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Tun Sie ruhig wieder was!

Zügig in den Beruf zurückzukehren hilft Ausgebrannten und Depressiven, schneller gesund zu werden - wenn der Chef mitmacht und die Arbeit gut dosiert ist. Viele Unternehmen haben bereits festgestellt, dass auch sie von solchen Angeboten profitieren.

Von Birgit Schönberger

Wenn sie nicht überfordert, kann Arbeit auch einen antidepressiven Effekt haben

Wenn sie nicht überfordert, kann Arbeit auch einen antidepressiven Effekt haben

Es passierte abends in der Badewanne. Sie lag im warmen Wasser und wartete darauf, dass sich nach langem Arbeitstag der schmerzende Nacken, der seit Wochen hart war wie ein Brett, endlich entspannte. Plötzlich hörte ihr Herz auf zu schlagen. Oder bildete sie sich das nur ein? Eine gefühlte Ewigkeit war es still, dann hörte Bianca Rösler (Name von der Redaktion geändert) heftige Schläge. "Immer nach Feierabend ging es los", erzählt die 48-Jährige. "Und es wurde täglich schlimmer." Außerdem bekam sie Atemnot und Panikgefühle. An manchen Tagen konnte die Pflegedienstleiterin eines großen Krankenhauses nur noch Halbsätze herausbringen. "Mein Wortschatz war auf ein Drittel zusammengeschrumpft."

Obwohl sie sich schon morgens zerschlagen fühlte und ihr Körper ihr kaum noch gehorchte, arbeitete sie weiter. Telefonierte, organisierte, diskutierte, rechnete, schrieb Berichte, rannte zur Station und zurück ins Büro, immer mit dem Pieper in der Tasche. Ihr Mann bat sie, sich professionelle Hilfe zu suchen, weil sie abends nicht mehr ansprechbar war. Bianca Rösler wehrte ab. "Ich war überzeugt, dass ich meine Grenzen kenne und das schaffe."

Von der Erschöpfung in die Depression

Sie strengte sich an, ging täglich bis ans Limit. Aus der Erschöpfung wurde eine Depression. Eines Morgens wurde Rösler auf eine Station gerufen, wo über Nacht ein Patient überraschend gestorben war. Sie blickte in die blassen Gesichter ihrer Mitarbeiterinnen. Wieder allein im Büro, fing sie sofort an zu weinen - und konnte nicht mehr aufhören. "In dem Augenblick wusste ich, dass ich arbeitsunfähig bin."

Ihr Hausarzt schickte sie sofort in fachärztliche Behandlung. Die Ärztin schrieb sie krank und sagte, es könne Monate dauern, bis sie wieder zurück in den Job könne. Bianca Rösler dachte radikaler. "Ich gehe nie wieder zurück", dieser Entschluss hatte sie auf dem Tiefpunkt der Krise für ein paar Stunden aufgebaut. "Schon beim Gedanken an die Arbeit bekam ich sofort wieder Herzrasen und Atemnot." Wenn damals jemand zu ihr gesagt hätte, dass sie neun Monate später wieder in ihrer Klinik arbeiten, ja dass ihr sogar ausgerechnet die Arbeit helfen würde, wieder gesund zu werden, hätte sie ihn für verrückt erklärt.

Bedenken haben auch Arbeitgeber, bei denen sich Depressive nach langer Krankschreibung zurückmelden. Vielen fehlt es an Wissen über die Erkrankung. Dabei würden Unternehmen von besserer Prävention und Wiedereingliederung profitieren, sagt Detlef Dietrich, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim. Der Anteil an Krankheitstagen durch psychische Störungen hat sich seit Beginn der 90er Jahre mehr als verdoppelt. Der Gewinn für Unternehmen, die motivierte Mitarbeiter zurückholen, sei groß, sagt Dietrich. Der Nutzen für die Mitarbeiter selbst sei es auch: "Der antidepressive Effekt von Arbeit wird viel zu wenig beachtet. Eine gut dosierte, interessante Arbeit, die Spaß macht, gut zu bewältigen ist und für die man Anerkennung und Wertschätzung bekommt, stärkt das Selbstwertgefühl und wirkt stabilisierend."

Arbeit strukturiert den Alltag

Auch Bianca Rösler hat es geholfen, zügig zurück in den Beruf zu gehen. Zu ihrem eigenen Erstaunen hatte sie nach vielen Monaten Krankschreibung festgestellt, dass ihr die Arbeit fehlte. Sie war mit Schwung aus einer sechswöchigen Reha zurückgekommen, fest entschlossen, die Entspannungsmethoden auszuprobieren, die sie gelernt hatte. "Doch von Tag zu Tag ging mir der Antrieb, den ich mühsam aufgebaut hatte, verloren. Ich rutschte wieder ab." Allein zu Hause, fehlten ihr die Struktur und das Gespräch mit Kollegen. Sie fand es mühsam, sich selbst aus dem Loch herauszuarbeiten. "Ich wollte auf keinen Fall chronisch depressiv werden."

Ich muss was machen, so geht es nicht weiter, ratterte es in ihrem Kopf. Ihre Psychiaterin riet Rösler, sich beruflich umzuorientieren. Sie studierte Stellenanzeigen, führte Telefonate und fand nichts Passendes. "Mir ist klar geworden, dass ich einen Arbeitsplatz brauche, an dem ich wichtig bin, volle Leistung bringen kann und anerkannt werde." Schließlich rief sie die Fachärztin an und bat: "Schreiben Sie mich gesund." Dann nahm die Pflegedienstleiterin allen Mut zusammen, rief in der Klinik an und sagte: "Ich will wieder arbeiten." Ihre Nachfolgerin sei sehr fürsorglich gewesen. "Sie hat sich dafür eingesetzt, dass ich eine andere Aufgabe bekomme, bei der ich gesund bleiben kann."

Heute arbeitet Bianca Rösler vorwiegend im Qualitätsmanagement, recherchiert, schreibt Konzepte, bereitet Präsentationen vor. "Erst dachte ich, davon hast du viel zu wenig Ahnung. Dann habe ich mich reingekniet und gemerkt, das macht ja richtig Spaß." In Absprache mit ihrer Psychiaterin fing sie mit vier Stunden pro Tag an und steigerte die Arbeitszeit dann wochenweise auf Vollzeit. Sie hat sich langsam vorgetastet, hat ausprobiert, was geht und was nicht.

Den Stress abschütteln und sich kurze Atempausen verschaffen, ist wichtig

Den Stress abschütteln und sich kurze Atempausen verschaffen, ist wichtig

Anerkennung ist wichtig

Anfangs seien die Kollegen skeptisch gewesen. "Du hattest doch vorher so viel Macht. Fehlt dir das nicht?", wurde sie gefragt. Bianca Rösler schüttelt energisch den Kopf. "Im Gegenteil. Mir ist eine Riesenlast von den Schultern gefallen. Früher war ich für 300 Leute zuständig und musste Dinge verantworten, auf die ich gar keinen Einfluss hatte. Das war hart. Heute muss ich nur den Kopf für mich allein hinhalten."

Für Detlef Dietrich ist Röslers Geschichte ein Beispiel für gelungenes "Wiedereingliederungsmanagement". So lautet der Fachbegriff für die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einer längeren Erkrankung. Der Psychiater hält die soziale Unterstützung durch den Vorgesetzten für entscheidend und verweist auf eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach sinkt das Burnout-Risiko erheblich, wenn Führungskräfte ihre Mitarbeiter unterstützen, ihnen dauerhaft Anerkennung, Zugehörigkeit und Sicherheit vermitteln, ansprechbar sind und auch familiäre Bedürfnisse bei der Arbeits- und Urlaubsplanung berücksichtigen. "All das ist natürlich auch relevant, damit Mitarbeiter nach einer längeren Krankheitsphase wieder einsteigen und gesund bleiben können", sagt Dietrich.

Bianca Rösler schätzt es wieder, sich Herausforderungen zu stellen: "Es ist ein tolles Gefühl, wenn ich etwas machen soll, was meine momentane Kompetenz überschreitet, und ich genügend Zeit dafür bekomme und über mich hinauswachse. Dann bin ich hinterher mächtig stolz." Um Stress besser zu bewältigen als vorher, hat sie sich einen "Methodenmix" zusammengebastelt. Besonders hilfreich findet sie den Bodyscan, eine Form der Achtsamkeitsmeditation, bei der sie mit dem Atem durch den ganzen Körper wandert.

Die Arbeitskollegen tuschelten

Noch längst nicht jedes Unternehmen ebnet seinen Mitarbeitern den Weg zum Wiedereinstieg nach einer Depression. Sandra Becker (Name von der Redaktion geändert) scheiterte am Unverständnis ihrer Vorgesetzten und Kollegen. Drei Jahre lang hatte sie das Regionalbüro einer französischen Firma geleitet. Als die Bürokauffrau nach einem halben Jahr ambulanter Psychotherapie ähnlich wie Bianca Rösler erst Teilzeit und dann Vollzeit wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, erfuhr sie, dass man über sie tuschelte. "Die ist schizo. Die hat 'ne Macke."

Mit den Sprüchen konnte die 51-Jährige gerade noch umgehen. "Ich weiß ja, dass ich normal bin und jeder an einer Depression erkranken kann." Aber dass der enorme Druck, der schon vor ihrer Erkrankung von der Geschäftsleitung ausgegangen war, nach kurzer Zeit genauso hoch war wie vorher, war für sie unerträglich. "In der Therapie habe ich gelernt, Nein zu sagen. Das war für mich vorher ein Fremdwort gewesen." Wenn ein Vorgesetzter zum fünften Mal anrief, sagte sie: "Moment mal, ich lasse mich nicht mehr so verheizen, ich will nicht wieder da enden, wo ich gerade herkomme." Kurzfristig akzeptierten die Chefs, wenn sie auf die Bremse trat, nach drei Tagen ging alles im alten Tempo weiter. Ein Gespräch über eine Veränderung der Arbeitsbedingungen war nicht möglich. Sandra Becker kündigte und suchte sich einen neuen Job.

Langsamer Wandel

Immerhin: Das Interesse an Beratung und Information wachse, sagt Detlef Dietrich. Vor allem in großen und mittelständischen Unternehmen beobachte er einen Wandel. Die Tui AG beispielsweise hat beschlossen, Präventionsangebote für die psychische Gesundheit zu entwickeln und hat den Psychiatrieprofessor als Berater hinzugezogen. In einem Pilotprojekt wurde allen Mitarbeitern der Konzernzentrale in Hannover ein Gesundheitscoaching angeboten.

"Wir haben bewusst nicht von Therapie oder Beratung gesprochen, um die Schwelle so niedrig wie möglich zu halten", sagt Lars Kutsche, Projektleiter für Gesundheit bei Tui. Über eine externe E-Mail-Adresse konnten Interessierte ein Gespräch mit einer Psychologin vereinbaren. Die Resonanz war so groß, dass das Projekt weiterläuft. Kürzlich erschien in der Mitarbeiterzeitung ein ausführlicher Artikel mit der Überschrift: "Das Hirn ist ein Organ wie das Herz und kann genauso erkranken".

Es gehe ihm darum, psychische Erkrankungen vom Stigma zu befreien, sagt Kutschke. Gerade wird ein Kompetenzteam aufgebaut mit Mitarbeitern, die als Ansprechpartner für Betroffene zur Verfügung stehen und über Beratungs- oder Therapiemöglichkeiten informieren.

Detlef Dietrich veranstaltet in dem Reisekonzern einen Workshop für Führungskräfte, in dem er über Anzeichen für psychische Erkrankungen informiert: Woran erkenne ich eine Depression? Wie spreche ich das heikle Thema an? Was kann ich als Führungskraft tun, um Mitarbeitern den Wiedereinstieg zu erleichtern? Welches Führungsverhalten wirkt gesundheitsfördernd? Der Therapeut empfiehlt, dass sich der Mitarbeiter und sein Vorgesetzter in der ersten Zeit nach einer längeren Erkrankung regelmäßig zusammensetzen, um zu prüfen: Stimmt die Dosierung der Arbeit? Ist genügend Unterstützung da? Welche Ziele sind realistisch? Können die Vorgaben allmählich erhöht werden? "Meistens sagen die Mitarbeiter irgendwann von selbst, dass sie sich wieder mehr zutrauen und länger arbeiten möchten."

Bei Bianca Rösler hat es genau so funktioniert. Sie freut sich jeden Morgen, wenn sie ins Büro kommt und ihre Kollegen sieht. Und sie ist stolz auf sich, weil ihr von Woche zu Woche mehr gelingt.

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