So wappnen Sie sich gegen die Zuckerkrankheit

Lange galt Diabetes Typ 2 als unausweichliches Schicksal. Jetzt weiß man: Das gefährliche Stoffwechselleiden lässt sich frühzeitig verhindern - sogar ohne Qual und Medikamente. Von Corinna Schöps

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Nie wieder süßer Genuss? Ganz so streng sind die Ernährungsregeln zur Diabetesprävention zum Glück nicht.©

Alterszucker - so nannte man das Leiden früher landläufig. Und das klang nach schwerem Schicksal und dauerhaftem Verzicht auf alles, was schmeckt. Doch inzwischen weiß man: Von Schicksal kann beim Diabetes Typ 2 keine Rede sein. Und von einem freudlosen Leben schon gar nicht. Das Stoffwechselleiden lässt sich verhindern oder lange hinauszögern, mit wenigen, simplen Alltagsmaßnahmen, die besser helfen als Medikamente. Und das alles gilt sogar für Menschen, die bereits ein sehr hohes Erkrankungsrisiko haben.

Seit diese Daten auf dem Tisch liegen, hat sich das Bild von der Diabetesprävention verändert. Die Ernährung spielt freilich noch immer eine tragende Rolle, und nicht minder heilsam wirkt körperliche Aktivität. Doch die jüngeren Vorsorgeempfehlungen zielen weder darauf, den Genuss zu verbannen, noch die Küche auf den Kopf zu stellen. Und auch bei der Bewegung lautet inzwischen die oberste Devise: keine Kasteiung

Übergewicht und Bewegungsmangel vermeiden

Die präziseren und lebensnahen Erkenntnisse, wie sich Diabetes Typ 2 verhüten lässt, sind von enormem Wert. Denn das Leiden gilt als eine der größten Herausforderungen für das deutsche Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert. Schätzungsweise die Hälfte der Männer und rund ein Drittel der Frauen jenseits der 50 entwickeln bereits eine Vorform, den Prädiabetes. Etwa acht Prozent der Erwachsenen leiden unter einem ausgewachsenen Diabetes Typ 2 - Tendenz stark steigend. Übergewicht und Bewegungsmangel gelten als wichtige Wegbereiter und daher inzwischen als die zentralen Ansatzpunkte.

Die Veränderung des Lebensstils hat einen unschlagbaren Vorteil: Sie setzt an der Ursache des Übels an und dreht die biologische Uhr zurück - das kann bis heute kein einziges Medikament. Nach jüngsten Erkenntnissen kommt der Bewegung dabei eine größere Bedeutung zu, als man dachte. Denn sie wirkt über eigene, nützliche Mechanismen auf den Zuckerstoffwechsel. "Muskeln saugen den Zucker aus der Blutbahn in die Zellen hinein, wo er hingehört und zu Energie verarbeitet werden kann", erklärt Martin Halle, Sportmediziner und Experte für Diabetesprävention an der Technischen Universität München. "Weil die Muskeln die Glukose aus dem Verkehr ziehen, entlasten sie die Gefäße."

Zusätzliche Insulinrezeptoren durch Bewegung

Denn der Zucker, dieses potente Gift, das Marmelade konserviert und vor Keimbefall schützt, greift die Innenwände der Arterien an. Besonders schädlich wirkt er im Cocktail mit Cholesterinpartikeln. Das Gemisch löst Entzündungen an den Gefäßwänden aus und beschleunigt die Alterung. Die Stoffe, die dadurch ins Blut gelangen, blockieren Rezeptoren auf den Körperzellen. Das Hormon Insulin kann dann dort nicht mehr andocken und signalisieren: Türen öffnen, Glukose reinlassen. Die insulinresistente Zelle macht dicht - die Glukose treibt weiter im Blut. Die Folge: Die Gefäße nehmen Schaden, es drohen Impotenz und Herzinfarkt, schwere Schäden an Augen, Nieren und Fußnerven. Das Krebsrisiko vervierfacht sich. Die Insulinresistenz ist der Anfang des Übels - und genau sie lässt sich lange Zeit noch umkehren.

Bewegung behebt den Fehler einfach: Auf jeder neuen Muskelzelle bilden sich zusätzliche Insulinrezeptoren, Bewegung macht die Zelle aufnahmefähiger für Zucker. Die segensreichen Effekte körperlicher Aktivität sind bereits nach wenigen Tagen messbar. Daneben steht ein beträchtlicher Gewinn an Lebensqualität. „Die meisten Patienten leiden gar nicht so sehr unter ihrem Gewicht, sie leiden darunter, dass sie nach fünf Treppenstufen schnaufen und schwitzen“, sagt Sportmediziner Halle. Er verpasst seinen Schützlingen daher als erste Therapiemaßnahme einen Schrittzähler, mit der Aufgabe, Woche für Woche 500 Schritte mehr oder täglich eine Minute länger zu gehen. "Man spürt relativ schnell, wie man fitter wird, und das motiviert", sagt er.

Spielraum für gute Küche

Die meisten seiner Patienten brauchen einen sanften Start: "Wer 30 Jahre lang nichts gemacht hat, muss erst mal wieder seinem Körper vertrauen. Das geht nicht in drei Wochen." Das Pensum sollte daher so bemessen sein, dass es sofort Spaß bringt - und nicht erst in ferner Zukunft. Ob man spazieren geht, Rad fährt, schwimmt, Nordic Walking betreibt oder womöglich Langstrecken läuft, ist egal. Auch Krafttraining hat sich als nützlich erwiesen, was nicht verwundert, denn auch dabei wachsen schließlich Muskeln. Einzig wichtig ist, sich regelmäßig zu bewegen und dabeizubleiben.

Auch die aktuellen Ernährungsempfehlungen zur Diabetesprävention sind unkompliziert und lassen viel Spielraum für eine gute Küche. Sie lauten:

  • weniger Fett essen, vor allem weniger gesättigte Fette, also die in Wurst und Fertiggerichten;
  • mehr Ballaststoffe essen, also weniger Weißmehl, mehr Vollkorn. Optimal: Hafer und Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen, Erbsen;
  • fünf bis sieben Prozent des Gewichts abnehmen. Das ist nicht viel, aber es reicht bereits, um den Zuckerstoffwechsel aus der Gefahrenzone zu bringen.

Der Diabetologe Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke bringt es auf die Formel: "Meiden Sie die Mischung aus viel Zucker, Weißmehl und Fett." Für den Verzicht auf Sahnetorte beim Kränzchen können Sie sich künftig mit üppigem Kaffeegenuss entschädigen. Denn, so Pfeiffer, "Kaffee schützt vor Diabetes - besonders in größeren Mengen."

Entnommen aus stern Gesund Leben. Das Inhaltsverzeichnis des aktuellen Heftes finden Sie hier.

 
 
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