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Ein Abschied auf Raten

Es ist ein verzweifelter Kampf gegen das Vergessen: So wie Schalkes Ex-Manager Rudi Assauer leiden Hunderttausende Menschen in Deutschland unter Alzheimer. Das Wichtigste zur Volkskrankheit.

Von Lea Wolz

"Wie ausgewechselt - verblassende Erinnerungen an mein Leben" hat der ehemalige Bundesliga-Manager Rudi Assauer seiner Autobiografie genannt, in der er über sein Leben mit der Krankheit Alzheimer schreibt. Tatsächlich bedeutet die Erkrankung einen langsamen Abschied aus der Welt: Schleichend schwindet der Geist und der Mensch verändert sich. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Leiden, das immer mehr Bundesbürger betrifft.

Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?

Hinter dem lateinischen Wort Demenz (übersetzt "ohne Geist") verbergen sich mehr als 50 Krankheitsformen, die alle durch einen zunehmenden Verlust der geistigen Fähigkeiten gekennzeichnet sind. Das Absterben von Nervenzellen im Gehirn wirkt sich auf Gedächtnis, logisches Denken, Sprache, Orientierung und auf die Persönlichkeit aus. Alzheimer ist die Form der Demenz, die am häufigsten auftritt: Etwa zwei Drittel aller Demenzerkrankten leiden an Alzheimer. Mit dem Alter steigt das Risiko an Demenz zu erkranken, die meisten Betroffenen sind über 65 Jahre alt. Vereinzelt kann es auch Jüngere treffen, wobei in diesen Fällen häufig genetische Faktoren eine Rolle spielen. Die Krankheit Alzheimer wurde nach ihrem Entdecker, dem deutschen Arzt Alois Alzheimer, benannt. Vor gut hundert Jahren beschrieb er erstmals die Erkrankung und konnte im Gehirn einer betroffenen Patientin die typischen Veränderungen nachweisen.

Wie viele Menschen sind in Deutschland an Demenz und ihrer häufigsten Form Alzheimer erkrankt?

1,2 Millionen Menschen sind laut "Deutscher Alzheimer Gesellschaft" hierzulande von einer Demenzerkrankung betroffen. Da es immer mehr ältere Menschen gibt, geht die Gesellschaft davon aus, dass die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf über 2,6 Millionen steigen wird - sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt. Die Zahl der Alzheimerpatienten wird in Deutschland auf etwa 800.000 geschätzt.

Welche Symptome sind typisch?

Eine Alzheimer-Demenz verläuft häufig in drei Stadien, zwischen denen meist Jahre vergehen. Allerdings durchläuft nicht jeder Erkrankte alle Phasen - bei manchen treten bestimmte Symptome früher auf, andere bleiben aus. Dennoch lässt sich ein grobes Muster erkennen. Zu Beginn leiden Betroffen vor allem unter Gedächtnisstörungen. Sie wirken ein wenig verschusselt, verlegen Dinge, vergessen Namen und können sich nur schwer konzentrieren. In diesem Stadium nehmen Betroffene noch wahr, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Sie schämen sich, versuchen Fehler zu vertuschen und erfinden Ausreden. In der zweiten Phase ist auch das Langzeitgedächtnis betroffen. So verblassen etwa Erinnerungen an die eigene Heirat, dazu kommen Orientierungsschwierigkeiten, Denk- und Merkfähigkeit sind beeinträchtigt, und die Persönlichkeit kann sich verändern. Mitunter werden der Ehepartner oder die Kinder nicht mehr erkannt. In diesem Stadium verlieren Alzheimerpatienten meist auch das Bewusstsein für ihre Erkrankung. Für Angehörige ist diese Phase besonders belastend und erfordert viel Geduld, da sich auch das Verhalten der Erkrankten verändert - diese sind nervös, rastlos, laufen immer wieder weg und reagieren gereizt. Im dritten Stadium der Erkrankung scheinen Alzheimerpatienten völlig in ihrer eigenen Welt zu leben. Sie bauen nicht nur geistig, sondern auch körperlich ab. Sie verlieren ihre Sprache immer mehr, viele verstummen völlig. Die Kontrolle über Blase oder Darm geht verloren, die Menschen sind vollkommen auf Hilfe anderer angewiesen, müssen gefüttert werden. Obgleich es mitunter scheint, als ob die Erkrankten alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt hätten, können sanfte Berührungen oder etwa auch Musik Reaktionen auslösen.

Was sind die Ursachen des Leidens?

Bei an Alzheimer erkrankten Menschen sterben im Gehirn nach und nach Nervenzellen ab. Zudem gehen die Verbindungen zwischen diesen Zellen verloren. Warum das passiert, ist noch nicht genau geklärt. Eine wichtige Rolle dabei spielen allerdings Eiweißablagerungen, sogenannte Plaques. Sie scheinen den Stoffwechsel der Nervenzellen zu stören. Klar ist auch: Sind die Eltern oder die Geschwister an Alzheimer erkrankt, ist das Risiko höher, selbst zu erkranken, denn ein genetischer Faktor scheint eine Rolle zu spielen. Doch wie groß dieser Einfluss ist, darüber streiten Wissenschaftler. Wer in der eigenen Familie gehäuft Alzheimerfälle zu verzeichnen hat, sollte daher zwar wachsam auf Anzeichen achten, doch einen Grund zur Panik sehen Experten nicht, da die Erkrankung nicht ausbrechen muss.

Gibt es eine Therapie?

Geheilt werden kann Alzheimer nicht, durch Medikamente lassen sich die Symptome der Krankheit allerdings abschwächen, und der Verlauf kann verzögert werden. Daher sollten die sogenannten Antidementiva möglichst früh am Beginn der Krankheit verabreicht werden, eine rechtzeitige Diagnose ist nötig. Das ist allerdings nicht immer leicht, da ein gewisses Maß an Vergesslichkeit im Alter nicht ungewöhnlich ist. Um abzuklären, ob es sich tatsächlich um eine beginnende Alzheimer-Demenz handelt, sollte ein Arzt aufgesucht werden - spätestens, wenn die verdächtigen Anzeichen sechs Monate andauern. Eine erste Orientierung geben auch Früherkennungsfragebögen oder der sogenannte Uhrentest. Die Diagnose "Alzheimer" wird immer noch nach dem Ausschlussverfahren erstellt: Der Arzt muss also prüfen, ob die Gedächtnisstörungen nicht etwa auf einen Hirntumor oder eine Depression zurückzuführen sind. Einen zuverlässigen Labortest, mit dem sich Alzheimer nachweisen lässt, gibt es noch nicht. Neben Medikamenten verbessern auch Gedächtnistraining oder Musiktherapie die Lebensqualität der Betroffenen. Da Faktoren wie Übergewicht, erhöhte Cholesterinwerte oder zu hoher Blutdruck eine Demenzerkrankung begünstigen, bietet eine gesunde Lebensweise einen gewissen Schutz. Eine ausgewogene Ernährung zählt ebenso dazu wie Sport und Bewegung. Zudem haben Studien gezeigt, dass geistig rege und sozial aktive Menschen seltener an Demenz erkranken.

Wo finden Betroffene und Angehörige Rat und Hilfe?

Umfassende Informationen bietet das Bundesfamilienministerium auf dem Internetportal "Wegweiser Demenz". Dort finden sich Informationen über die Erkrankung, Tipps zu Betreuung und Pflege sowie Informationen zu gesetzlichen Leistungen. Hilfreiche Adressen, Fragen und Antworten zu Erkrankung und Informationen sind auch auf den Seiten der "Deutschen Alzheimer Gesellschaft" abrufbar. Hintergründe, Hilfe und Information sowie Hinweise für das Leben mit Demenzkranken stellt auch das Bundesgesundheitsministerium bereit. Weitere Informationen, ein Früherkennungstest und Broschüren zum Thema sind beim "Deutschen Grünen Kreuz" erhältlich. Eine nach Postleitzahlen geordnete Liste mit Einrichtungen, die Gedächtnissprechstunden zur Alzheimer-Früherkennung anbieten, findet sich unter "www.hirnliga.de".

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