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Gegen Traurigkeit gewachsen

Seit der Antike gilt Johanniskraut als potentes Heilmittel. Die Forschung gibt der Volksmedizin recht: Es hilft bei Depressionen und kann tatsächlich eine verträglichere Alternative zu Antidepressiva sein.

Von Edzard Ernst

In der Heilkunde wird das "Echte Johanniskraut" verwendet, hier zu sehen ist ein naher Verwandter, das "Geflügelte Johanniskraut "

In der Heilkunde wird das "Echte Johanniskraut" verwendet, hier zu sehen ist ein naher Verwandter, das "Geflügelte Johanniskraut "

Johanniskraut ist ein Star der Pflanzenheilkunde. Bei keinem anderen "Phyto" ist die Wirkung vergleichbar gut mit harten wissenschaftlichen Daten untermauert. Das solide Fundament macht sich bezahlt: Seit vielen Jahren läuft das Geschäft mit Johanniskraut ausgezeichnet. Allein in Deutschland werden rund 100 verschiedene Präparate mit Hypericum perforatum angeboten und jährlich etwa vier Millionen Packungen verkauft.

Die Heilpflanze, das weiß inzwischen nahezu jeder, hilft bei Depressionen. Dazu liegen mehr als 50 gute klinische Studien vor. Ihre Ergebnisse sind zwar nicht völlig einheitlich - das ist auch kaum anders zu erwarten - aber die große Mehrzahl dieser Untersuchungen belegt recht eindeutig, dass Johanniskraut wirkt. Zunächst nahm man an, der Effekt beschränke sich auf leichte depressive Verstimmungen. Heute meint man jedoch, dass Johanniskraut auch bei schweren Depressionen hilft. Gemäß einiger Studien wirkt es sogar mindestens so gut wie moderne Antidepressiva wie beispielsweise Fluctin, international auch unter dem Namen Prozac bekannt.

Was Johanniskraut den synthetischen Medikamenten überlegen macht: Nebenwirkungen treten sehr viel seltener und milder auf. Groß angelegte Beobachtungsstudien deuten sogar darauf hin, dass die Pflanze kaum mehr davon hat als ein Placebo. Man könnte also sagen, dieses Phyto ist frei von schweren Nebenwirkungen.

Ein Haar in dieser Suppe findet sich leider

Wird Johanniskraut mit anderen Medikamenten kombiniert, kann es zu schwerwiegenden Interaktionen kommen. Es stimuliert den Abbau zahlreicher Medikamente in der Leber und reduziert deren Aufnahme im Darm. Beide Effekte wirken zusammen, sodass der Blutspiegel der entsprechenden Medikamente erheblich abfällt und die erwünschten Wirkungen der Arzneien nicht zum Tragen kommen. Handelt es sich um ein lebenswichtiges Mittel, etwa einen Gerinnungshemmer, dann können diese Interaktionen lebensgefährliche Folgen haben. Der beste Rat, den man hier wohl geben kann, ist, Johanniskraut prinzipiell nicht mit anderen Medikamenten zu kombinieren - es sei denn, der behandelnde Arzt hat dies ausdrücklich für gut befunden.

Wenn Johanniskraut so prima ist, warum isoliert man dann nicht einfach seinen pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoff und bringt ihn als synthetisches Medikament auf den Markt? So verfahren Pharmakologen häufig, und diese Vorgehensweise leuchtet völlig ein, schließlich macht sie die Therapie transparent. Im Falle des Johanniskrauts hat die Methode jedoch einen entscheidenden Fehler: In der Pflanze stecken derart viele Inhaltsstoffe, die möglicherweise alle an der Wirksamkeit beteiligt sind, dass die simple Logik der Pharmakologie hier nicht greift. Wir müssen also weiterhin mit der Komplexität der Heilpflanze zurechtkommen.

Wer den Kauf einer Johanniskraut-Arznei erwägt, sollte bedenken: In der Qualität unterscheiden sich die zahlreichen Mittel enorm. Viele frei verkäufliche Präparate sind zu niedrig dosiert, um zu wirken. Als Faustregel gilt: Was wenig kostet, ist meist wenig wert. Aufgrund der Verschiedenheit der Mittel lässt sich keine allgemeine Empfehlung geben; auf jeden Fall sollte die Tagesdosis bei 300 bis 900 Milligramm des Extraktes liegen.

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