höchst aufschlussreich. Ich freue mich immer, wenn Außenstehende mir erklären, was es mit mir und meiner Krankheit so auf sich hat und warum ich eigentlich total froh sein kann, sie zu haben.
Einige Dinge hätte ich allerdings noch anzumerken. Daher habe ich einen Brief geschrieben.

Hallo Ronja,

ich glaube, ich weiß, worauf du eigentlich hinauswolltest. Es ging dir um Stress und Ansprüche und Perfektionismus, und darum, dass uns das als Gesellschaft krank macht, dieses ewige Streben nach viel zu hohen Idealen. Da stimme ich dir völlig zu. Das macht unglücklich. Dass das aber nicht mit psychisch krank gleichzusetzen ist – das weißt du hoffentlich, oder? Ich meine, wer gerne mal sitzt muss ja auch nicht zwangsläufig Rollstuhlfahrer sein. Für den Fall, dass dir das nicht so ganz klar sein sollte, für diesen Fall würde ich dir gerne folgende Dinge mit auf deinen Lebensweg geben:

Ich bin einer von denen, über die du schreibst. Einer von denen, die das Glück haben, mit einer psychischen Krankheit diagnostiziert zu sein. Die einen "Entschuldigungszettel" haben, wie du das so wundervoll neidisch nennst. Ich darf beim Leben auch "zugucken und Milchschnitte essen."

Was du da vielleicht übersiehst: ich darf das nicht nur – ich muss sogar. Ist für dich vielleicht schwerlich vorstellbar, aber meine Depression gönnt mir eine dauerhafte Auszeit vom Leben, die nicht wirklich freiwillig ist. Ich weiß, es ist unfair von mir, darauf rumzureiten, schließlich muss der Rest von euch "weiter einem Ideal hinterherhecheln." Dass ich mich da bewusst entschieden habe, mir "eine solche Auszeit"zu gönnen wirst du mir sicherlich verzeihen.
Auch ich bin nämlich an dieser einen Frage verzweifelt:

"Welcher vernünftige Mensch ist nicht von Grund auf unglücklich?"

Gut, zugegeben, eine Depression hat nichts mit "unglücklich sein" zu tun, das weißt du bestimmt und hast das nur so flapsig daherformuliert. Du wolltest bestimmt nicht ignorant wirken und eine für das Sozial- und Berufsleben desaströse Krankheit mit extrem hoher Suizidrate als "unglücklich sein" bezeichnen. Dass du das leider dennoch getan hast verzeihe ich dir aber gerne. Denn: du vermagst ja auch, die durchaus positiven Seiten so einer psychischen Erkrankung zu erkennen.

"Plötzlich ist da ein Name für all das Unangenehme, eine Entschuldigung für falsches Verhalten, eine Erklärung für jedes berufliche oder private Hadern."

Es liegt sicherlich nur an meiner Depression, dass ich da ein bisschen weinerlich bin und das für einen der dümmsten Sätze halte, die je in Bezug auf psychische Erkrankungen geäußert wurden. Positiv ist anzumerken, dass ich für diese Aussage ja bereits die perfekte Entschuldigung habe. Siehe oben. Klasse, so ´ne Depression. Ich kann den Neid in deinen Zeilen spüren. Vielleicht hast du ja noch Glück, wer weiß.
Vielleicht ist eine Depression auch Pech. Ich weiß es einfach nicht. Kann mich so schlecht entscheiden derzeit. Habe ich auch noch nicht so lange, diese Entscheidungsschwäche. Schätze mal, weil ich das irgendwo gelesen habe. Wollte einfach dazugehören zum coolen Club der kranken Kids. Oder aber, ich hatte diese Schwierigkeiten seit ich diese Krankheit habe, kann aber erst jetzt dazu stehen, das benennen. Auch da fällt mir eine Entscheidung schwer. Zum Glück muss ich mir darüber aber keine Sorgen machen, denn:

"[...] die Krankheit gibt Sicherheit, macht unangreifbar und immun gegen Vorwürfe"

Die einzige Entscheidung, die mir bisher wirklich leicht fiel, war die, mich endlich mal diagnostizieren zu lassen. War ja nicht mehr haltbar, dieser Zustand in dem ich lediglich "Versager oder faul" war. Mit der Diagnose ging´s dann.

Grad mit Leuten wie dir, Ronja, die die Dinge gern etwas einfach sehen.

Vielleicht kannst aber auch du dich irgendwann einmal dazu durchringen, vielleicht ein Buch zum Thema "psychische Krankheiten" zu lesen, statt lediglich deinen eigenen Urteilen zu vertrauen. Fänd ich voll knorke.

Ich steige derweil von meinen Psychopharmaka, die meine Hirnchemie wieder so einpendeln sollen, dass ich nicht mehr Gefahr laufe, Suizid als valide Konsequenz meiner Milchschnittenpause zu sehen, auf Bachblüten um. Vielleicht kann ich mich dann endlich entscheiden, wieder glücklich zu sein.
Bis dahin würde ich dich bitten, nicht so super genervt von mir zu sein. Es tut mir Leid. Keine Ahnung, was genau, aber das kannst du mir bestimmt genauer erklären. Darling.

Liebste Grüße,
Tobi

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