Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Forscher schalten Tinnitus aus

Neue Hoffnung für Tinnitus-Patienten: US-Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen, die Ursache des nervtötenden Dauerlärms im Ohr auszuschalten. Zwar nur bei Ratten, dafür aber mit vielversprechendem Erfolg.

  Lärm im eigenen Kopf: Tinnitus-Geplagte hören etwas, das außer ihnen niemand wahrnimmt

Lärm im eigenen Kopf: Tinnitus-Geplagte hören etwas, das außer ihnen niemand wahrnimmt

Fast jeder kennt das Phänomen, Laute wahrzunehmen, die sonst niemand hört: ein Pfeifen oder Zischen, Rauschen oder Kreischen, Summen oder Brummen. Meist geht das Geräusch wieder vorüber, manchmal schon nach Sekunden oder Minuten, oft auch erst nach Stunden oder Tagen. Wenn der Lärm im eigenen Kopf aber zum ständigen Begleiter wird, ist er für Betroffene eine Tortur. Denn es gibt kein Entkommen: Selbst nachts oder wenn es in der Außenwelt eigentlich ruhig ist, werden sie den Dauerton nicht los.

Tinnitus plagt mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland. Der Begriff ist vielen geläufig, und doch wissen die wenigsten, dass es sich hierbei nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern um ein Symptom handelt. Es zeigt einen Schaden in den Hörbahnen an, der verschiedene Ursachen haben kann: organische wie Lärmschäden, Fehlbildungen oder Entzündungen, aber auch seelische.

Die Behandlungsmöglichkeiten sind oft beschränkt. Bei gängigen Therapien werden die lästigen Töne überdeckt oder die Betroffenen lernen, sie zu ignorieren, was mal besser und mal schlechter gelingt. Immerhin verstehen Ärzte inzwischen etwas besser, warum es überhaupt im Ohr pfeift und rauscht. Offenbar ist das Problem eher im Gehirn als in den Ohren selbst zu suchen: Nach derzeitigen Erkenntnissen führen Schäden im Gehörgang dazu, dass Nervenverknüpfungen umgebaut werden und Aufgaben, die jene geschädigten Bereiche nicht mehr ausüben können, umverteilt werden. Bestimmte Hirnareale sind dann überaktiv und erzeugen manchmal Phantomtöne - auf eben jenen Frequenzen, auf denen wegen des geschwächten Gehörs keine Reize mehr verarbeitet werden.

Nervenkitzel für Nager

Amerikanische Forscher machen Betroffenen jetzt Hoffnungen: Im Tierversuch ist es ihnen erstmals gelungen, diesen Umbau rückgängig zu machen und eine Art Neustart der betroffenen Hirnareale zu bewirken, indem sie einen speziellen Hirnnerv stimulierten und gleichzeitig Töne vorspielten. Auf diese Weise konnten sie zumindest den Tinnitus bei Ratten beseitigen, berichten sie im Fachblatt "Nature". Ob sich die Methode auch für den Einsatz am Menschen eignet, soll eine klinische Studie zeigen.

"Der Schlüssel ist, dass wir im Gegensatz zu früheren Behandlungen den Tinnitus nicht maskieren", erläutert Michael P. Kilgard von der University of Texas in Dallas. "Wir stimmen das Gehirn um - von einem Zustand, in dem es den Tinnitus erzeugt, in einen Zustand, in dem es den Tinnitus nicht erzeugt. Wir eliminieren den Ursprung des Tinnitus."

Kilgard und seine Kollegen setzten einige der Tiere, mit denen sie arbeiteten, sehr starkem Lärm aus, wodurch diese einen Tinnitus entwickelten. Zunächst spielten die Forscher acht Tieren 20 Tage lang 300 Mal täglich einen Ton von neun Kilohertz vor und kombinierten dieses Geräusch mit einer leichten elektrischen Stimulation des Nervus vagus, des zehnten Hirnnervs.

Effektiv ist nur die Kombination

Diese Prozedur ließ die Zahl der Nervenzellen im auditiven Cortex, die auf diese Frequenz reagieren, im Vergleich zu Tieren aus einer Kontrollgruppe um 79 Prozent steigen. Der auditive Cortex ist jener Bereich der Großhirnrinde, in dem akustische Reize verarbeitet werden. In einem zweiten Versuch spielten sie Ratten Töne zweier verschiedener Frequenzen - vier und 19 Kilohertz - vor, begleiteten aber nur die höhere der beiden mit der Stimulation des Vagusnervs. Dadurch wuchs die Zahl der Neuronen, die dem höheren Ton zugehörig waren, um 70 Prozent. Die Zahl der Neuronen der tieferen Frequenz sank dagegen sogar. Das belegte, dass nicht der Ton allein den Effekt erzielte, sondern mit der Stimulation des Nervus vagus gepaart sein musste.

Daraufhin testeten die Wissenschaftler, ob sich bei den Ratten der Tinnitus auslöschen lässt, wenn mithilfe dieser Prozedur die Zahl von Nervenzellen, die auf andere Frequenzen als die des Tinnitus reagieren, erhöht wird. Dazu spielten sie den Nagern mit dem Ohrensausen drei Wochen lang 300 mal täglich Töne vor, die um die Frequenz des Tinnitus-Tons herum lagen, und paarten diese mit der Vagusnerv-Stimulation. Die Forscher stellten fest: Die Prozedur baute die Neuronen im auditiven Cortex so um, dass sie wieder auf ihre ursprünglichen Frequenzen reagierten, und entfernte typische physiologische und verhaltensbedingte Reaktionen, die mit dem Tinnitus zusammenhingen. Die Zahl der Nervenzellen der so behandelten Ratten ging wieder auf das normale Maß zurück.

Diese Veränderungen blieben auch über längere Zeit nach der Behandlung stabil. Bis sie aber in die klinische Phase gehen, arbeiten die Wissenschaftler noch daran, das Verfahren zu verfeinern und mehr Details des Effekts zu verstehen - etwa wie lange die Behandlung dauern sollte und ob sie sowohl bei akutem Tinnitus als auch bei der bereits chronischen Form helfen kann.

spo/Cornelia Dick-Pfaff, Wissenschaft aktuell

Weitere Themen

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools