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Leben mit der Spritze

Menschen mit Diabetes Typ 1 brauchen jeden Tag Insulin. Denn ihre Bauchspeicheldrüse stellt das lebenswichtige Stoffwechselhormon nicht her. Dennoch können Zuckerkranke ein fast normales Leben führen.

  Menschen mit Diabetes Typ 1 sind ein Leben lang auf Insulin angewiesen

Menschen mit Diabetes Typ 1 sind ein Leben lang auf Insulin angewiesen

Anders, als viele annehmen, kann Diabetes mellitus Typ 1 in jedem Lebensalter auftreten, auch noch mit 90 Jahren. Die Erkrankung wird zwar als jugendlicher Diabetes bezeichnet, weil sie oft im Teenageralter beginnt. Typische Anzeichen sind etwa, dass die Kinder schlechter in der Schule werden, dass ihre Leistungsfähigkeit im Sport nachlässt oder dass sie abnehmen, ohne es zu wollen.

In Deutschland gibt es rund 250.000 Menschen mit Diabetes Typ 1. Was in ihrem Körper falsch läuft, ist einfach zu beschreiben: Ihre Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin mehr. Dieses Hormon ist ein lebenswichtiger Türöffner im Energiehaushalt: Es hilft vielen Zellen des Körpers, Zucker aufzunehmen - jenen Brennstoff, den die Zellen brauchen, um zu überleben.

Fehlt das Insulin, gelangt der Zucker nicht mehr in die Zellen der Muskeln. Stattdessen bleibt er im Blut und reichert sich dort an. Dadurch verliert der Körper viel Wasser. Gleichzeitig mobilisiert der Organismus seine Fettreserven und verwandelt sie in Energie. So entstehen Säuren im Blut. Bekommt der Betroffene dann kein Insulin, wird er bewusstlos - der Körper kämpft ums Überleben.

Fehlgeleitetes Immunsystem

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Bauchspeicheldrüse nicht richtig funktioniert. Meist liegt es am körpereigenen Abwehrsystem, das die eigenen Zellen angreift. Im Fall von Diabetes Typ 1 sind es jene Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Insulin herstellen, sogenannte Beta-Zellen. Das Immunsystem stuft sie fälschlicherweise als Eindringlinge ein und bekämpft sie, bis sie zerstört sind.

Warum das Immunsystem so reagiert, ist noch nicht bis ins Detail geklärt. Wissenschaftler vermuten, dass Viren die Körperabwehr in die Irre leiten. Das sind zum Beispiel Erreger, die Masern, Röteln oder Mumps auslösen können. Allerdings gibt es noch andere Ursachen für die Zuckerkrankheit. Bei einer bestimmten Variante des Typ-1-Diabetes, dem Diabetes Typ 1B, stellen die Zellen der Bauchspeicheldrüse ihre Insulinproduktion ohne erkennbaren Grund ein. Allerdings spielen bei beiden Varianten der Zuckerkrankheit die Gene eine gewisse Rolle.

Entscheidend: die richtige Menge Insulin

Menschen mit Diabetes Typ 1 sind ein Leben lang auf Insulin angewiesen. Wie viel sie davon benötigen, hängt von ihren Lebensgewohnheiten, ihrem Alter und ihrem Stoffwechsel ab. Wenn sie ständig auch nur etwas zu wenig Insulin verabreicht bekommt, wirkt sich das fatal auf den Körper aus: Das Blut überzuckert immer wieder und greift Adern, Nieren, Nerven und Augen an. Wenn es besonders schlimm kommt, versagen die Nieren vollständig, die Augen erblinden, Gliedmaßen sterben ab und müssen amputiert werden. Wer vergisst, sich Insulin zu injizieren, läuft Gefahr, schwer zu überzuckern. In so einem Fall können Betroffene sogar ins Koma gleiten.

Das andere Extrem ist die Unterzuckerung. Sie entsteht, wenn der Körper mehr Insulin bekommt, als er braucht, etwa vor dem Sport. Dem Gehirn geht dann der Treibstoff aus. Erste Anzeichen hierfür sind, dass Betroffene nervös und unkonzentriert werden, vielleicht auch aggressiv. Möglicherweise wirkt ihre Haut blass oder man nimmt sie als verwirrt wahr, vielleicht reden sie Unsinn und finden sich nicht mehr zurecht. Wenn diese Menschen bei solchen Symptomen nicht sofort etwas Gezuckertes trinken oder essen, werden sie bewusstlos.

Heilen lässt sich Diabetes Typ 1 noch nicht: Das tägliche Spritzen wird für die Betroffenen lebenslang Gewohnheit bleiben. Doch gut behandelt können sie ein nahezu normales Leben führen.

Symptome

Zu Beginn der Krankheit schmerzt nichts, und auch sonst gibt es nichts zu beklagen. Das ändert sich, wenn immer mehr Insulin produzierende Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse zugrunde gehen. Dann steigt der Blutzuckerspiegel. Das merken die Betroffenen an großem Durst. Denn der Zucker vermischt sich mit Wasser und entzieht es so dem Körper. Daher ist der Mund meist ausgetrocknet, ebenso wie die Haut.

Außerdem fühlen sich Zuckerkranke oft müde und schlapp. Es fehlt ihnen an Energie, weil der Zucker aus dem Blut ohne Insulin nicht in ihre Zellen gelangen kann. Der Körper versucht daher, aus den Fettreserven Treibstoff zu gewinnen – die Betroffenen nehmen dann ab. Wird der Diabetes nicht oder schlecht behandelt, müssen sie außerdem ständig zur Toilette gehen - in der Sprache der Medizin heißt das Polyurie, häufiges Wasserlassen. Steigt die Blutzuckerkonzentration über einen bestimmten Wert, filtern die Nieren den Zucker aus dem Blut und scheiden ihn über den Urin aus.

Mit Insulin lässt sich den Blutzuckerspiegel fast auf Normalmaß bringen. Wenn Sie Ihre Insulindosis nicht an Ihr Essen und Ihre körperliche Aktivität anpassen, kann das auf lange Sicht Nerven und Adern schaden. Manchmal greift der überschüssige Zucker auch die Nerven des Verdauungstraktes und des Kreislaufsystems an, so dass beide nicht wie gewohnt funktionieren.

Oft können die Nieren den Blutdruck nicht mehr kontrollieren. Ein zu hoher Blutdruck aber schadet auch den kleinen Äderchen in den Augen. Betroffene können dann nicht mehr richtig sehen oder erblinden schlimmstenfalls. Selbst vor dem Liebesleben macht Diabetes nicht Halt: Er kann Männern wie Frauen die Orgasmusfähigkeit rauben.

Diagnose

Bei Verdacht auf Diabetes misst der Arzt als erstes den Blutzuckerwert. Für dessen Bewertung ist entscheidend, wann das Blut entnommen wird: ob vor oder nach einer Mahlzeit. Nach dem Essen ist der Wert höher als davor.

Es gibt vier verschiedene Tests, die der Arzt mit Ihnen machen kann. Jeder Test misst einen bestimmten Blutzuckerwert:

Der Nüchtern-Blutzucker wird vor dem Frühstück bestimmt. Übersteigt er einen Wert von 7 Millimol pro Liter (126 Milligramm pro Deziliter), deutet das auf Diabetes hin. Der so genannte Gelegenheits-Blutzucker kann zu einem beliebigen Zeitpunkt überprüft werden. Übersteigt er 11,1 Millimol pro Liter (200 Milligramm pro Deziliter), ist er zu hoch. Beim Blutzucker-Belastungstest müssen Sie 75 Gramm Traubenzucker essen oder Zuckerwasser trinken. Zwei Stunden später wird Ihnen etwas Blut abgenommen. Bei gesunden Menschen pendelt sich in diesem Zeitraum der Blutzucker wieder auf einen normalen Wert ein. Liegt Ihr Wert auch nach den zwei Stunden noch über 11,1 Millimol pro Liter (200 Milligramm pro Deziliter), haben Sie Diabetes.

Wenn der sogenannte Blutzuckerlangzeitwert HbA1c 48 Millimol pro Liter (6,5 Prozent) erreicht oder überschreitet, ist die Diagnose sicher.

Ist sich der Arzt nicht sicher, ob Sie Typ-1- oder Typ-2-Diabetes haben, kann er das mit einem weiteren Bluttest abklären. Das Immunsystem eines Menschen mit Typ-1-Diabetes produziert charakteristische körpereigene Abwehrstoffe. Der Mediziner kann diese Antikörper in Ihrem Blut nachweisen, zum Beispiel den GAD-II. Die Antikörper sind lange da, bevor sich die Erkrankung mit den ersten Beschwerden meldet.

Therapie

Mit Diabetes können Sie ein normales Leben führen - vorausgesetzt, Sie behandeln Ihre Stoffwechselstörung richtig. Das bedeutet: Es darf nie zu viel oder zu wenig Zucker in im Blut sein. Vermeiden Sie es, zu über- oder zu unterzuckern, und versuchen Sie, durch strenge Kontrolle des Blutzuckerwertes zu verhindern, dass Folgeschäden an Nieren, Nerven und Augen auftreten.

Menschen mit Diabetes Typ 1 brauchen dafür von Anfang an fremdes Insulin. Sie spritzen es in das Fettgewebe am Bauch oder in den Oberschenkel. Sie brauchen dafür nicht unbedingt eine Spritze, sondern können das Hormon auch mit einem so genannten Pen, einem Stift, oder mit einer Pumpe einbringen. Das gleicht das fehlende Insulin in der Bauchspeicheldrüse nahezu aus.

Der Arzt wird Ihnen eine intensivierte Insulintherapie empfehlen, das heißt, fünfmal täglich spritzen. Bei besonderen Problemen ist auch die Therapie mit einer Insulinpumpe möglich.

Lang und kurz wirksames Insulin

Bei der intensivierten Therapie spritzen Sie täglich etwa vier bis fünf Mal Insulin. So sind Sie flexibel und können beispielsweise spontan mit Freunden essen gehen. Um den Grundbedarf zu decken, spritzen Sie morgens und abends ein langwirksames Insulin. Vor den Hauptmahlzeiten steigen Sie auf ein kurzwirksames Insulin um, damit der Zuckergehalt im Blut nach dem Essen nicht zu sehr ansteigt.

Mit der Insulinpumpe ahmen Sie die Arbeit der Bauchspeicheldrüse nach. Dieses kleine Gerät ist mit einem Schlauch und einer Kanüle fest mit dem Körper verbunden. Es gibt mehrere hundert Mal am Tag und in der Nacht sehr geringe Insulinmengen ab. So wird das Insulin ersetzt, das der Körper auch ohne Mahlzeit braucht. Zu Beginn der Behandlung schreibt der Arzt genau auf, wie viel Insulin die Pumpe pro Stunde abgeben soll. Für eine Mahlzeit müssen Sie per Tastendruck dann die richtige Menge wählen.

Allerdings ist so ein Gerät sehr teuer. Es ist auch nicht besonders leicht zu bedienen, misst nicht den Blutzucker und wird nur in bestimmten Fällen von den Kassen bezahlt.

Egal, wie Sie sich Ihr Insulin zuführen: Achten Sie darauf, dass Sie die Dosis Ihren persönlichen Lebensumständen anpassen. Sonst kann die Krankheit weiter fortschreiten. Kontrollieren Sie daher täglich Ihren Blutzuckerwert. Zeigen Sie Ihrem Diabetologen auch regelmäßig Ihre Füße, lassen Sie Augen und Nieren untersuchen. Vergessen Sie nicht, regelmäßig den HbA1c-Wert messen zu lassen.

Tipps

Machen Sie sich zum Experten für Ihre Erkrankung, damit Sie immer wissen, was Sie tun und lassen sollten. Helfen kann Ihnen dabei ein Schulungsprogramm in einem spezialisierten Krankenhaus oder in einer Schwerpunktpraxis für Diabetes. Zusätzlich bieten die Krankenkassen Disease-Management-Program an, in welchem die Behandlung Ihres Diabetes organisiert wird.

Insulin und Traubenzucker sollten Sie immer bei sich haben: So können Sie auf eine Über- oder Unterzuckerung sofort reagieren. In ein Diabetes-Tagebuch tragen Sie neben den Ergebnissen der Blutzuckerwerte auch besondere Ereignisse ein wie Krankheiten, Unwohlsein oder Reisen. So können Sie erkennen, wie Ihr Körper worauf reagiert und wie sich die Krankheit entwickelt.

Fallen Sie nicht auf die Werbung herein: Lebensmittel mit dem Aufdruck "für Diabetiker geeignet" sind es gar nicht. Sie enthalten statt Zucker meist so genannte Zuckeraustauschstoffe. Die beeinflussen den Zuckerstoffwechsel zwar weniger als normaler Haushaltszucker, haben aber genau so viele Kalorien und können zudem zu Durchfall und Blähungen führen.

Menschen mit einer chronischen Krankheit wie Diabetes haben ihr Päckchen zu tragen: Oft bedrückt nicht nur die Krankheit selber, sondern auch die Verantwortung und die Selbstdisziplin bei der Behandlung. Entlasten Sie sich, indem Sie mit Ihrem Arzt, einem Psychologen oder einem guten Freund darüber reden.

Expertenrat

stern.de-Experte Ulrich Alfons Müller, Diabetes-Experte am Universitätsklinikum der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, beantwortet Ihre Fragen:

Kann ich vorbeugend etwas tun, um nicht an Typ-1-Diabetes zu erkranken?

Nein. Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung und nicht von den Lebensgewohnheiten der Betroffenen abhängig. Es gab zwar Versuche, das Immunsystem zu beeinflussen, aber das hat den Ausbruch der Erkrankung nicht verhindern können. Es gibt Beobachtungen über Zusammenhänge von Diabetes Typ 1 und Umweltfaktoren. Erkenntnisse darüber, wie die Krankheit verhindert werden kann, sind aber noch nicht verfügbar.

Muss ich mit Diabetes Typ 1 besonders auf meinen Körper achten?

Immer wieder ist zu lesen und zu hören: Diabetes könne zu Zahnfleischentzündung führen und die körpereigene Abwehr schwächen, Patienten mit Diabetes bekämen leichter eine Nebenhöhlen-, Nieren- oder Blasenentzündung sowie eine Pilzerkrankung der Haut. Doch das stimmt so nicht. Wenn die Blutzuckerwerte langfristig gut sind, ist die Gefahr von Infektionen nicht größer als bei Menschen ohne Diabetes. Nur wenn Sie sehr schlechte Blutzuckerwerte haben, schwächt das Ihre Abwehrkraft und erhöht das Risiko für Infektionen. Also sollten Sie in erster Linie auf gute Blutzuckerwerte achten.

Kann ich mit einem Diabetes Typ 1 Sport treiben?

Bei Menschen mit Diabetes Typ 1 führen Bewegung und Sport zu Blutzuckerschwankung, sie können schneller unterzuckern. Wer Freude an Sport hat, muss jedoch nicht darauf verzichten, sollte aber einige Regeln beachten. Während und nach körperlicher Belastung benötigen Sie weniger Insulin. Bei länger dauernder Bewegung müssen Sie zusätzlich etwas essen, das den Blutzucker wieder erhöht. Messen Sie unbedingt vor und während der körperlichen Belastung den Blutzuckerwert. Wie Sie Ihre Therapie an das Sportprogramm anpassen, lernen Sie im Behandlungs- und Schulungsprogramm für intensive Insulintherapie.

Muss ich mit Diabetes Typ 1 eine bestimmte Diät einhalten?

Nein, diese Zeiten sind vorbei. Neue Studien zeigen, dass sich die Ernährungsempfehlungen für gesunde Menschen und Patienten mit Diabetes Typ 1 kaum unterscheiden. Wer sich ausgewogen und gesund ernährt, braucht sich nicht einzuschränken. Gezuckerte Getränke sind allerdings nur für die Behandlung einer Unterzuckerung geeignet. Und auch auf Instantprodukte sollten Sie besser verzichten. Aufgrund des Herstellungsprozesses erhöhen sie den Blutzuckerwert schneller und stärker. Bereiten Sie den Kartoffelbrei lieber selber zu - das schmeckt auch besser.

Nicole Simon

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