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Wenn die Seele Trauer trägt

Depression ist eine Volkskrankheit. Eine Dokumentation begleitet drei Menschen, die an einer schweren Depression leiden, bei ihrem Kampf gegen die Finsternis in der Seele. Ein schonungslos offener Film, der trotzdem Hoffnung macht.

  Für Angehörige und Freunde ist eine Depression häufig schwer nachzuvolllziehen

Für Angehörige und Freunde ist eine Depression häufig schwer nachzuvolllziehen

Früher war Olaf ein Boxer. Hart im Nehmen. Einer, der Schläge einstecken konnte und sich nach Niederlagen immer wieder aufraffte. Dieser Berg von einem Mann sitzt nun zusammengesunken auf einem Stuhl und sucht nach Worten. "Es fängt an mit einem Gefühl der Leere, der Frage: Warum? Irgendwann stellt man sich die Frage: Warum lebst Du überhaupt noch?", sagt er und sein Blick schweift durch den Raum. Gregor Theus fängt ihn mit der Kamera ein. Zwei Jahre lang hat der Kölner Filmemacher drei schwer depressive Patienten in der Berliner Charité-Klinik für Psychiatrie durch alle Höhen und Tiefen begleitet.

Theus Film "Schattenzeit", die erste Langzeitdoku dieser Art überhaupt, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Der Film zeigt Hoffnung, aber auch schonungslos die ganze Brutalität der Krankheit. "Es ging mir darum, einen ehrlichen Film aus Sicht der Betroffenen zu machen. Das geht nicht innerhalb von zwei Wochen", sagt Theus.

Eine derartige Dokumentation war zunächst nicht geplant. "Zuerst ging es mir nur um die Elektrokrampftherapie. Seit dem Film "Einer flog übers Kuckucksnest" war das für mich eine echte Horrorvorstellung. Und dann erfuhr ich, dass es das immer noch gibt." Theus recherchierte und fuhr nach Berlin in die Charité. Aus einem Kurzbesuch wurde ein mehrmonatiges Praktikum. "Je länger ich da war, desto klarer wurde mir, dass die Depression das eigentliche Thema war. Diese Krankheit kann wirklich jeden treffen. Und für die schwerst erkrankten Menschen ist die moderne Form der Elektrokrampftherapie manchmal sogar ein Lichtblick", sagt Theus.

Nicht dramatisierend, nicht beschönigend

Nachdem er lange darum kämpfte, an der Charité eine Drehgenehmigung zu bekommen, gab den Ausschlag schließlich sein erster Film: Eine Dokumentation über Alzheimerkranke, die bereits auf mehreren Festivals Preise bekam und die Berliner überzeugte. "Danach entwickelte sich eine sehr, sehr enge Zusammenarbeit mit den Ärzten", sagt Theus. Trotzdem war der Weg für alle Beteiligten steinig. "Immer wieder musste ich die Aufnahmen für eine Weile unterbrechen, weil es einem meiner Patienten zu schlecht ging und er nicht gefilmt werden wollte." Um in absoluten Tiefphasen ohne Worte kommunizieren zu können, hatten der Filmemacher und seine drei Protagonisten Olaf, Mona und Maria spezielle Handzeichen ausgemacht, woraufhin Theus die Kamera ausschaltete.

Das gegenseitige Vertauen wurde immer größer. Theus durfte schließlich sogar mit der Kamera bei Elektrokrampftherapien und einer Tiefenhirnstimulation dabei sein. Für die schwer kranke Mona, bei der keine andere Therapie anschlug, war dies der letzte Ausweg. "Manchmal brauchte aber auch ich Abstand", sagt Theus. "Ich musste auf mich aufpassen, habe über das Erlebte viel mit Freunden gesprochen. Ich kann mich nun gut in die Angehörigen hineinversetzen, die irgendwann doch in einen negativen Sog geraten."

Die Charité-Psychologin Sara Zeugmann, mit der Theus während der zwei Jahre eng zusammenarbeitete, ist bewegt von dem Film: "Selbst für uns Fachleute ist vieles sehr eindrucksvoll. Der Film dramatisiert nicht, aber er beschönigt auch nicht. Er zeigt Hoffnung, aber auch die harte Arbeit und den langen Weg, den ein Patient beim Heilungsprozess durchhalten muss." Theus, der den Film alleine finanziert und produziert hat, freute sich nach den Dreharbeiten besonders über eines: "Alle drei Patienten sind heute auf dem Weg der Besserung."

Die Dokumentation ist ab Oktober in folgenden Kinos zu sehen.

DPA/DPA
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