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"Mit Depressionen kämpfe ich schon mein ganzes Leben"

Seit seiner Kindheit litt Bruce Darnell unter Depressionen. Im Interview mit stern.de schildert der TV-Star zum ersten Mal öffentlich, wie dramatisch sein Leben verlief, und dass er nur durch ein Wunder einen Suizidversuch überlebte.

Herr Darnell, wann merkten Sie zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmt?
Eigentlich kämpfe ich schon mein ganzes Leben lang mit Depressionen. Nur wusste ich das lange Zeit nicht und wollte es auch nicht zugeben. Ich hatte eine sehr dramatische Kindheit, bin einfach nicht in Liebe und Geborgenheit aufgewachsen. Ich war nie happy. Meine Familie sagte zu mir: Du bist wertlos, Du bist gar nichts, es wird nie etwas aus Dir werden. Das ist das Allerschlimmste, was einem passieren kann. Mit 19 Jahren bin ich endlich von zu Hause weggegangen, weil ich so nicht mehr leben konnte. Das war der erste Schritt heraus und ich dachte, jetzt werde ich befreit sein.

Hat das funktioniert?
Nein, denn ich hatte ja meine Vergangenheit überhaupt nicht verarbeitet. Als Erwachsener habe ich versucht, das zu verstecken und habe anderen vorgespielt: Es geht mir gut, ich bin glücklich, ich schaffe alles. Ich wollte mit jedem klarkommen. Aber das war alles nur Fassade. Irgendwann merkte ich: Da stimmt etwas nicht mit mir. Ich hatte große Schwierigkeiten, morgens aufzustehen und die Gardinen zurückzuziehen. Der Himmel draußen war so dunkel, die Menschen auf der Straße waren grau. Ich konnte mit niemandem darüber reden, es war mir peinlich. Die Depression war ein großes Tabu, ich hatte Angst, dass andere das merken und mich dann verurteilen und auslachen. Selbst auf dem Laufsteg oder bei der Choreografie war ich nicht glücklich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man gut aussehen will und sich anpassen möchte. Zu Beginn von "Germany’s Next Top Model" hatte ich eine Autogrammstunde, und ich war zehn Stunden da, habe unterschrieben, bis der letzte weg war. Ich habe einfach nicht Nein gesagt.

Und es wurde immer schlimmer?
Hin und wieder tauchte dann der Gedanke auf: Warum bringe ich mich nicht um? Und plötzlich kam der Tag, da wusste ich: Heute ist es soweit. Mit meinem Cabrio raste ich mit Tempo 200 in eine Baustelle. Das Auto hatte einen Totalschaden, ich bloß eine Kopfwunde. Ein Wunder, dass ich überlebt habe. So krass es klingt, gleich danach dachte ich nur: Ich muss den Flieger nach Berlin bekommen und die nächste Modenschau machen.

Haben Sie sich dann Hilfe geholt?
Ja, denn mir war eine Woche danach klar: Ich muss mir endlich selbst die Wahrheit sagen und die Depression akzeptieren. Die Psychotherapie dauerte dann fast ein Jahr. Ich habe viel geredet und viel geweint. Damals habe ich begonnen, ein Tagebuch zu schreiben und konnte dann immer nachschauen, was sich durch die Therapie verändert hat. Wichtig waren außerdem Gespräche mit guten Freunden – manchmal drei-, viermal am Tag, auch spät abends. Meine Manager Angelika und Wolfgang haben mich unterstützt. Sie waren immer für mich da und sind heute meine Familie. Sie haben mich so akzeptiert, wie ich bin.

Wer ist denn dieser Bruce Darnell – der aufgedrehte Typ aus dem Fernsehen?
Ich bin eigentlich schüchtern und zurückhaltend, war früher nie so outgoing. Wenn man mich im Fernsehen sieht, dann denkt man, oh my God, was geht hier ab? Das ist auch ein Teil von mir, aber ich bin dann in einer anderen Welt. Es ist mein Job. Wenn mir Menschen entgegenkommen, gehe ich auf die andere Straßenseite, weil ich innerlich eher scheu bin. Ich versuche, eine Balance zu finden zwischen dem privaten Bruce und dem Bruce aus dem Fernsehen. Das ist schon krass, man geht auf die Straße und jeder kennt Dich. Aber im Grunde genommen kennt mich keiner richtig.

Ihnen kamen im Job häufig die Tränen...
Im Fernsehen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kann man eine Rolle spielen oder man kann sich selbst zeigen. Ich habe beschlossen, mich selbst zu zeigen, und zwar von meiner sehr emotionalen Seite. Das war ein großes Problem, als ich mich auf dem Bildschirm sah und auch viele Leute fragten: "Warum weint der ständig?" Ich habe in dieser Zeit bei "Germany’s Next Top Model" versucht, jungen Mädchen zu helfen. Die Situation erinnerte mich an meine Kindheit, in der ich versuchte, an mich zu glauben und an mir zu arbeiten – damit ich in die Gesellschaft passe. Es war wie ein großer outbreak, ich bin im Fernsehen und zeige mich so emotional, wie ich bin. Aber das ist manchmal auch sehr schwer, weil ich dann schwach oder ängstlich oder weiblich wirke.

Wie geht es Ihnen heute?
Der Weg heraus aus der Depression war sehr lang. Heute habe ich vieles verarbeitet, bin stabil und selbstbewusst. Es geht mir sehr gut. Mir ist klar geworden, dass ich nicht wertlos bin und dass ich mich nicht für meine Krankheit schämen muss. Ich bin heute mein eigener Herr und möchte nicht anders sein. Und ich bin gern allein. Das kannte ich schon als kleines Kind, auch da war ich ein Einzelgänger. Da bin ich ich selbst, da fühle ich mich wohl und bin glücklich.

Gibt es so etwas wie eine positive Lehre, die Sie aus der Krankheit gezogen haben?
Ich muss mir treu bleiben und muss nicht perfekt sein. Ich muss nicht die Gesellschaft glücklich machen, ich muss mich glücklich machen. Ich muss nicht jeden Tag aufstehen und versuchen, unter einem wahnsinnigen Druck andere Menschen zu beeindrucken. Ich bin kein Heiliger und nicht perfekt, aber andere zu respektieren, darauf lege ich viel Wert. Mehr Toleranz und mehr Menschlichkeit – das war immer meine Botschaft, auch im Fernsehen. Aber viele haben mich nicht verstanden, weil ich so emotional bin und man das nicht einordnen oder damit umgehen kann. Aber ich bin so, ich bleibe so und ich werde so sterben.

Was müsste passieren, damit es anderen leichter fällt, über ihre Depression zu sprechen?
Wir reden schon so lange über das Problem, aber leider hat sich seit Jahren nichts geändert. Es gilt immer noch: Wer ist der schnellste, der beste? Ich frage mich, wo führt das alles hin? Für junge Leute ist es heutzutage sehr schwer, eine eigene Identität zu finden. Wer einen anderen Weg geht, wird gehänselt oder gemobbt, egal, ob man anders aussieht oder sonstwie auffällt. Das macht mir Angst. Wenn jemand sein Haar pink tragen möchte, dann sage ich: Hey, das ist nicht meine Farbe, aber ich habe Respekt davor, dass Du das einfach machst. Ich wünsche mir für die Gesellschaft, dass wir lernen, Menschen wahrzunehmen und zu verstehen. Dass wir lernen, ohne Vorurteile zu leben und nicht versuchen, andere schlecht zu machen. Wer depressiv ist, sollte ohne Probleme über seine Krankheit sprechen können.

Welchen Tipp geben Sie allen, die zögern, eine Therapie zu beginnen?
In Deutschland denken viele bei Psychotherapie an ein langes schwarzes Sofa in Leder, auf dem man liegt. Und manche glauben: Ich bin gestört, ich bin krank, mir ist nicht zu helfen. Das ist totaler Schwachsinn. Ich kann nur raten: Seid mutig und sucht Euch Hilfe.

Arnd Schweitzer

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