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Diabetiker müssen Teststreifen künftig selbst zahlen

Fast eine Million Typ-2-Diabetiker bestimmen täglich ihren Zuckerspiegel, obwohl sie kein Insulin spritzen müssen. Die teuren Teststreifen sollen nur noch in Ausnahmefällen erstattet werden.

Von Nicole Heißmann

  Ein Tröpfchen Blut genügt, um zu überprüfen, ob der Zuckerwert in Ordnung ist

Ein Tröpfchen Blut genügt, um zu überprüfen, ob der Zuckerwert in Ordnung ist

Für Diabetiker ist der kleine Piks Routine: Mehrmals am Tag stechen sie sich in den Finger, tupfen den Blutstropfen auf einen Teststreifen und schieben den dann in ein kleines Gerät, das den Blutzuckerwert anzeigt. Das, so glauben sie, sei wichtig, um die Krankheit unter Kontrolle zu halten. Aber stimmt das tatsächlich?

Der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist der Meinung, dass viele Patienten gar nichts davon haben, sich ständig Blut abzuzapfen. Das Gremium der Ärzte, Kassen und Kliniken legt fest, wofür die gesetzliche Krankenversicherung aufkommt. Und es hat gerade beschlossen, dass ein großer Teil der Diabetiker die Teststreifen fürs Blut sowie die seltener angewandte Variante für den Zuckercheck im Urin nicht mehr bezahlt bekommt.

Kleine Streifen, große Kosten

Das würde viel Geld sparen. Denn die kleinen beschichteten Papier- oder Plastikstücke gehören zu den großen Umsatzbringern im Gesundheitssystem: Bis zu 35 Euro kosten 50 Stück, pro Jahr erstatten die gesetzlichen Kassen dafür mehr als 900 Millionen Euro. Rechnet man Privatversicherte und Selbstzahler dazu, beträgt der Umsatz sogar 1,2 Milliarden Euro.

Die meisten Teststreifen werden von Diabetikern benutzt, die sich Insulin spritzen. Für sie gehört das Messen untrennbar zur Therapie: Bei zu hohem Zuckerwert müssen sie ihr Insulin sofort stärker dosieren, denn zu viel Zucker im Blut greift die Gefäße an und schädigt Augen oder Nieren.

Jeden fünften Test allerdings verwendet ein Diabetiker, der sich gar kein Insulin spritzt, weil seine Bauchspeicheldrüse nämlich noch etwas Insulin produziert. 4,7 Millionen dieser Patienten leben in Deutschland, schätzt die Deutsche Diabetes Gesellschaft. Die meisten von ihnen schlucken regelmäßig Tabletten, die ihre körpereigene Insulinproduktion unterstützen. Knapp eine Million dieser Diabetiker benutzen Geräte und Streifen zur Zuckermessung.

Studien zeigen keinen Vorteil

Es sind genau diese Typ-2-Diabetiker, die nun ab Ende 2011 ihre Teststreifen selbst bezahlen sollen. Und tatsächlich ist fraglich, ob sich das Piksen und Messen für sie lohnt. Wer Tabletten nimmt, passt seine Therapie nicht täglich an den Blutzucker an, sondern lässt nur alle paar Wochen vom Arzt seinen Langzeit-Blutzucker messen. Erst dieser Wert entscheidet, ob die Pillen neu dosiert werden müssen. Trotzdem sind viele Patienten empört über den G-BA-Beschluss. Als das Gremium am vergangenen Donnerstag in Berlin tagte, machten vor dem Gebäude schon einmal 100 Menschen mit Trillerpfeifen ihrem Ärger Luft, mobilisiert vom Deutschen Diabetiker Bund.

Der G-BA beruft sich bei seiner Entscheidung auf ein Gutachten des Kölner Instituts für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen (Iqwig). Danach fehlen für Diabetiker, die kein Insulin spritzen, jegliche Hinweise, dass sie länger oder gesünder leben, wenn sie ständig ihren Blutzucker kontrollieren. "Es gibt keine Daten, dass dadurch Herzinfarkte, Schlaganfälle, Augen- oder Nierenschäden verhindert werden. Wir wissen nur, dass messende Patienten etwas niedrigere Langzeit-Blutzuckerwerte haben. Ob sie dadurch gesünder sind, ist aber unklar", sagt Andreas Waltering vom Iqwig. Auch die wenigen Studienergebnisse zur Lebensqualität zeigen keinen Vorteil.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft beruft sich dagegen auf die Erfahrung von Ärzten, dass häufige Blutzuckermessung Patienten helfen kann, ihren Lebensstil an den Diabetes anzupassen. Das würde auch erklären, warum Patienten in Studien mithilfe der Streifen auf niedrigere Langzeit-Zuckerwerte kamen: "Wenn ein Diabetiker direkt sieht, dass Süßigkeiten den Blutzucker hochjagen und ein Spaziergang ihn wieder senkt, ist er eher motiviert, sich gesund zu verhalten - auch wenn es dafür keine Studien gibt", sagt Bernhard Kulzer von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. "Außerdem fühlen sich Diabetiker durch die Messung sicherer, weil sie ihren Blutzucker ja sonst nicht spüren würden."

Ausnahmen vorgesehen

Dem G-BA ist das zu wenig: "Es mag sein, dass der einzelne Patient dadurch ein höheres Sicherheitsgefühl bekommt. Medizinisch gesehen verbessern die Teststreifen die Behandlung aber nicht. Und da das Geld im Kassensystem begrenzt ist, müssen wir uns fragen, ob es hier nicht an der falschen Stelle eingesetzt wird", sagt Rainer Hess, Vorsitzender des G-BA.

Einige Ausnahmen soll es aber geben: So bekommen etwa Typ-2-Diabetiker, die gerade auf ein neues Medikament umgestellt werden oder eine Infektion durchmachen, die Streifen weiterhin von der Kasse. Denn in solchen Situationen kann der Blutzucker dramatisch schwanken und muss kontrolliert werden. Diabetiker, die Insulin spritzen, müssen laut Rainer Hess keine Einschränkung bei Teststreifen befürchten: "Es ist keine Frage, dass ein insulinpflichtiger Diabetiker diese Teststreifen braucht. Daran werden wir auch künftig nicht rütteln."

Bis Mitte Mai prüft nun das Bundesgesundheitsministerium den Beschluss des G-BA. Bei grünem Licht aus dem Hause Rösler soll dann endgültig klar sein, wer zum Jahresende seine Zuckermessung noch von der Kasse bezahlt bekommt und wer nicht.

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