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Das hilft gegen die Schwermut

Medikamente und Psychotherapie, Hirnschrittmacher, Meditation und Bewegung: Die Methoden, mit denen Depressionen behandelt werden, sind vielfältig. Unsere Übersicht beschreibt die wichtigsten Heilverfahren, ihren Nutzen und ihre Risiken.

Von Torben Müller

Irgendwann vergeht jede Depression

Irgendwann vergeht jede Depression

Wer an einer Depression erkrankt ist, braucht Hilfe. Das Seelenleiden kann mit verschiedenen Verfahren behandelt werden: Medikamente und Psychotherapie sind die klassischen Säulen der Therapie. Daneben können sich aber auch Sport, Meditation und Schlafentzug positiv auswirken. Der Therapiekompass gibt einen Überblick über die wichtigsten Verfahren.

Artikel gefunden in Gesund Leben, Nr. 5/2010

Medikamente

Synthetische Antidepressiva

Wenn Menschen unter Schwermut leiden, ist die Chemie in ihrem Gehirn gestört. Es mangelt ihnen zum Beispiel an den Botenstoffen Noradrenalin und Serotonin, die unsere Stimmung maßgeblich beeinflussen. Antidepressiva erhöhen die Konzentration dieser Neurotransmitter und gleichen Defizite aus. Bei schweren Depressionen sind sie meist unverzichtbar, weil sie gewöhnlich schneller wirken als eine Psychotherapie. Oft bahnen sie dem Patienten sogar erst den Weg dahin. Die gängigen Präparate gliedern sich in vier Wirkstoffklassen:

  • Trizyklische Antidepressiva (TZA) blockieren die Synapsen der Nervenzellen, an denen Serotonin und Noradrenalin andocken. Das verhindert, dass die Zellen die Botenstoffe wieder aufnehmen, so steht an den Kontaktstellen mehr von ihnen zur Verfügung. Manche TZA steigern den Antrieb, andere dämpfen ihn und lösen Ängste. Unerwünschte Nebenwirkungen sind unter anderem Mundtrockenheit, Schwindel, Verstopfung, Libidoverlust und Erektionsstörungen.
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) hemmen gezielt den Rücktransport von Serotonin aus dem synaptischen Spalt in die Synapsen. Ihre Nebenwirkungen sind geringer als die der TZA.
  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wirken wie die SSRI, blockieren jedoch zusätzlich den Rücktransport von Noradrenalin.
  • Monoaminoxidase-Hemmer (MAO-Hemmer) blockieren die Aktivität des MAO-Enzyms, das die Botenstoffe nach ihrer Rückkehr in die Synapse abbaut. Gewöhnlich rufen die Medikamente nur relativ geringe Nebenwirkungen wie gelegentlich leichte Übelkeit und Schlafstörungen hervor. Allerdings müssen Patienten, die MAO-Hemmer der ersten Generation mit dem Wirkstoff Tranylcypromin einnehmen, auf Tyramin-haltige Lebensmittel wie Rotwein, vollreifen Käse oder Bier verzichten, weil sonst womöglich ihr Blutdruck gefährlich steigen könnte. Neuere Präparate mit dem Wirkstoff Moclobemid erfordern eine solche Diät meist nicht mehr. Sie sind besonders wirksam gegen Depressionen, die mit starken Ängsten verbunden sind. Der Arzneistoff Tranylcypromin hat sich bei Antriebshemmung bewährt.

Alle Antidepressiva wirken nicht sofort, sondern brauchen bei täglicher Einnahme eine Anlaufzeit von rund drei bis fünf Wochen. Nach vier bis sechs Wochen gehen die Beschwerden bei 50 bis 70 Prozent der Patienten deutlich zurück. Dann dürfen die Präparate keinesfalls abgesetzt werden, sonst ist die Gefahr eines Rückfalls groß. Zur Sicherheit sollte die Dosis erst nach Absprache mit dem Therapeuten über zwei bis drei Wochen schrittweise reduziert werden. Entgegen der landläufigen Meinung machen Antidepressiva nicht abhängig.

Vor rund zwei Jahren verunsicherte eine britische Forschungsarbeit viele Patienten, die nach Auswertung von 47 Studien zu dem Schluss gekommen war, dass SSRI und SNRI nur unwesentlich besser als Placebos wirkten und lediglich bei schweren Depressionen einen klaren Vorteil erbrächten. Kritiker bemängelten die schmale Datenbasis und verwiesen auf die positiven Erfahrungen in der klinischen Praxis.

Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen stellte nach einer Analyse von 80 Studien fest, dass zumindest die SNRI-Wirkstoffe Venlafaxin und Duloxetin wirksamer als Scheinpräparate seien. Manchen Patienten helfen SSRIs tatsächlich nicht. Dann bewirkt womöglich eine bestimmte Erbanlage der Betroffenen, dass die Antidepressiva aus dem Gehirn umgehend wieder in die Blutbahn transportiert und anschließend ausgeschieden werden, bevor sie überhaupt in Aktion treten können. In diesem Fall sind Trizyklika die bessere Wahl. Vielleicht reicht aber auch die Dosis der SSRIs nicht aus, weil die Patienten die Medikamente zu schnell verstoffwechseln. Dann muss die Menge gesteigert werden.

Pflanzliche Antidepressiva

Johanniskraut ist das einzige pflanzliche Medikament, dessen antidepressive Wirkung nachgewiesen ist. Bis vor Kurzem empfahlen Fachleute das Mittel nur bei leichten bis mittleren Depressionen; mittlerweile gehen manche davon aus, dass es auch in schweren Fällen hilft. Wie Johanniskraut im Körper wirkt, ist noch unbekannt. Vermutlich blockiert es die Wiederauf-nahme von Serotonin und Noradrenalin. Allerdings sollten Patienten dafür täglich mindestens 900 Milligramm einnehmen. Mitunter geben Ärzte auch Dosen bis zu 1800 Milligramm. Weil Johanniskraut in Wechselwirkung mit anderen Antidepressiva Übelkeit, Angst, Rastlosigkeit und sogar Verwirrungen auslösen kann, sollte man eine Einnahme mit dem Arzt absprechen.

Weitere Medikamente

  • Beruhigungsmittel (Tranquilizer) helfen gelegentlich zu Beginn einer Therapie, Angst, Unruhe und Schlafstörungen zu lindern, bis die Wirkung der Antidepressiva einsetzt. Allerdings sollten Arzneien aus der Gruppe der Benzodiazepine wegen der extremen Suchtgefahr maximal zwei Wochen eingenommen werden.
  • Neuroleptika dämpfen Wahnvorstellungen und Unruhe. Diese Medikamente, die häufig zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt werden, können bei wahnhaften Depressionen sinnvoll sein.
  • Lithiumpräparate beugen Rückfällen vor und senken nachweislich das Suizidrisiko; vor allem bei
  • Patienten mit bipolaren Störungen ("manisch-depressiv") haben sie sich bewährt. Sie wirken allerdings erst nach mehreren Monaten. Da bei zu hoher Dosierung Vergiftungserscheinungen auftreten können, muss der Lithiumspiegel vom Arzt regelmäßig überprüft werden.
  • Als Alternative zum Lithium setzen Mediziner Anti-Epileptika wie Carbamazepin ein. Diese wirken besonders gut bei Patienten mit häufigen Stimmungsschwankungen und verursachen schwächere Nebenwirkungen. Jedoch zeigen Untersuchungen aus den USA, dass Kranke, die das Präparat Valproat einnahmen, ein deutlich höheres Suizidrisiko als Lithiumkonsumenten aufwiesen.

Psychotherapie

Leichte bis mittelschwere Depressionen können mitunter allein mit einer Psychotherapie geheilt werden. Die Wirksamkeit verschiedener Varianten ist wissenschaftlich belegt. Sehr häufig werden Arznei- und Psychotherapie miteinander kombiniert.

Alle psychotherapeutischen Behandlungsmethoden basieren auf drei Faktoren: der Wirkung von Verhalten und Gesprächen sowie der Beziehung von Therapeut und Patient. Deshalb ist es wichtig, dass der Patient einen erfahrenen Therapeuten findet, dem er vertraut. Aus diesem Grund gewähren die Kassen bei ambulanten Therapien zunächst fünf Probesitzungen. Danach muss der Patient sich entscheiden, ob er bei diesem Therapeuten bleiben oder erneut fünf Testtermine bei einem anderen in Anspruch nehmen will. Nach rund 25 Therapiesitzungen sollten sich zumindest Teilerfolge einstellen. Bleiben diese aus, sinkt die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass sich der Zustand des Betroffenen im weiteren Behandlungsverlauf deutlich bessert.

Die Kassen zahlen in der ambulanten Versorgung der Patienten nur für Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse; Kliniken können in der stationären Therapie auch andere Methoden abrechnen.

Tiefenpsychologische Verfahren

Vorbild aller tiefenpsychologischen Behandlungsvarianten ist die Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Psychoanalytiker verstehen die Depression unter anderem als Konsequenz nicht ausgelebter Aggressionen, die sich am Ende gegen die eigene Person richten. Die Wurzel der Beschwerden liegt dieser Theorie gemäß oft in traumatischen Erlebnissen in der Kindheit, die der Patient verdrängt hat und mithilfe des Therapeuten in den Sitzungen aufspüren, analysieren und überwinden soll. Die Therapie nimmt viel Zeit in Anspruch (mehrere Sitzungen pro Woche über mehrere Jahre). Die Kassen zahlen bis zu 300 Stunden, allerdings existieren nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen, die der Psychoanalyse eine überzeugende Wirkung bei Depressionen bescheinigen.

Eindeutig belegt ist dagegen der Nutzen der psychoanalytischen Kurzzeittherapie. Sie beschränkt sich auf ein klar begrenztes Problem oder einen Konflikt, wie zum Beispiel unbewältigte Trauer oder Mobbing im Beruf, und ist zeitlich auf bis zu 40 Stunden begrenzt. Oft werden solche Kurzzeitbehandlungen in dringenden Fällen eingesetzt, da sie schneller bewilligt werden als eine Psychoanalyse. Zwölf Stunden sollte die Behandlung mindestens dauern, damit sie etwas bringt.

Gute Wirksamkeitsnachweise bei Schwermut liegen ebenfalls für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie vor. Auch hier gilt es, aktuelle psychische Konflikte zu lösen. Die Vergangenheit dient lediglich als Hintergrund zur Erklärung der Beschwerden. Im Durchschnitt umfasst diese Form der Therapie 60 Sitzungen.

Verhaltenstherapie

Ziel der Verhaltenstherapie ist, die Handlungen des Patienten zu ändern. Sie geht davon aus, dass eine Depression vor allem das Ergebnis nachteiliger Lernprozesse ist. Dem Patienten fehlt zum Beispiel positive Verstärkung durch angenehme Erlebnisse. Oder er hat gelernt, dass alle Mühe und Initiative nichts einbringt und er dem Schicksal scheinbar ausgeliefert ist. Mittlerweile beziehen Therapeuten neben den Verhaltensmustern als Ursache für die Depressionen auch gestörte Beziehungen, unbewusste Motive und Fehler im Denken ein.

Die Methode, die sich zur Behandlung von Schwermut bewährt hat, soll dem Patienten helfen, pessimistische Einstellungen durch realistische Alternativen zu ersetzen, wieder aktiver zu werden, den Umgang mit anderen Menschen zu verbessern und wieder mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.

Weitere Psychotherapien

  • Die interpersonelle Psychotherapie (IPT) umfasst als Kurzzeitbehandlung 12 bis 20 Sitzungen und wurde speziell für Depressive entwickelt. Sie konzentriert sich auf Probleme des Patienten im Umgang mit anderen Personen, die nach diesem Konzept Ursache oder Folge der Depression darstellen. In den Sitzungen werden zum Beispiel Konflikte in Partnerschaft und Beruf oder Rollenprobleme in der Familie bearbeitet. Die Patienten sollen lernen, besser mit ihrem Umfeld zurechtzukommen. Der Nutzen der IPT ist nachgewiesen. Sie eignet sich auch besonders für ältere Menschen mit wiederkehrender Depression.
  • Bei der kognitiven Umstrukturierung geht es vor allem darum, das Denken des Patienten zu verändern. In mehreren Schritten lernt er in diesem verhaltenstherapeutischen Verfahren, seine negative Sicht auf die Dinge zu überprüfen und alternative Denkweisen zu entwickeln. Wie praxistauglich diese sind, prüfen Therapeut und Patient in der letzten Phase der Behandlung in simulierten Situationen. Durchschnittlich umfasst eine solche Therapie 20 bis 45 Sitzungen.
  • Die systemische Familientherapie beruht auf der Annahme, dass die Krankheit des Patienten Symptom für die Probleme der ganzen Familie ist und diese deshalb möglichst mit allen Mitgliedern zusammen verstanden und gelöst werden müssen. Diese Art der Behandlung dauert meist nicht sehr lang (sechs bis zwölf Sitzungen) und wird oft in Kliniken und -Beratungsstellen angeboten.
  • In der klientenzentrierten Gesprächstherapie bestimmt der Klient selbst die Richtung der Behandlung. Nach der Theorie kennt er grundsätzlich seine Bedürfnisse, allerdings ist dieses Wissen aufgrund negativer Reaktionen auf sein Verhalten teilweise oder ganz verschüttet worden. Im Gespräch mit dem Therapeuten soll er seine Wünsche, Interessen und Begabungen wieder freilegen. Gesprächstherapien werden oft mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen kombiniert, weil sich das in Studien als wirkungsvoller erwiesen hat.
  • Auch die Gestalttherapie beruht auf der Überzeugung, dass sich die Klienten selbst aus der Depression befreien können, wenn sie mithilfe des Therapeuten gelernt haben, ihre Bedürfnisse zu beachten und sich mit anderen Menschen auszutauschen. In Rollenspielen werden entsprechende Handlungsmuster entwickelt. Bislang ist die Wirkung der Behandlung bei Schwermut nicht abschließend bewiesen.
  • Die Schematherapie, eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie, basiert auf der Annahme, dass wir alle in der Kindheit bestimmte Muster erlernen, die bestimmen, wie wir auf ein Ereignis seelisch reagieren und wie wir uns verhalten. Später im Erwachsenenalter halten wir oft an diesen Schemata fest. In der Therapie gilt es, negative Muster und deren Ursachen zu erkennen, eine Distanz dazu zu schaffen und schließlich neue Handlungsweisen zu entwickeln. Die Wirksamkeit dieser neuen Therapieform ist noch nicht erwiesen und wird derzeit wissenschaftlich geprüft.

Weitere Behandlungsverfahren

Sport

Auch wenn es Depressiven oft besonders schwerfällt, sich zu bewegen: Regelmäßiger Sport hilft gegen die Schwermut. Denn während der körperlichen Belastung schüttet der Organismus verstärkt euphorisierende Endorphine aus, der Serotoninhaushalt normalisiert sich. In einer Studie fanden Wissenschaftler der Duke University im US-Staat North Carolina heraus, dass Ausdauertraining bei einer ausgeprägten Depression ebenso gut hilft wie eine Medikamententherapie.

Weil die sportlich aktiven Probanden zudem spürten, dass sie etwas gegen ihre Krankheit bewirken können und ihr Wohlbefinden steigerten, erlitten sie weniger Rückfälle als andere Patienten. In einer Untersuchung der Bewegungswissenschaftlerin Andrea Dunn vom Cooper-Institut im texanischen Dallas gingen die Symptome in der Bewegungsgruppe um 47 Prozent zurück, bei 42 Prozent der Patienten verschwanden sie vollständig. Diese Probanden hatten sich zwei Monate lang drei- bis fünfmal pro Woche moderat bewegt. Das Pensum pro Einheit entsprach dem eines halbstündigen flotten Spaziergangs.

Schlafentzug

Oft leiden depressive Menschen unter Schlafstörungen, die sie zusätzlich belasten. Ausgerechnet gezielter Schlafentzug kann die Symptome lindern. Dabei bleiben die Patienten eine Nacht oder auch nur in der zweiten Nachthälfte wach. Am folgenden Morgen sind die Beschwerden häufig fast vollständig verschwunden. In allen Fällen lässt die Wirkung nach der nächsten durchschlafenen Nacht nach. Häufig kann sogar schon ein kurzes Nickerchen in der zweiten Nachthälfte oder am folgenden Tag den Effekt aufheben.

Um die Wirkung zu verlängern, wenden manche Therapeuten die Schlafphasenverlagerung an: Dabei wird die Einschlafzeit nach einer durchwachten Nacht zu Beginn auf 16 Uhr gelegt (bei acht Stunden Ruhe) und jeden Tag um eine Stunde nach hinten verschoben, bis der gewohnte Zeitpunkt um 22 oder 23 Uhr wieder erreicht ist.

Anfänger sollten den Schlafentzug zunächst in einer Klinik erlernen, können ihn später aber auch zu Hause durchführen. Patienten der Ameos Klinik Hildesheim führen nach einer verkürzten Nacht im Rahmen einer Verhaltenstherapie einen Stimmungskalender. Die Protokolle helfen, die meist einsetzende Verbesserung zu erkennen, und wirken so zusätzlich motivierend.

Lichttherapie

Bei der sogenannten Winterdepression, die zwischen Oktober und März auftritt, kann Bestrahlung mit Licht helfen: Die Betroffenen blicken täglich rund eine Stunde in eine starke Lichtquelle mit 2500 bis 10 000 Lux (zum Vergleich: normal beleuchtete Räume sind 300 bis 800 Lux hell). Rund 60 Prozent der Patienten sprechen nach einer Woche auf die Behandlung an.

Weshalb diese Art der Therapie bei Winterdepression hilft, ist nicht genau geklärt. Vermutlich beeinflusst die Bestrahlung über die Netzhaut die Ausschüttung von Botenstoffen wie Serotonin und Melatonin. Für die Lichttherapie dürfen nur spezielle Leuchten benutzt werden. Auf keinen Fall sollten Betroffene direkt in die Sonne oder UV-Lampen blicken. Sie könnten sonst ihre Augen schädigen.

Elektrokrampftherapie (EKT)

Die Behandlung depressiver Patienten mit elektrischem Reizstrom leidet in Deutschland unter so einem schlechten Ruf, dass sie von vielen Kliniken nicht mehr angeboten wird - allerdings zu Unrecht. Denn bei besonders schweren Fällen von Depression bei Erwachsenen wirkt sie so gut wie keine andere Methode. Und das auch dann, wenn Medikamente und Psychotherapie nicht anschlagen, besonders bei Fällen von Altersdepression. In den USA wird die EKT deshalb seit rund 20 Jahren wieder vielfach angewandt.

Bei der Methode werden bestimmte Hirnbereiche des narkotisierten Patienten unter Strom gesetzt, das löst einen Krampfanfall aus. Medikamente sorgen dafür, dass dabei die Muskeln entspannt bleiben und es nicht zu den sonst typischen Zuckungen kommt. Oft wirkt die Therapie bereits nach zwei bis vier Anwendungen - weshalb, ist noch nicht umfassend geklärt. Unter anderem werden bei der EKT verstärkt Eiweiße im Gehirn freigesetzt, denen eine beruhigende Wirkung zugeschrieben wird. Außerdem strömt vermehrt Blut durch das Denkorgan, und die Dichte der aktiven Rezeptoren für einige Botenstoffe, die mit der Depression zusammenhängen, erhöht sich. Weil die Methode zwar bei akuten Beschwerden hilft, aber nicht vor Rückfällen schützt, folgt meist eine Medikamentenbehandlung, eventuell zusammen mit einer Psychotherapie.

Vagusnervstimulation

Über den Vagusnerv steuert das Hirn wichtige Körperfunktionen wie den Herzschlag. Sendet man darüber schwache elektrische Impulse in die andere Richtung zum Kopf, hellt sich die Stimmung depressiver Menschen spürbar auf. Die Signale strahlt ein kleiner Schrittmacher aus, der unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzt wird. Die genaue Wirkungsweise der Technik ist bislang unklar. Vermutlich werden durch die Reizung vermehrt Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin freigesetzt.

In ersten Studien besserte sich der Zustand bei rund 40 Prozent der untersuchten Patienten mit schweren Depressionen, denen andere Therapien nicht geholfen hatten, deutlich und dauerhaft. Allerdings kann es einige Monate dauern, bis die Behandlung Erfolge zeigt. Bislang traten kaum Nebenwirkungen auf, und die waren nur leicht, wie Heiserkeit und Atembeschwerden. Da Langzeitstudien noch fehlen und Gerät und Operation rund 10.000 Euro kosten, sollten zunächst die herkömmlichen Methoden ausprobiert werden.

Repetitive Transkranielle Magnetstimulation (TMS)

Diese Form der Depressionsbehandlung wird bislang nur in Forschungs- und Versorgungskliniken durchgeführt. Studien belegen eine gute Wirksamkeit bei jüngeren Patienten mit leichten bis mittelschweren Beschwerden und chronischer depressiver Verstimmung (Dysthymie).

Bei der TMS wird ein kleiner Bereich in der linken vorderen Hirnhälfte mit starken Magnetwellen gereizt. Der Patient spürt dabei nur ein leichtes Kribbeln in der Kopfhaut. Vermutlich wird durch die Stimulation der Hirnstoffwechsel normalisiert. Der Körper schüttet wieder vermehrt Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin aus.

Massage

Ganzkörpermassagen können die Beschwerden von Depressiven lindern, zeigen Studien. So minderten zum Beispiel sehr sanfte, langsame, einstündige Behandlungen im Rahmen einer Berliner Untersuchung bei mittelschweren bis schwere Fällen kurzfristig Angespanntheit und Unruhe und hoben die Stimmung.

Akupunktur

Die wenigen wissenschaftlichen Studien über den Nutzen von Akupunktur bei Depression bescheinigen der Methode allenfalls einen schwachen Behandlungseffekt. Antidepressiva kann sie nicht ersetzen.

Musiktherapie

Bei dieser Behandlung erzeugen die Patienten meist aktiv Klänge - nicht unbedingt Melodien - auf Instrumenten und äußern so Emotionen, die sie sonst nicht in Worte fassen können. Christian Gold, Professor für Musiktherapie im norwegischen Bergen, hat verschiedene Untersuchungen analysiert und nachgewiesen, dass die Therapie bei Schwermut hilft. Ein kleiner Effekt sei bereits nach durchschnittlich vier Einheiten zu beobachten, ein mittlerer nach zehn und ein erheblicher nach sechzehn Terminen. Musiktherapie sollte mit einer Gesprächs- oder Verhaltenstherapie verbunden werden.

Meditation

Achtsamkeitsmeditation trainiert, den Moment bewusst wahrzunehmen. Sie schärft das Körperempfinden, stärkt die Gefühlskontrolle und lässt den Geist "gesunden". All das kommt Depressionspatienten zugute, wie eine neuere Studie gezeigt hat: 36 Prozent der meditierenden Probanden, die sämtlich drei oder mehr Schwermutepisoden erlebt haben, erlitten einen Rückfall. In der Gruppe, die ohne Achtsamkeitstraining behandelt wurde, waren es 78 Prozent.

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333; wochentags von 14 bis 20 Uhr)

Hilfreiche Adressen im Internet

  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und mit Kliniken zu finden. Zudem gibt es viele Informationen rund um die Depression mit Rat und Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS) oder auch die Seite www.depressionen-selbsthilfe.de

Buchtipps

  • Schattendasein - Das unverstandene Leiden Depression. Thomas Müller-Rörich, Kirsten Hass, Françoise Margue, Annekäthi van den Broek, Rita Wagner. Springer Medizin Verlag 2007. 19,95 Euro
  • Depression – die Krankheit bewältigen. Manfred Wolfersdorf. Balance Ratgeber 2010. 14,95 Euro
Mitarbeit: Anke Kapels, Eva-Maria Schnurr/print

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