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Zweitklassig erkrankt

Eine Therapie ist ein wenig wie ne Beziehung führen. Frisch ist alles einfach. Wenn man dann aber gezwungen ist, die Sache offiziell zu machen, langfristig, wird es etwas komplizierter. Man muss sich ersteinmal als würdig erweisen. Vor den "richtigen" Ärzten.

"Was ist denn los?" frage ich meinen Therapeuten, "irgendwas bedrückt sie doch. Das merke ich."
Er schaut etwas beschämt zu Boden.
"Wir müssen reden."
Gut, reden muss man ja meistens in so einer Therapie, und eigentlich finde ich das top – seit ich mich daran gewöhnt habe, dass Therapeuten keine Hexendoktoren sind, die mir meine Depression durch eine wohlbalancierte Mischung aus injizierten Kräutertees und rituellem Tanz wegzaubern. Aber er meint etwas anderes.

"Sie kommen ja nun schon eine kleine Weile hier her."

Es war unser fünftes Treffen. Alles war noch ganz frisch. Wir kannten uns kaum. Und plötzlich wird es ernst. Regelmäßig sehen. Gemeinsam rausfinden, was mir fehlt und daran arbeiten. Bevor ich überhaupt "ich bin noch nicht so weit" sagen konnte – hatte er mir auch schon den nächsten Knüller vor den Latz geballert.
"Wir müssen das jetzt offiziell machen."

Das heißt bei Therapeuten leider, leider nicht, dass man den Eltern vorgestellt wird. Das wäre skurril – aber schön. Nein, es heißt, dass man ersteinmal mit jemand anderem reden soll.

"Aber, mit jemand anderem reden? Ich dachte, das wäre exklusiv hier bei uns?"
"Naja, sagen wir es so: Ich darf nicht sagen, dass sie eine Therapie benötigen."
"Ach. Okay."
"Ja, dazu bin ich nicht qualifiziert."
"Beruhigend."
"Nicht vor den Krankenkassen."
"Und jetzt?"
"Gehen sie zu einem richtigen Arzt, wie es der Laie sagen würde."
"Aber ich will sie nicht betrügen."
"Doch, Schatz, es muss sein, wenn wir eine gemeinsame Zukunft wollen."

Gut, die letzten beiden Zeilen sind der Dramatik geschuldet, die davor allerdings hat mein Hirn noch während der Unterhaltung mitgeschrieben und sich in die Rinde gebrannt.
Ich muss also zu einem Allgemeinmediziner, welcher dann feststellen muss, dass ich eine psychische Erkrankung mein eigen nenne, damit mein Therapeut mich behandeln kann. Thumbs Up!

Ich kann mich noch erinnern, dass ich früher, bevor der Kinderarzt mich untersuchte, auch immer n gesonderten Termin bei seiner Sprechstundenhilfe haben musste, die mich dann eine halbe Stunde kritisch beäugte, mich an zwei, drei Stellen stupste um dann fachmännisch sagen zu können "Ja, das ist ein sogenanntes Kind, was sie da haben. Damit sollten sie tatsächlich zum Kinderarzt. Ich schreib ihnen ne Überweisung."

Aber: Ich bin ja für jeden Spaß zu haben. Ab also zum Hausarzt.
"Tach, was fehlt uns denn?"
"Ich hab Depressionen."
"Das können sie doch garnicht beurteilen."

Okay, neuer Versuch.
"Ich fühle mich schlecht, komme nicht aus dem Bett, bin antriebslos und leer und bekomme nichts mehr geschissen."
"Haben sie Fieber?"
"Nein."
"Woher wissen sie das so genau?"
"Weil ich gemessen habe."
"Ah, einer der sich auskennt."

Und, nein, die letzten Zeilen habe ich mir diesmal nicht ausgedacht.

Mein Arzt bittet mich dann ernsthaft, mal kurz den Mund aufzumachen. Vielleicht habe ich ja eine Art depressiven Belag auf der Zunge, was weiß ich. Jedenfalls klappt der Mund wieder zu und mein Arzt schaut ganz extrem besorgt.

"Ich überweise sie hiermit an einen Psychotherapeuten" sagt er dann ganz schön ultra feierlich, als wäre das DIE Hiobsbotschaft des Jahrtausends.

Krebsdiagnosen werden da vergleichsweise wohl im Plauderton gestellt.

Klar, du bist ja auch verrückt. Aber wir erlauben dir in unserer unendlichen Güte dann doch mal, dich behandeln zu lassen.
Auf meine Überweisung tippt er sein fachmännisches Urteil: "Nicht näher definierte Persönlichkeitsstörung."
Nach 4 Minuten Gespräch.
"Da hat sich dieses Medizinstudium aber schon gelohnt für sie, was?"
Er sagt darauf nichts und lässt mich ziehen.

Es ist schon erstaunlich, denke ich, während ich so wieder auf die Straße gehe.
Da hast du erkannt, dass irgendwas grad nicht stimmt, Monate (bei mir waren es 6) auf einen Therapieplatz gewartet – aber bevor dich einer behandeln darf, musst du ersteinmal eine Prozedur durchlaufen, die dir sagt, dass der Mensch, der dich da behandeln soll leider nicht die Kompetenz hat, um zu entscheiden, ob du behandelt werden solltest. Das ist beruhigend. Gerade, wenn es um die Psyche geht ist so ein Vertrauensverhältnis ja ganz wichtig.
Schön ist davon ab das Gefühl, ernst genommen zu werden. Vom Krankenkassensystem. Wo Psychotherapie scheinbar noch als Luxusgut gilt, welches gesondert genehmigt werden muss. Ist ja keine richtige Krankheit, was man da hat.

Ein paar Monate später muss mein Therapeut dann bei der Krankenkasse einen Bericht abliefern, wie die Therapie so läuft, und ob es ratsam sei, sie fortzusetzen. Das liegt nicht in seinem Ermessen allein, sagt er mir. Da muss er schön einen Bericht für schreiben, der dann von ganz schlauen Leuten aus der Ferne geprüft wird.

"Die haben so lizensierte, übernatürliche Kräfte" sagt mein Therapeut.
"Die können das damit prüfen. Aber nur, wenn auch Bericht vorliegt. Schließlich ist das hier immer noch Deutschland."

Da lachen wir beide, und das Vertrauensverhältnis besteht. Immerhin was, denke ich mir, auch wenn der Weg dahin echt ganz schön unnötig steinig war.
Immerhin darf ich jetzt meine Krankheit 2. Klasse nun behandeln lassen.
Das ist sehr gnädig.

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