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Eine heikle Offenbarung

Zur Depression stehen oder lieber schweigen? Eine Psychologin sagt, wann Sie die Maske fallen lassen können. Und wieso es manchmal besser ist, sich bedeckt zu halten.

Wann können Sie die Maske fallen lassen und wann nicht? Wir verraten es Ihnen 

Wann können Sie die Maske fallen lassen und wann nicht? Wir verraten es Ihnen 

Frau Schulze, kann ich heute einigermaßen unbesorgt kundtun, dass ich an einer Depression oder an Ängsten leide ?
Pauschal würde ich das nicht empfehlen. Die Öffentlichkeit weiß zwar heute mehr über psychische Krankheiten, aber der Wunsch nach sozialer Distanz ist geblieben.

Wie ist der Stillstand zu erklären?
Wir Menschen lassen uns häufig stärker von Gefühlen leiten als von unserem Wissen. Informationskampagnen wirken zudem langsam, selbst wenn sie gut sind - und manchmal gehen sie auch schief.

Wie zum Beispiel?
Die amerikanische National Alliance on Mental Illness hat eine Zeit lang propagiert, dass die Depression genetische Ursachen hat. Dieses Konzept entlastet zwar Betroffene und Angehörige, weil es vermittelt: Ihr seid nicht schuld. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass die allgemeine Akzeptanz gegenüber Depressiven nicht gestiegen war, sondern im Gegenteil die Abgrenzung noch zugenommen hatte. Und zwar, weil das biologische Erklärungsmodell suggerierte, dass die Patienten keine Kontrolle über die Krankheit haben, besonders schwer erkrankt und nicht zu heilen sind. Richtig wäre gewesen: Depressionen und Ängste entstehen aus einem Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt, und man kann sie wirksam behandeln.

Ärzte und Therapeuten ermuntern ihre Patienten häufig, offen mit einer psychischen Krankheit umzugehen. Schaden sie ihnen damit womöglich?
Aus medizinischer Sicht hat dieser Rat seine Berechtigung. Denn es kostet viel Energie, ständig den Deckel draufzuhalten. Die Geheimhaltung schwächt das Selbstwertgefühl und macht Stress. Dadurch kann sich die Krankheit verschlimmern. Doch die Betroffenen erfahren oft nicht, welchen Preis ihre Offenheit hat.

Was kann ihnen denn passieren?
Sie stoßen im schlimmsten Fall auf direkte Ablehnung, manche Menschen ziehen sich zurück, laden sie nicht mehr ein. Kritisch kann es im Job werden. Dort ist ein Outing nach meiner Einschätzung meist nicht sehr förderlich.

Kann es sinnvoll sein, von einem Burnout zu sprechen statt von einer Depression?
In der Presse findet sich häufig die Darstellung, Burnout sei eine Art Leistungsausweis, der die Besten, be- sonders Engagierten trifft. Von Arbeitgebern wird das eher nicht so wahrgenommen, sie assoziieren Burnout eher mit -geringerer Belastbarkeit.

Sie würden im Zweifel zum Verschweigen raten?
Manchmal kann es tatsächlich nützlich sein, eine Scheindiagnose anzugeben, etwa eine Stoffwechselstörung. Oder man sagt einfach gar nichts. Bei einer Lungenentzündung werden Sie schließlich auch nicht gedrängt, das jedem zu erzählen.

Wie kann ein Arbeitnehmer herausfinden, ob er seinem Chef die Krankheit anvertrauen soll oder nicht?
Ein wichtiges Kriterium ist das Klima im Unternehmen: Wie haben die Vorgesetzten bisher auf Ausfälle oder auf psychische Leiden reagiert? Man sollte seinem Gefühl trauen und abwägen, wie viel auf dem Spiel steht. Ein selbstbewusster Umgang mit der Krankheit kann ja auch Vorteile haben. Wer andere einweiht, bekommt eher Unterstützung und mitunter sogar Bewunderung. Ich würde allerdings dringend dazu raten, solche Überlegungen nicht alleine anzustellen, sondern Rat bei -Ärzten, Therapeuten und Freunden einzufordern. Mit konkreten Ansagen: Ich bin unsicher, bitte unterstütze mich, wie soll ich's machen?

Was zeichnet eine gute Beratung aus?
Gute professionelle Helfer stellen sowohl den möglichen Nutzen als auch die Risiken dar und lassen die Patienten selbst entscheiden, wem sie was erzählen. Dazu fehlt vielen Ärzten und Therapeuten allerdings noch das Handwerkszeug. Häufig geht es im Medizinbetrieb noch weniger professionell zu. Wir haben vor einigen Jahren in einer Studie Betroffene nach ihren Stigma-Erfahrungen gefragt und kamen zu dem überraschenden Ergebnis, dass nicht bloß Nachbarn, Angehörige oder Arbeitgeber Vorurteile äußerten. Ein Drittel der schlechten Erfahrungen machten die Patienten im Rahmen der Therapie, mit Ärzten und Klinik-Personal.

Wie sah das aus?
Da bekam beispielsweise ein junger Mann gleich beim ersten Termin zu hören: Sie haben Schizophrenie - Ihr Studium können Sie vergessen. Es kam dann anders, aber die verheerende Prognose stand erst einmal im Raum.

Wie kann ausgerechnet Profis so etwas passieren?
So etwas geschieht nicht mit Absicht. Die Experten im Krankenhaus sehen häufiger die schweren Fälle, dadurch entwickeln sie eine Erwartungshaltung. Sie wollen realistisch sein. -Außerdem stehen die Behandler heute unter großem Zeitdruck. Sie leiden mitunter selbst an einem Burnout und werden zynisch.

Wie sieht denn nach heutigem Stand die erfolgversprechendste Strategie für den Umgang mit einer Depression aus?
In unserer Studie wurden die Patienten am wenigsten persönlich stigmatisiert, die sich differenziert verhielten. Man nennt das "selektive Offenheit". Sie schützt am besten.

Das klingt nach einer Kompromissformel zwischen Reden und Schweigen.
Ja, genau. Die Patienten entscheiden nach Lage: Wer ist das, der da schlecht über psychisch Kranke spricht? Lohnt es sich überhaupt, zu reagieren? Habe ich heute die Kraft dazu? Sie prüfen diejenigen, denen sie sich anvertrauen: Hat der mir beim Umzug geholfen, wie fürsorglich verhält er sich sonst? Stigma-Management kann man lernen und man sollte dabei die Persönlichkeit einbeziehen. Manche Menschen lieben die Bühne und machen sich schließlich zum Botschafter ihrer Krankheit, andere ergreifen Partei, ohne sich selbst zu erkennen zu geben. Beides können individuell gute Bewältigungsstrategien sein.

Interview gefunden in Gesund Leben, Nr. 5/2010

Corinna Schöps/Stern Serie

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